Für die re:publica-Konferenz habe ich meine Herzensthemen Beziehungen, Freiheit und Arbeit in einen Vortrag gepackt, denn für mich gehören sie zusammen. Ich sehe es wie Anne-Marie Slaughter, euch vielleicht bekannt als die Autorin des Atlantic-Essays "Why women still can't have it all", die bei ihrem Berlin-Besuch sagte: „Wenn mir jemand sagt, seine Arbeit ist wichtiger als seine Familie, würde ich ihn nicht einstellen.“ In der Realität vieler Arbeitsverhältnisse sieht es jedoch so aus, dass die Priorisierung von Familie, Partner_innen und Freund_innenschaft als falsche Einstellung zur Arbeit ausgelegt wird. Die Selbstausbeutung wird vorausgesetzt, wer nicht an körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen geht - und dabei seine Beziehungen belastet - gibt nicht das, was von jemandem erwartet wird, der "für seinen Job" lebt.

Doch:

Beziehungen und Freundschaften sind keine Nebensache. Sie sind Fundament für Gesellschaft und Wirtschaft.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass stabile Beziehungen, die Raum und Zeit erhalten, Voraussetzungen dafür sind, gut arbeiten zu können. In Zeiten der Entgrenzung, in denen wir auch für Arbeitgeber_innen und Kolleg_innen *immer* zu erreichen sind, muss im Gegenzug berücksichtigt werden, dass Gesundheit und soziales Leben keine Privatsache sein können, vor allem dann nicht, wenn ihnen die Grundlage geraubt wird. In dem Sinne gelesen bedeutet Post-Privacy Verantwortungsübernahme für andere. In meine Vortrag plädiere ich deswegen für eine beziehungsorientierte Sicht auf Arbeit. Was das bedeutet, erfahrt im im Video. Das Manuskript reiche ich noch nach. Die Folien finden sich bei Slideshare.

Labels: , , , ,

4/27/2013

Aktivist_innen sind dann erfolgreich, wenn sie die Logik eines Systems unvermittelt und heftig auf den Kopf stellen. Denn nur aus der Asche des Kritikgegenstandes, können die neuen Ideen erwachsen. Chaos ist eines der Ziele von Femen, wie sie in ihrem Manifest erklären: „FEMEN - is the new Amazons, capable to undermine the foundations of the patriarchal world by their intellect, sex, agility, make disorder, bring neurosis and panic to the men's world“. Radikaler Aktivismus will keine bessere Welt, er will eine neue.

Die Aktivistinnen von Femen wollen extrem und kompromisslos sein. Doch ihre Idee ist alt: Die Frauen der international organisierten Gruppe protestieren mit entblößten Brüsten. Ihre Idee ist kraftlos ­– trotz hoher Medienpräsenz. In Deutschland, wo Femen zuletzt in Hannover bei einem gemeinsam Auftritt vom russischen Präsidenten Wladimir Putin und der Kanzlerin Merkel protestierte, ist Nacktheit medialer Alltag. Eine freie Brust kann niemanden erschüttern – bis auf männliche Teenager ohne Internetzugang. Die Fotos, auf denen die Politiker erschrocken auf die Femen-Aktivistinnen blicken, dokumentieren wenige Sekunden Wirklichkeit. Nicht genug, um die Zielpersonen zum Nachdenken zu bewegen. Dass Ausziehen noch allzu oft als mutig bezeichnet wird, ist eine Pseudomoral, die herangezogen wird, wenn der Narrativ fehlt. Denn welche Bilder eines Postpatriarchats haben Femen tatsächlich vorgelegt – bis auf eine bloße Ablehnung des Ist-Zustandes?

