Hier gehört sie hin. Zumindest teilweise.

Das Wort Mädchen schwimmt mit Biss und ohne Charme auf einen Medaillenplatz der Unwörter des Jahres. Neue deutsche Mädchen, Alphamädchen oder Mädchen, die auf Toiletten Tampons tauschen braucht laut den feministischen Manifesten junger deutscher Schriftstellerinnen die Republik. Kohls Mädchen wird mittlerweile seit November 2005 als Frau Kanzlerin angesprochen. Anstatt sich mit neuen deutschen Mädchen Mitte dreißig auseinanderzusetzen, trifft Angela Merkel die Frauen von Morgen lieber auf dem Girls-Day und informiert Schülerinnen über Berufswege in Natur- und Ingeneurswissenschaften.
Miriam Yung Min Stein, Autorin der gleichen Generation, der die neuen Feministinnen entstammen, hat sich selbst und ihre Rolle in dieser Gesellschaft an anderer Stelle gesucht, denn zum einen machte eine Karriere aus dem Alphamädchenbilderbuch sie nicht glücklich, zum anderen steht für Miriam Stein fest: Ich bin eine Frau, und niemand muss Alice Schwarzer um Erlaubnis fragen, wenn er Sex haben möchte oder Pornos gucken will.
Über das Frausein in Deutschland und anderswo hat Miriam Stein trotzdem mit uns gesprochen; zudem befragten wir sie zu ihrem ersten Buch „Berlin Seoul Berlin“, in dem sie die Bedeutung ihrer Adoption aus Südkorea 1977 für ihren Lebensweg aufarbeitet. Erst nach ihrer Jugend in Osnabrück, Leben in London, Studium in den USA und ihrer Arbeit als Filmemacherin für Werbung und Musikvideos entschließt sie sich an den Ort ihrer Geburt zurückzukehren, um den Antworten, die ihr weder ihre Eltern, noch der Erfolg, das Jet-Set-Leben oder Berlin geben konnten, näher zu kommen. Neben einer deutlichen Position zum Thema Auslandsadoption gelingt Miriam Stein zudem eine scharfblickende und persönliche Darstellung des koreanischen Alltags sowie eine intensive Reflektion zu Wert und Bedeutung von Zugehörigkeit, Vertrauen und Lebenszielen.


Wann und warum hast Du entschieden nach Korea zu reisen?
MIRIAM YUNG MIN STEIN: Kurz bevor ich nach Korea gefahren bin habe ich aufgehört in der Werbung zu arbeiten. Als letzten Job habe ich im Frühjahr 2005 angefangen an einem Coca Cola Budget zu arbeiten. Als ich 14 war hatte ich den Traum, Filmemacherin zu werden und hab dann bei den Arbeiten von Roman Coppola und Wes Anderson gedacht „Wenn ich mit diesen Leuten arbeiten könnte, dann bin ich glücklich im Leben, dann kann ich sterben.“ Es ergab es sich dann bei der Vorbereitung für den Coca Cola Spot, dass Roman Coppolas Name auf der Liste stand. Da habe ich mich natürlich sehr für ihn eingesetzt, denn er macht tolle Arbeiten und wurde so letztendlich dafür ausgewählt, den Spot zu machen. Dann sind wir zwei Monate in Los Angeles gewesen und haben in seinem Büro gearbeitet; ich war im Grunde fast da wo ich immer hinwollte. Es war großartig, ich möchte diese Erfahrung auch nicht missen, aber mir war plötzlich auch ganz klar, dass das nicht unbedingt meine Welt ist. Und dass das tolle, inspirierende Menschen sind und das ich vielleicht aber nicht mal Filmemacherin bin. Ich war schon relativ erfolgreich in meinem Job und konnte mich trotzdem nie dazu entscheiden. Es war mir immer peinlich, zu sagen ich sei Regisseurin oder ich sei Texterin. Dann bin ich zurück nach Deutschland, im Sommer 2005, und hab wirklich nur gewusst, dass ich das nicht mehr machen will und irgendwie schreiben will. Dann ist mir auch nichts weiter eingefallen. Schließlich bin ich nach Korea geflogen.

