12/02/2009


die zeit verging wie im flug, doch nach fünfzehn fleischlosen jahren habe ich zugeschnappt. in beaune. das fremdgehen im ausland zählt nicht, noch viel weniger wenn der eigene freund der verführer war. die charolaisrinder im nachbarland machen den eindruck, als grasten sie ihrem ende auf dem teller gelassen entgegen. weiß und unschuldig im satten grün, ich nun: ein beschmutzer vegetarier. vielleicht werde ich mit dem thema fleisch also in zukunft noch ein hühnchen rupfen. anlass gab mir zumindest das gänse-essen, das mir vergangenen samstag das erste mal angst vor dem alter bescherte. das fleisch des federviehs spielt dabei eine nachgeordnete rolle, vielmehr beschäftigt mich der abend, da er auf mich wirkte wie eine episode in einer reihe von abschiedsfeiern an die jugend, die die rundum sitzenden gäste begingen. fleischeslust nur noch für geschmacklose designeroben, auf der seite der herren für alles, außer der eigenen frau. vielleicht braucht man das saftige tier wieder zwischen den zähnen, wenn die ödnis von festanstellung und ehe beginnt am verstand zu nagen.
bis das letzte wochenende ins reine geschrieben ist, möchte ich auf eine andere fleisch-kolumnisten verweisen, die neben kleinen, bissigeren texten eine große reportage über die porno-industrie in kalifornien schrieb. ein appetitzügler, gerade richtig für die adventstage, von susannah breslin: they shoot porn stars, don't they?


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Gepudert und im kalten Rampenlicht in den Schein gerückt, sollen Brüste ein Talent ersetzen, das gerade von Mittelmaß auf einem Tiefpunkt angekommen ist und nun wie von Hand eines Zauberbras in eine schönere Form gegossen werden soll. Irgendwo zwischen dem Anruf und der zitternden Zusage hatte der zarte Geist schon vergessen, dass Brüste noch nie den Pfad der ersehnten Karriere weiter pflastern konnten, den die Aussicht auf den vergänglichen erotischen Ruhm heller erscheinen ließ. Titten brachen noch nie jemandem das Herz, vielleicht kurzweilig den Verstand. Eine kurze Irritation wird nur selten zu einer Kaufentscheidung, noch viel unwahrscheinlicher zu einer langfristigen Bindung. Zieht sich also die Sängerin einer erfolglosen Popband zur Veröffentlichung des neuen Albums für eine Männerzeitschrift aus, ist sie immerhin klug genug zu wissen, dass Texte, Musik und Witz des Werkes weniger Wert sein werden als die Entlohnung für retuschierte Gymnastik am Strand einer Ferieninsel. Kein verkauftes Album mehr, sitzen gelassen mit Fotos, die billig sind und trostlos begehrlich. Stets erschrickt man zuerst vor den öligen Kurven und dann vor dem türkisblauen Wasser, während ein künstlerisches Foto zunächst stets durch Qualität und Kanten ins Auge springt, bevor der Akt zu sprechen beginnt.

Modefotos hingegen wirken umso eleganter und tiefgründiger, desto weniger Kleidung die Inszenierung benötigt. Vielleicht, weil so viele Stoffkonstruktionen erdacht wurden von Köpfen, die den weiblichen Körper nur schätzen können wenn er um seine Existenzgrundlage beraubt wurde, ihn nie reizvoll sondern nur als Grundgerüst für eine Plastik aus Webstoff befanden und wir Geschneidertes immer dann als erregend empfinden, wenn es die Kurven des Körpers betont und überzeichnet. Die Erregung schafft im Playboy dann eine linkisch eingesetzte Bildbearbeitung, die das Püppchen auf den ausgelutscht verlockenden Stereotyp eines Spindschmucks schneidert, der mit individueller Schönheit nichts mehr zu tun hat. Darum geht es auch nie, wenn der Playboy anruft. Am anderen Hörer sitzt kein Verehrer, der seiner Muse ein Denkmal setzen will, sondern der Verkünder einer Entscheidung, die auf ökonomischem Kalkül beruht. Eine Formel, die aus einer D-Prominenz, dem natürlich hübschen Körper einer Frau Anfang 20 und deren Parkplatz in der Tiefgarage ihrer Laufbahn eine Hochrechnung für Verkaufszahlen der glänzenden Blätter erstellt.

Irgendjemand haucht dem Unglücksraben den Floh ins Ohr, ein selbstbewusster Umgang mit dem entblätterten Körper sei unabhängig, mutig und Frau. So ein irgendjemand, der es für gerechtfertigt hält, dass Frauen in gleichen Positionen weniger verdienen, jemand der die Leistung das Selbst so wenig gern zu haben, dass man den Körper her gibt für ein paar Euro pro Leser, mit mehr monetärer Wertschätzung entlohnt als 500 Seiten kluge Gedanken oder ein Jahr Aufopferung im Altenheim. Dann glaubst du ihm sogar, dass wenn keiner deiner Partner es je geschafft hat, dass du die Liebe fühlst und deine Brüste als Dreingabe achtest, die dir aufmunternd zuzwinkern, dies ein paar tausend Leser vollbringen, die dich bei ihrem nächsten Umzug ins Altpapier sortieren, und schon ein Jahr zuvor vergessen hatten.