Dass Femen dennoch Aufmerksamkeit erregen, liegt nicht allein am Nachrichtenwert des entblößten Frauenkörpers. Die straffen, naturbelassenen Brüste der jungen Frauen sind auf den ersten Blick zwar eine zweifelhafte Reproduktion des westlichen Schönheitsideals der weiblichen Form, sie erfüllen jedoch auch die Ziele eines kontemporären Feminismus. Sie suggerieren Aufbruch. Denn der nackte Protest bringt die Aktivistinnen in den Mainstream – der Ort, an dem Feminismus sich entfalten muss, um die Geschlechterrevolution zu mehr als einer Theorie werden zu lassen. Femen sprechen Männer an, weil Brüste nicht allein Fetischobjekt ihrer Besitzerinnen sind, und wirken damit in der öffentlichen Rezeption gegenüber Formen des Feminismus zunächst überlegen, dem Lustfeindlichkeit vorgeworfen wird. Femen beherrschen zudem den Umgang mit Medien auf zweifacher Ebene: sie surfen die Agenda und unterwerfen sich der Medienlogik. Denn der einfachste Weg von Journalist_innen beachtet zu werden, ist die Suche und die Attacke auf große Gegner – gepaart mit dem ultimativen weiblichen Reiz ist die Berichterstattung garantiert.

Doch die Brust ist eine tückische Waffe. Sie katapultiert ein Thema in die Öffentlichkeit doch lässt seine tieferen Inhalte in den Scherben ihres Sprengsatzes verblassen. In übersättigten Markt der sexuellen Bilder ist sie ohne Wert. Welche Brust heute mit welcher Botschaft verknüpft war, kann das Publikum kaum noch erinnern. Brüste sind überall, doch sie sind schon lange nicht mehr politisch. Denn ihre Bilder erzeugen – anders als Aktivismus es intendiert – keinerlei Bewegung. Sie fügen sich ein in den Nachrichtenstrom, der zwar Informationen bewegt, aber weder Köpfe noch Herzen. Erst unbeachtet und entpolitisiert ist die Brust frei ­– und damit ein Stück ihrer Trägerin.

Die Brust ist bei Femen ein individuell selbstbestimmtes Mittel, doch kein universelles Symbol der Selbstbestimmung. Denn so unterschiedlich Frauen sind und so vielfältig der Feminismus, wird das Für-Frauen-Sprechen schnell zur Bevormundung, oder, wie zum Beispiel bei Femen geschehen, zu Rassimus gegenüber muslimischen Frauen. In dem sich ein Feminismus über den anderen erhebt, in dem sich Feminist_innen gegenseitig Fehler und Schwächen vorwerfen, entwerfen sie eine öde Kopie des von ihnen kritisierten politischen Systems. Das Mutigste, das Frauen heute tun können, ist anstatt füreinander wieder mehr miteinander zu sprechen, und Bündnisse ausgehend von ihren Unterschieden zu schmieden. Eine radikale Allianz von Frauen würde tatsächlich überraschen und wäre der Beginn einer feministischen Utopie.

___

Dieser Text ist zuerst erschienen in "der Freitag" (17/2013) zum Wochenthema "Es geht nur so – Junge Frauen machen mit ihrem Körperpolitik" als einer von drei Texten. 

Labels: , , , , ,


I saw the brightest women of my generation 
wasting their brains
beautifying and starving themselves
to dullness and death.


Das Schweigen brechen – das hat #aufschrei ermöglicht. Ein weiteres Mal, doch in einer neuen Dimension.  Die Fähigkeit und der Mut über Geschehnisse zu sprechen ist wichtig um zu heilen, um das Vertrauen in die Welt und in andere wieder zu fassen. #aufschrei ist ein Anstoß und allein deswegen schon bedeutsam und wertvoll. Wer glaubt, die ersten Wochen dieses Jahres, in denen intensiv über sexualisierte Gewalt und Sexismus debattiert wurde, hätten nichts bewirkt, irrt. Die Medienlogik hat den Prozess dabei vielleicht überfordert, Aktivist_innen und Betroffene jedoch wissen, dass die »Heilung« von den gesellschaftlichen Strukturen, die eine kranke Welt hervorbringen, Zeit brauchen wird. Dass es viel wichtiger als ein politischer Maßnahmenkatalog ist, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen. 

