das erste vice-heft, das mir in die hände fiel, irritierte und begeisterte mich zugleich. einen vergleichbaren provokant, schnodderig geschriebenen sextipp mit wirklichem nutzen habe ich so nie wieder in der hand gehalten. wir alle kennen die vermeintlich dreckigen ratgeber aus dem frauenmagazinsortiment: sie bieten weder innovatives, im kern ist die rede von blümchensex und es geht um leistung, nicht um genuss.
in der besagten ausgabe des vice magazines schrieb gavin mcinnes für seine geschlechtsgenossen also den vice guide to eating pussy. und siehe da, diese anleitung scheint nicht aus der rosa-roten softporno-luft gegriffen worden zu sein, sondern klingt sorgsam recherchiert und erprobt. zwar ist er nicht das maß aller dinge, aber den rang einer fahrerlaubnis könnte der guide einnehmen; sprich: die eckpunkte des aktionsplans sollte mann so verinnerlicht haben wie die abseitsregel, wenn er anstrebt, sein frauenwissen in die vorsichtige nähe seiner fußballkenntnisse zu bringen, und sie zum orgasmus.
um dieses schriftstück soll es an dieser stelle aber eigentlich gar nicht gehen; vielmehr erklärt es, warum ich das magazin regelmäßig aufschlage, obwohl meine lektüre meist flüchtigem durchblättern gleicht: ein bißchen substanz ist da, ein bißchen schönes bleibt für immer. die neue ausgabe hält ebenfalls ein paar texte parat, die verwertbare zeilen und denkanstöße servieren. die aktuelle fashion issue glänzt nicht nur mit modestrecken und nackten brüsten, sie glänzt mit gedanken.

das berlin kapitel des global trend reports 2008 bemerkt aufmerksam "diese omnipräsenten karierten flanellhemden" und "dass die in sachen mode recht unbeständigen deutschen immer noch von dieser hautengen-jeans-marotte gelangweilt sind". dem stimme ich zu, denn neue hosen braucht das land, und high-waist war nicht die lösung.
am meisten verzückt hat mich allerdings der gastbeitrag von tracie egan, herausgeberin von jezebel, unter dem dach des themas "ich hasse mode". natürlich hasst tracie mode nicht ganz und gar, sondern nur die verstörenden eigenheiten der abgründe von haute couture. der magerwahn ist eine seite der mode, die tracie nicht schmeckt. meine these aus dem fitting room, heterosexuelle männer könnten nicht allein für das streben nach knochigkeit verantwortlich gemacht werden, sondern vor allem ein beständiger bitchwar unter frauen, ergänzt sie noch mit einer dritten, auslösenden gruppe: die schwulen charaktere der modebranche. ich möchte sie niemals missen, doch selten habe ich den gedanken ihrer mitschuld an der skelett-epedemie der laufstege so trefflich formuliert gehört wie bei tracie egan: stockdürre, tittenlose models mit knabenhaften figuren trabten allein aus dem grund auf den catwalks, "weil sie das ästhetische empfinden irgendeines schwulen mannes ansprechen, der für frauen keine andere verwendung hat, als sie als wandelnden kleiderständer zu benutzen".

man kann nun weiter fragen: aus welchen irrwegen ist der gedanke entsprungen, brüste und ärsche könnten mit dem kollektionswechsel in form und größe variiert werden wie das schnittmuster eines rocks oder eine handtasche? kommen weibliche körper mit austauschbaren accessoires? möchten wir mode tragen, für die wir unsere hüften zuerst weghungern müssen oder unsere brüste flach schnüren? macht es meinem freund spaß, allein am küchentisch zu speisen, während ich ein salatblatt erbreche? ich meine weiterhin, die dezimierung des frauenkörpers wurde nicht von den männern angeregt, für die wir heute glauben fasten zu müssen.

wenn erfahrungsberichte über anorektische phasen also präventiv wirken wollen, brauchen sie einen anderen fokus als die gesundheitlichen folgen zu dramatisieren. wer dem festen glauben verfallen ist, nur zerbrechlich dünn mit mann und erleuchtung belohnt zu werden, nimmt gesundheitsschäden billigend in kauf. wer die letzte kurve hingegen geopfert hat, weiß aber neben einsamkeit und erschöpfung zusätzlich zu berichten, dass die herren der schöpfung nicht wohlwollend klatschen, sondern sich abwenden, und dies nicht zu knapp. am ende des hungers warten weder das glück und die schönheit, noch die liebe. dort wartet lediglich die nächste stufe des alleinseins.



umso schöner ist es, wenn modemacher nicht nur kleider schneidern, die nicht für knaben sondern frauen konzipiert sind, und deren zielgruppenbeschreibung gleich mitliefert, dass abenteuer, romatik und die kraft zum schlagzeug spielen für die trägerin gewollt sind.

die mädchen, für die paola ivana ihr herzblut in finnisches design gießt, denkt die chefin von ivana helsinki sich so: "they are charismatic drummer girls and girl women. they are the ones who love moonlight fields, pirates, dark forests, crummy motels, fragile butterflies, unstable relationships, cowboys and guardian angels. after all, i’m sure they are just after a love of their lives, just waiting to see whether he will be a rock star, a motor biker, a gnome, a cosmonaut or a sailor."

und diese mädchen haben ärsche, auch wenn das nur zwischen den zeilen steht.



mehr bilder der herbst/winter-kollektion 'birdring' vom finnischen laben ivana helsinki finden sich an dieser stelle bei knicken.

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3 Comments:
Anonymous Fenke said...
wie toll, daß ich jetzt deinen eigenen blog entdeckt habe - deine texte sind einfach so herrlich.

Blogger frollein tessa said...
oh danke, das ist hier alles noch im aufbau und noch nicht so regelmäßig - das wird sich aber ändern. cheers.

Blogger ROBOTS said...
Music blog? HERE!!!

www.electronicrobots.blogspot.com

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