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Claim abstecken
hat was von Love-Parade
oder Rock am Ring
wahrer Freestyle
mit einem Seil am Fuß
von einer Brücke

wir lieben das Wortspiel

den wirksamen TV-Auftritt
CK als Talarduft, Sex und
Anmache und Aufstiegs-
chancen, aber nur reelle
werden wirklich heiß
gehandelt

in Stuttgart haben so sechs
bis sieben durchgehalten

in Berlin war ein Marsch
durch die Institutionen
geplant

in Pekig stand einer allein
vor einem Panzer

keiner hatte
ein Buch, das
alle gelesen hatten
dafür Organisationen
und Webseiten

kein Stein
der aus einer Hand
oder vom Herzen fiel



Finke, Johannes. Blindflug - verliebt. Agenbach: Lautsprecherverlag 1998.
In liebenswürdigem Einvernehmen mit dem Autor.




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schall & fieberwahn mit tocotronic und hugh kretschmer. zu mehr als der meerschweinchengrippe bin ich mitnichten im stande.

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Die neue Koalition tanze unter dem Motto „Celebrating Diversity“ – so spotten manche nachdem am Wochenende übernächtigte und doch heitere Honigkuchenpolitponies die Konstellation des schwarz-gelben Kabinetts in die Mikrophone jauchzten. Diversity, ein Trendbegriff in modernen Unternehmen, der dort viel leichter von den Lippen zu flutschen scheint als Gleichstellung, wird nun mit überraschten Minen einer konservativen Regierung zugeschrieben, die ihren Stall nicht nur für Fohlen öffnete. Die optische Täuschung scheint perfekt. Angela Merkel, die seit Jahren Erfahrung als Farbklecks in der Politifotografie sammelt, gelingt es auch nach dem Wahlkampf durch grelle Signale gleichsam zu irritieren wie zu beruhigen. Ein bekennender Homosexueller in der Bundespolitik, ein deutscher Arzt mit vietnamesischen Vorfahren, ein schön geschriebener Mediendarling und ein Mann im Rollstuhl. Wer all diese aus der politischen Norm fallenden Männer eng in die Arme des Zirkels der Macht schließt, signalisiert den Blick nach vorn. Vor allen Dingen veranschaulicht die Auswahl der Minister für die kommende Legislaturperiode aber, wie leicht die politische Wahrnehmung zu trügen ist, denn das Konzept der Diversität ist an dieser Stelle das falsche Label und ein verfrühtes Ziel. Die Frau ohne Kronprinz vereint ihr Versagen dienlicher Weise in ihrer eigenen Person. Denn wo andere nicht müde werden zu beklatschen, dass ein Mädchen aus Ostdeutschland nun zum zweiten Male den Regierungsvorsitz erklimmen konnte, notiert der kritische Blick die Unterrepräsentation von den Attributen, mit der man so gerne Angela Merkel umschreibt: die neuen Länder und Frauen. Wie viele Minister wiegt eine Kanzlerin? Und was denkt Alice Schwarzer, wie viel Frauenpower das Neutrum Angela Merkel wiegt? Liest man die aktuelle Ausgabe der EMMA, scheint Schwarzer der Regierungschefin einen Platz auf ihrem Thron einräumen zu wollen – geblendet von Jahrzehnte langem Warten auf eine Frau in deutscher Spitzenposition.



Doch Merkels Engagement äußert sich als dreifacher Dämpfer für ihr eigenes Geschlecht: sie verweigert sich weiterhin ihrer frauenpolitischen Aufgabe, sie besetzt mit Ursula von der Leyen abermals eine Ministerin, die das Wort Frau mit den Worten Mutter & Gattin verwechselt (und verweigerte zudem dieser Frau den Karrieresprung auf den Posten der Gesundheitsministerin) und regiert nun mit einer Truppe aus 11 Männern und 4 Frauen.
Und obgleich die Zusammensetzung eines Kabinetts keine Zustandsbeschreibung von Politik und Gesellschaft zu sein vermag, ist ihre Signalkraft nicht von der Hand zu weisen.

Ursula von der Leyen wird weiterhin geschönte Geburtenzahlen verlesen müssen oder ihre Aussage Familien hätten in der Krise Konjunktur revidieren müssen, wenn die demographische Entwicklung weiterhin von ihrem Auftrag abweicht – was sie wird. Dahingestellt sei, ob eine „Generation Google Wave“ tatsächlich in den Geburtenstreik tritt, sei es aufgrund von der Leyens Rolle bei den Netzsperren oder der Zukunftsangst, die politische Entscheidungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bei jungen Menschen schüren oder schlicht von Tatsachen befeuert wird, die schwerer wiegen als die biologische Uhr.

Mein Nachwuchs soll sowohl die Tigerente als auch Biene Maja wieder in kindgerechter Form kennen lernen. Mein Kind soll später lesen dürfen über Steueraffären von Firmenchefinnen und ausgelaugte Kindergärtner. Ich will Qualitätsjournalismus in meinem Briefkasten, der meinem Mann nicht erklärt, wie er mich mit seinen Küchenkünsten an die Spitze des Berges kocht, oder wie ich eine Affäre auf dem Spielplatz beginne. Diese Kunst beherrschen wir, seitdem wir fünfzehn sind. Ich will mehr Spendebuttons auf Blogs, um mich für die exzellenten Inhalte und klugen Debatten zu bedanken. Und ich möchte dem Missy-Magazine noch zum Geburtstag gratulieren.

Mit all diese guten Wünschen vor Augen, schläft es sich erstaunlich gut.



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