Als Kathrin Koehler mich kürzlich interviewte und fragte, wie ich #aufschrei erlebt habe, habe ich mich nicht getraut wirklich offen zu antworten, weil ich die Wochen ambivalent erlebt habe und zu allererst dankbar dafür bin, dass der #aufschrei begonnen hat. Ich habe in den vergangenen Jahren nichts erlebt, was mich so gestärkt hat, wie die feministische Vernetzung über das Internet und die Menschen, die ich darüber kennengelernt habe, das Wissen, das ich neu erworben habe, die Debatten, in die ich involviert war. Auf der anderen Seite hat mich die erste Woche des #aufschrei tief getroffen, seelisch und körperlich fertig gemacht. Ich habe geweint, gekotzt, kaum geschlafen. Die Erinnerung an Übergriffe und das Lesen von Erlebnissen anderer ist nicht weniger als eine Re-Traumatisierung.
Ist es ein Trauma, wenn dir jemand an die Brust fasst? Die traumatische Qualität einer sexuellen Belästigung mag eine andere sein als die einer Vergewaltigung. Doch unterschätzt die Summe von Mikrotraumata nicht; unterschätzt nicht, dass Menschen individuell auf Erlebnisse reagieren. Wenn dir als Person über viele Jahre nahezu jeden Tag ein Übergriff geschieht, sei es, dass dir jemand „geile F*tze“ hinterherruft, dich beim Joggen aufhält, so dass du dich losreißen musst, dir in einer Bar an den Arsch fasst, ein Wildfremder dich versucht zu küssen, dein Aussehen kommentiert wird, kritisiert wird, und immer egal ist, wer du eigentlich bist und was du kannst, sondern du ein beliebiges Objekt bist, sexualisierbar und ideal für eine Demütigung – wie soll so etwas nicht zermürben? Das Selbstbewusstsein zerfressen? Dich daran zweifeln lassen, ob es schön ist, eine Frau zu sein? Ob du diese Frau sein willst? 
Was ich immer wieder von anderen Frauen gelesen habe und selbst nur so wiedergeben kann: wir können die Übegriffe nicht mehr zählen, sie sind zahllos. Ich nehme von den Tagen Notiz, an denen es nicht passiert. Die Sprüche, mit denen Frauen degradiert und belästigt werden, könnten Bibliotheken füllen. 

Wie wollen wir selbstbewusste Menschen heranziehen, wenn wir ihnen sagen müssen, dass Gefahr lauert? Wenn diese Gefahr tatsächlich real ist, selbst in der ländlichen Idylle eines Dorffestes? Wie sollen unsere Töchter selbstbewusste Frauen werden, wenn das Leben als Frau nicht von Gleichberechtigung geprägt ist, sondern von negativen Erfahrungen aufgrund ihrer Weiblichkeit? 

Als Frau nehme ich eine Welt wahr, die gespalten ist: in die Welt, in der wir funktionieren und sprechen können, und in die andere, in der wir verletzt sein dürfen und das aussprechen, worüber wir in der anderen Welt schweigen. Ich bewege mich in relativ privilegierten Kreisen: die Frauen, zu denen ich engen Kontakt habe, sind überwiegend weiß, stammen aus der Mittelschicht, haben höhere Bildungsabschlüsse und sind finanziell unabhängig. Es sind die Frauen, die heute schon als gleichberechtigt betrachtet werden. Von denen Sheryl Sandberg erwartet, dass sie die Führungspersönlichkeiten von morgen werden. Und doch kenne ich unter ihnen kaum eine einzige, die nicht traumatisiert ist und ihr Schweigen irgendwann zumindest in einer Therapie gebrochen hat. Vielen geht es dabei wie Stephan in seinem Blog beschreibt: Sie fragen sich, ob sie diese Therapie denn tatsächlich brauchen, ob es so schlimm war. Ob man mit dem bißchen Trauma nicht alleine klar kommt? Das Abi haben wir ja schließlich auch geschafft.

Traumata kommen in vielen Formen, sie müssen nicht von sexualisierter Gewalt ausgehen. Das Gewalttätigste, was ich in der westlichen Welt mit eigenen Augen beobachte, sind dabei Essstörungen und andere Selbstverletzungen. Die Erniedrigung delegiert in die eigenen Hände. Zu den gesellschaftlichen Mechanismen, die dahinter stecken, dringen die wenigsten Analysen vor, denn: „die Mädchen und Frauen entscheiden sich ja für den Hunger, für das Erbrechen, für das übermäßige Essen“. Aus meiner damaligen Schulklasse sind ab etwa 1998, als wir 13 und 14 waren, über die Hälfte der jungen Frauen an Essstörungen erkrankt, manche auch erst im Studium. Es gab zu dem Zeitpunkt bereits die ersten Pro-Ana-Foren im Internet, die Celebrity-Kultur war weniger ausgeprägt, auch Germany’s Next Top Model gab es noch nicht. Wir erkrankten meist noch vor dem ersten Sex oder vor der Zurückweisung von einer Person, in die wir verliebt waren. Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterberate, bis zu 15 Prozent überlegen das Hungern nicht. Die meisten Frauen begleitet die Esstörung nicht nur für die Dauer der akuten Erkrankung, sondern ein Leben lang.
Die Sache ist komplexer und ja, sie ist eng verknüpft damit, welche Freiräume wir jungen Menschen in ihrer Entwicklung lassen und welche Erwartungen wir an sie richten. An sie als Person, nicht einmal an ihr Gewicht. Ob sie sicher wissen können okay zu sein, und nicht an engen Normen scheitern. Für die FAZ schrieb ich einmal: 
„Es zählt zu den Mythen über Esstörungen, Kalorien und Normalgewicht würden sie kurieren, genau wie von Medien transportierte Körperideale für die Sucht, verschwinden zu wollen, verantwortlich gemacht werden können. Vom Löschen eines Pro-Ana-Blogs wird keine Hungerkünstlerin gesund. Es ist eine billige und naive Sichtweise auf komplexe Erkrankungen wie Magersucht, die Ursachen vorrangig in Fotos dünner oder zerbrechlich zurecht retuschierter Frauen zu suchen. Die Sisyphusarbeit, Nutzerinhalte aus dem Netz zu entfernen, die psychische Leiden sichtbar machen, mag politisch korrekt erscheinen, sie hilft den Betroffenen jedoch wenig und wird Neuerkrankungen kaum verhindern können. Denn es ist nicht das Netz, das krank ist und krank macht, es sind nicht die bloggenden Bulimiker und ritzende Teenager, die verrückt sind. Bilder, die zum Hungertod inspirieren sollen, geht eine Wirklichkeit voraus, die zum Kranksein und Kotzen inspiriert.
Das aber nur als Exkurs. Was mich immer noch – and I will not excuse my language – ankotzt, ist die Scheinheiligkeit dieser „Leistungsgesellschaft“, die über ihre Strukturen junge Menschen erst kaputt macht und ihnen dann abverlangt, ein Übermensch zu sein. Und ich hoffe, dass #aufschrei die Bühne dafür eröffnet, darüber sprechen zu können, was uns krank macht, was uns traumatisiert hat, was wir fühlen und was wir wirklich wollen. Ich finde nichts langweiliger, feiger und verlogener als glatte Lebensläufe und Darstellungen der eigenen Persönlichkeit, die auf Unangreifbarkeit getrimmt sind. Dann über diese Verhaltensweisen wird dazu beigetragen, dass weiter geschwiegen wird und Traumata maximal in der Therapie behandelt werden – aber bitte nicht öffentlich! 

Die Sicht auf Traumata ist dabei genauso bigott wie auf Frauen, die weniger Führungsqualitäten haben sollen, weil sie Erfahrung in der Familie gesammelt haben und nicht in einem Konferenzraum. Wie tough ist eine Person, wenn sie eine Depression überlebt hat? Eine Magersucht? Eine Vergewaltigung?
Wie tough, wie klug, wie qualifiziert ist jemand, der Sexismus witzig findet? Der Frauen nicht ernst nehmen kann? Der sich schon bei einer Männerquote von 85 Prozent benachteiligt sieht?

Erst kürzlich musste ich mir die Frage anhören, ob es seriös sei, wenn ich darüber twittern würde, dass ich knutschen wolle. Es ist nicht nur seriös, es ist feministisch und es ist politisch. Denn es geht um Selbstbestimmung. Und so lange Frauen sexuelle Bedürfnisse nicht zugestanden werden oder sie diese selbst nicht formulieren können, werde ich über Sex schreiben und twittern.  Ulrike Lembke bringt es für für die Blätter auf den Punkt:
"Schließlich sind die romantische Liebe, die Ent-Rationalisierung von Sexualität und die Intimität als Inbegriff des Privaten immer noch höchst wirkmächtige Entwürfe. Sie sorgen unter anderem dafür, dass wir wenig darüber reden, warum es manchen jungen Frauen genügt, wenn ihr Partner mit dem gemeinsamen Sex zufrieden ist, oder warum in einer Befragung über 60 Prozent der Frauen angeben, sexuelle Aktivitäten in alkoholisiertem Zustand zu bevorzugen
Sexualität ist etwas Höchstpersönliches, aber sie hat auch eine politische Dimension. Wer sie entpolitisiert (und entkontextualisiert), verhilft dem Herrenwitz zu Wirksamkeit. Dies könnte der entscheidende Mehrwert der aktuellen Sexismusdebatte sein: Dass aus den gesammelten persönlichen Erfahrungen gesellschaftliche Strukturen und Muster erkennbar werden und die Bereitschaft zu ihrer Veränderung wächst. Spannend wird es genau dann, wenn das Privat(isiert)e auch wieder politisch wird."
Dein //privates// Trauma ist politisch. Mich hat #aufschrei nicht enttäuscht zurückgelassen, ganz im Gegenteil. Denn es fühlt sich machtvoller an heilen zu können, gemeinsam mit anderen, als ein abschätziger Kommentar eines „Mächtigen“ über die Bewegung. Es ist privat bedeutsam und damit politisch, denn hier entsteht Gemeinschaft – und eine neue politische Öffentlichkeit, in der wir verletzlich sein dürfen und gleichzeitig stark. Der Gegenentwurf einer Öffentlichkeit, die auf Stärke und Unnahbarkeit als Fassade setzt, wird letztlich schwächer sein.

Labels: , , ,

3/19/2013

Kathrin Koehler besucht Menschen "aus diesem Internet" und porträtiert sie. Im Februar war sie in meinem gerade bezogenen Kreuzberger Dachgeschoss zu Gast und hat sich einen Abend lang mit mir unterhalten. Über meine Arbeit in der Politik und Autorinnenschaft, über Ehe und Kinderwünsche, über das digitale Fremdbild und die Person dahinter. Auf ihrer Website "Portraitzentrale" könnt ihr den Text lesen, den Kathrin nach unserer Begegnung geschrieben hat. Sie hat zudem einige Fotos aufgenommen und einige Soundbites über Soundcloud in den Text eingebunden. Lest und hört selbst.

Mich hören/sehen könnt ihr das nächste Mal am 9. April in Athen bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu mehr innerparteilicher Demokratie durch digitale Beteiligung, am 26. April im Generationengespräch mit Christine Bergmann, Bundesministerin a.D., in der FES Berlin zum Thema "Wie Frauen politische Kultur verändern" (Einladung noch nicht online), bei der Next am 23. und 24. April in einem Workshop zu digitaler Arbeit gemeinsam mit Mirko Kaminski und Johannes Kleske und natürlich bei der re:publica mit einem Vortrag zur Zukunft der Arbeit und in einer gemeinsamen Talkrunde mit Sue Reindke.

Im Juli bin ich zudem zwei Mal in München bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing zum Thema "Frauenfeindlichkeit und Männerrechtsbewegungen im Internet" und am 10. Juli bei der Münchner Frauenkonferenz, wo ich über "Feminismus als digitale Bürger_innenbewegung" spreche. Bis dahin!


Labels: , , ,


Der Neubeginn, den ich herbeisehne, kann auf diesem Stück Papier beginnen. Auf dem digitalen weißen Blatt, auf das ich Worte schreibe. Gedankenfetzen, die in Sprache gefasst mit anderen geteilt werden können, kennen keine Grenzen. Im Moment ihres Ausspruchs sind sie frei. Es könnte so leicht sein, den Neubeginn zu denken, ihn auszusprechen, ihn nieder zu schreiben, ihn heraus zu schreien oder ihn dir in dein linkes Ohr zu flüstern. Wie die Luft knistert, wenn ich mit meinen Lippen ganz nah an dein Ohr komme und dir zuraune, dass es deine Freiheit ist, dir eine Welt auszudenken, in der du dich ganz zuhause fühlst.

Worte können fesseln und Stricke mit einer messerscharfen Zunge mühelos durchschneiden. Eine Muse aus Buchstaben küsst dich so überraschend auf den Mund wie der Platzregen, der dir den Kopf wäscht. Auszusprechen, was ich denke oder fühle, den Satz zumindest für mich selbst diktiert zu haben und zu erinnern, gibt Sicherheit. Mit der Sprache beginnt die Wirklichkeit, nicht erst mit einem Handschlag. Mit der Sprache beginnt die Unabhängigkeitserklärung von den Normen, Regeln und Worten, die jene Grenzen ziehen, die eine Freiheit innerhalb ihres Raumes nur behaupten und niemals bewiesen haben.

Labels: , ,


Ich schalte selten den Fernseher ein, denn das reguläre Programm langweilt mich, oft ist es einen #aufschrei wert. Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Stereotype überwältigen mich. Ich möchte in diesem Backlash nicht leben, er macht mich kaputt.

„Germanys Next Top Model“ halte ich dabei noch für eine milde Form der Frauenfeindlichkeit, die insbesondere Formate der privaten Sender präsentieren. Gestern Abend stieß ich auf die RTLII-Sendung „Extrem schön“ und blieb hängen, als der Sprecher die frisch operierten Brüste einer Frau kommentierte mit: „Endlich ist sie eine richtige Frau.“ Ich müsste fassungslos sein, aber in der überwiegenden Mediendarstellung gibt es sehr genaue Vorstellungen davon, wann ein Mensch eine "richtige" Frau ist. Die Grenzen sind klar und bekannt. Üppige, symmetrische, feste Brüste gehören dazu. In der Sendung bekamen die beiden Frauen, die ihre Körper auf den OP-Tisch legten um einer starren Schönheitsnorm näher zu kommen, zudem noch zartere Nasen, die Bauchdecke gestrafft, Fett abgesaugt, das Doppelkinn operiert und Falten unterspritzt. Die „graue Maus“ wurde geschminkt und frisiert. Der Satz, sie könnten sich nun endlich als "echte" Frauen fühlen, fiel mehrere Male. Die Unzufriedenheit der Frauen wurde auf ihr Aussehen reduziert, aus anderen Lebensbereichen der beiden erfuhr man kaum etwas. Bis auf einen Aspekt, der für mich der Sendung das Genick noch ein drittes und viertes Mal brach: sie dokumentierte häusliche und psychische Gewalt. Eine der Frauen befand sich offenkundig in einer Beziehung mit einem krankhaft eifersüchtigen Mann, der sie mit Anrufen terrorisierte und sie dazu zwang, ihm zu gehorchen und nach Hause zu kommen. Die Frau war eingeschüchtert und verstört, der Sprecher der Sendung kommentierte, sie gebe nun den Traum von einem neuen Aussehen auf, weil ihr Lebensgefährte wolle, dass sie nach Hause komme. Hinterfragt wurde das Verhalten nicht. Die Szenen waren bedrückend, für mich noch härter als die Operationsszenen und Narben.

Das, was in diesen Fernsehsendungen und in anderen Medienformaten geschieht, ist frauenverachtend. Sie oktroyieren Normen gewaltvoll auf Körper. Sie dokumentieren Gewalt am eigenen Körper, an der Seele und verherrlichen sie. Medien tragen massiv dazu bei, Schönheit und die Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Körper wohlzufühlen, zu definieren und zu verengen. Die Vielfalt der Schönheit wird aus der Welt geschnitten. Sie wird nicht gesendet und nicht gedruckt. In der Welt dieser Bilder ist eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrem Aussehen akzeptiert, respektiert und geliebt werden, passé. Nicht der Mensch wird respektiert, die Norm muss befolgt werden. Als einzige Option ein normales und erfülltes Leben führen zu können, wird der Kniefall vor dem Schönheitsdiktat ins Feld geführt.

Doch Medien tragen in diesem Bereich eine hohe Verantwortung. Diese Verantwortung lässt sich nicht auf die Zuschauer_innen abwälzen. Nicht auf Menschen, die stark genug sind, selbstbestimmt zu leben und eigene Maßstäbe für sich selbst anzulegen. Ich möchte den verantwortlichen Produzent_innen, Mitarbeiter_innen und Manager_innen der Sendeanstalten am liebsten ins Gesicht spucken. Sie tragen Verantwortung für andere und sind mit dieser Aufgabe offenbar überfordert. Sie haben den falschen Beruf. Sie nehmen bewusst in Kauf, dass die Würde von Menschen verletzt wird und dass frauenfeindliche Standards es für viele unmöglich machen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich selbst zu mögen.

Eine Gesellschaft, die solchen Medien und Menschen ausgesetzt ist, wird über die kommenden Jahrzehnte nicht gesünder werden. Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, Angstzustände, Mobbing, Ausgrenzung – all diese Dinge nehmen stetig zu. Auch, weil Medien an einem Punkt angelangt sind, an dem sie Unterhaltungsformate weit überschritten haben, und bewusst Verletzungen anderer in Kauf nehmen. Hochbezahlte, gebildete Angestellte – mit Frauen, Freundinnen, Schwestern, Töchtern, Söhnen. Es gibt derzeit keinen medienöffentlichen Diskurs, diese fatalen Entwicklungen abzumildern und ihnen entschieden entgegen zu treten. Denn Selbsthass und die Herabwürdigung anderer sind normal geworden.

Eine Frau braucht keine Brüste, um eine echte Frau zu sein. Kein Schönheitskriterium entscheidet über den Wert eines Menschen. Neue Nasen und straffe Bäuche sind keine Lösung für eine Gesellschaft, in der Menschenverachtung und Frauenfeindlichkeit an Salonfähigkeit gewinnen. Der groteske Lookism ist dabei nur eine Form der Diskriminierung, die täglich einem Millionenpublikum serviert werden.

Medienkritik, Gegenwehr und Empowerment können den Schaden, den insbesondere jüngere Frauen und immer mehr Männer aktuell erleiden, kaum abfedern. Die Menschenverachtung, die Medien propagieren, hat eine politische Dimension. Wir müssen reden über körperliche und seelische Gewalt, die uns als Teil des alltäglichen Lebens kaum noch auffällt. Die wir senden, konsumieren, weitergeben. In der Weiterführung gesellschaftspolitischer Debatten nach #aufschrei sehe ich in der Ethik und Gewaltfreiheit als Themen von Medien- und Geschlechterpolitik die wichtigsten Ansätze für den Aufbruch in eine Welt, in der ich leben will. Das was ich jeden Tag sehe, macht mich wütend, krank und ratlos.

Labels: , , , , ,

2/14/2013


Der Valentinstag begegnete mir das erste Mal als Todestag. Mein Großvater, den ich nie kennenlernen durfte, ist an einem dieser Tage gestorben. Meine Eltern waren 19 und 20, doch anstatt mit Blumen stand mein Vater mit verweinten Augen vor der Tür meiner Mutter und sagte ihr, dass sein Vater Johannes aus heiterem Himmel an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich habe nur ein einziges Foto von ihm in Erinnerung, auf dem ein sehr ernst aber in sich ruhender Mann mit feinen Gesichtszügen und dunklem Haar vor türkisblauem Hintergrund abgebildet ist. Es hing in der Wohnung meiner Großmutter, in der zu Feiertagen immer ein großes Gewusel aus kleinen und großen Menschen herrschte. Denn Theresia „Thea“ und Johannes haben miteinander acht Kinder bekommen: sechs Söhne und zwei Töchter. Die meisten ihrer Kinder, wie mein Vater auch, haben weitere drei Kinder bekommen. In den letzten Lebensjahren meiner Großmutter kamen zahlreiche Urenkel hinzu. Als Thea im Mai 2007 kurz vor ihrem 85. Geburtstag starb, waren wir insgesamt 19 Enkel und sieben Urenkel.

Mein Vater schickte mir die Nachricht als E-Mail nach Berlin, vermutlich in einem Moment der Überforderung. Ich hatte eine weite Reise bis ins Sauerland und habe meine Oma nicht mehr sehen können. Vielleicht war ich auch deswegen einer der Trauergäste, die ununterbrochen in der Kirche und auf dem Friedhof von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Ich konnte nicht Abschied nehmen. Mein anderer Opa hatte mich die ganze Zeit über im Arm. 
Ich denke gern an meine Großmutter zurück, auch wenn ich sie kaum kannte. Ich bin die Enkeltochter, die ihr laut Erzählungen meines Vater und seiner Geschwister am ähnlichsten ist. Ich soll exakt so aussehen, wie sie in jungen Jahren; ich habe die roten Haare geerbt und ihren unglaublichen sturen Charakter. Für beides bin ich ihr dankbar, beides mag ich an mir. Meine Oma hätte vielleicht noch ein paar Jahre länger gelebt, wäre sie weniger stur gewesen und hätte früher den Arzt kommen lassen. Sie starb an den Folgen einer Magenruptur, die zu spät behandelt wurde. Als ihr Hausarzt zu ihr ans Bett kam und zu ihr sagte: „Frau Bücker, Sie müssen jetzt ins Krankenhaus“, fluchte sie „So eine Scheiße“ – und dachte, es bestünde noch eine Chance, das Zipperlein zuhause auszukurieren. Trotz des Verlustes lachen wir heute darüber, denn sie ist sich treu geblieben bis zum Schluss: stur und selbstbestimmt. Sie hat ihre große Familie als alleinstehende Frau sicher auch nur so organisiert bekommen, weil sie einen sehr eigenen Kopf hatte.

Ich hätte sie gern besser gekannt, so wie ich nach wie vor gern ein anderes Verhältnis zu meinen Großeltern haben würde, die noch leben. Leider fühlt es sich an, als wäre diese Generation von Erwachsenen so weit von mir entfernt, dass tiefe und ehrliche Gespräche und Beziehungen kaum möglich sind. Der Wandel der Gesellschaft ist so schnell verlaufen, dass wir einander kaum verstehen können. Ich beneide die älteren Menschen nicht, die bis heute so viele Regeln, Schweigegelübde und Traumata mit sich herum tragen, dass sie darüber nicht sprechen können. Vielleicht ist es das besondere Band zwischen rothaarigen Frauen, das Grund dafür ist, dass ich meine Oma vermisse, obwohl ich von ihr nur diese vage Idee im Kopf habe, und es niemals ein Gespräch als Erwachsene zwischen uns gab.

Ich blicke auf diese große Familie und sehe, wie ich schon darin versage den Kontakt zu den engsten Mitgliedern meiner Familie zu halten – aus Gründen räumlicher und seelischer Distanz, weil ich zu viel arbeite und andere Werte teile.

In all unseren Beziehungen sind Liebesbeziehungen vielleicht die leichtesten. Denn sie beginnen stets neu und ohne Geschichte. Sie besitzen die Körperlichkeit und Zärtlichkeit als Kitt. Sie kommen und gehen. Die Abschiede sind oft brutal, wir wollen vergessen und erinnern uns schließlich kaum noch an jemanden, mit dem wir einmal das Bett geteilt haben.

Von meiner Oma musste ich mich verabschieden, obwohl ich sie gar nicht kannte. Jetzt sehe ich sie jeden Morgen im Spiegel. Acht Kinder werde ich nicht bekommen. Vielleicht nicht einmal ein einziges.
Ich bin ihr dankbar dafür, dass ich Zeit mit ihrem Kind verbringen darf, ihrem Sohn Urban, meinem Vater, benannt nach einem Papst. Wie auch immer sie es geschafft hat, ihn als Kind der Fünfziger Jahre zu einem Mann hat werden lassen, für den sich die Frage nach Feminismus nie stellte, weil er Gleichberechtigung als Grundbedingung begreift. An mich hatte er nie eine Erwartung, wie ich als Kind und Tochter sein sollte, nur den Wunsch, dass ich glücklich bin.

Ein Jahr nachdem meine Oma starb, habe ich Johannes getroffen. Jedes Mal, wenn ich unsere Namen zusammen geschrieben sehe oder sie ausspreche – Teresa und Johannes – denke ich an meine Großmutter und ihren Mann, die der Valentinstag auseinanderbrachte. Meinem Vater, der im vergangenen Oktober unsere Hochzeitsrede hielt, ging das wohl ähnlich nah, als er die Namen seiner Eltern sagte und seinen Schwiegersohn und seine Tochter dabei ansah und meinte. 

Jede Beziehung ist eingebettet zwischen vielen anderen, jede unserer Beziehungen ist in der Tat mit vielen anderen Menschen verbunden und ihnen zugetan. Ein Valentinstag reicht für all diese Menschen in meinem Leben nicht. Meine Liebe jedoch schon.



Labels: , ,