Deine Geschichte betrachtet das Thema Adoption vor allem von der Seite der adoptierten Kinder. Du kritisierst in deinem Buch, die Medien würden sehr einseitig über Leid und Freud der sich ein Kind wünschenden Adoptiveltern berichten und dabei ignorieren, was es für ein Kind und später einen Erwachsenen bedeuten kann, fernab der Heimat und ohne Wissen über den Beginn des eigenen Lebens aufzuwachsen. Bist Du bei deiner Reise, deinen Recherchen auf ähnlich denkende Menschen gestoßen? Haben Adoptivkinder mittlerweile eine eigene Lobby?
MS: Lobby wäre mir zu viel gesagt. Es gibt Versuche einer Interessenwahrnehmung von Terre des Hommes, dem Kinderhilfswerk, das eigentlich die meisten Kinder in den 70ern und frühen 80ern vermittelt hat. Terre des Hommes hat die Vermittlung von Kindern mittlerweile eingestellt, weil sie sich nicht mehr sicher waren, ob das wirklich eine gute Idee ist. Sie machen nun sehr viel Post-Adoptionsarbeit. Es gibt Treffen, es gibt Netzwerke, es gibt Workshops. Das alles gibt es und es wird auch genutzt. Meine Freundin Victoria, die auch im Buch vorkommt und ein bisschen jünger ist als ich, ist zum Beispiel sehr aktiv. Auch Anneli Schinkel ist sehr aktiv. Es ist schon hilfreich, dass es das gibt, es ist hilfreich, sich mit anderen Adoptierten austauschen zu können. Man hat dann nicht mehr so sehr das Gefühl, dass man undankbar ist oder das alles nur für einen selbst so schrecklich war. Es gibt einfach ein paar generelle Probleme - Bindungsängste, Vertrauensprobleme - die wir tatsächlich alle haben. Es hilft uns natürlich, darüber zu reden, das als normal zu sehen und dann letzten Endes auch darüber hinwegzukommen.

Angelina Jolie, Madonna, Gerhard Schröder – die Adoption von Kindern aus anderen Ländern hat einen hohen Nachrichtenwert. Findest du, das Thema wird verzerrt dargestellt? Ist Adoption für Prominente derzeit en vogue?
MS: Ja, es ist sehr verzerrt. Ich will gar nicht mal den Familien einen Vorwurf machen, jede Familie trifft individuelle Entscheidungen für ihr eigenes Wohl. Ich stehe dem trotzdem kritisch gegenüber, nur ist natürlich die Berichterstattung über die Familie Jolie-Pitt, Madonna oder die Schröders extrem einseitig, verkitscht und vereinfacht. Es gibt meiner Meinung nach kein allgegenwärtiges Glück, das Adoptivmutter und Adoptivkind widerfährt. Das ist meiner Meinung nach sogar eine extrem schwierig Situation, die natürlich bereichert, aber gleichzeitig auch sehr viele neue Fragen aufwirft.
Die Motivation ist bei adoptierten Kindern aus Dritte Welt -Ländern ist immer noch eine, die mit einer gewissen Hilfeleistung zu tun hat. Es ist de facto so, dass wenn man selbst in Südkorea Waisenkinder sieht, irgendetwas in einem tatsächlich: sagt „Nimm’s mit, der arme Wurm.“ Ob man dem wirklich nachgeben soll, würde ich in Frage stellen. Man muss sich überlegen, dass wenn man ins Waisenhaus geht und sich ein Kind aussucht, 50 andere Kinder zurückbleiben. Was sagt man denen denn? Warum waren sie nicht gut genug, um mit der westlichen Frau mitgehen zu dürfen? Oder was ist mit den Müttern? Jedes Adoptivkind hat abgebende Eltern, die damit leben müssen, ihr Kind weggegeben zu haben. Die - in Korea war es definitiv gesellschaftlich verpönt, uneheliche Kinder zu haben - das dreißig Jahre lang als Geheimnis in sich getragen haben, die immer gesagt bekommen haben: „Gib doch dein Kind weg, es hat es doch dort viel besser.“ Was heißt das denn für die Koreanerin oder Peruanerin oder Chinesin? Dass sie nicht gut genug sind, ihr Kind großzuziehen. Man muss sich einen Moment Zeit nehmen und gut darüber nachdenken, wie die Konsequenzen für Kind und Mutter als auch für die Gesellschaft sind. Und das wird meiner Meinung nach viel zu wenig öffentlich diskutiert und da würde ich mir sehr wünschen, dass das in Zukunft ein bisschen mehrdimensionaler wird.

Wann hast du angefangen wahrzunehmen dass du anders bist, nicht nur äußerlich sondern auch kulturell?
MS: Ich weiß gar nicht, ob ich kulturell so anders bin, ich sehe tatsächlich anders aus, das ist vor allem als Teenager sehr schwierig gewesen. Ich bin sehr deutsch und sehr mitteleuropäisch erzogen ausgebildet worden. Es gibt ein paar Sachen in mir, die sind ein bisschen anders, aber ich glaub, da hat jeder so seine Macken. Ich glaube mir geht’s eher darum, dass ich mich damit ständig auseinander setzen muss wer ich bin, also tatsächlich über meine Identität ganz anders nachdenken muss, weil ich immer wieder darauf hingewiesen werde, dass ich irgendwie anders bin. Deswegen waren eben diese Fragen wie „Was ist eigentlich meine Funktion im Leben? Wieso bin ich eigentlich hier und nicht dort, wieso ausgerechnet in Deutschland und nicht in Schweden oder den USA? Welche Auswirkungen hat dieses Unwissen über die Eltern und das Geburtsdatum auf mich?“ in meinem Kopf. Deswegen glaube ich, dass viele Identitätsprobleme, die jeder hat, auch nicht Adoptierte, nicht ausländisch aussehende Jugendliche, für mich sehr viel brennender auf dem Tisch lagen und ich sie viel weniger verdrängen konnte, als, sagen wir mal „eingeborene“ Deutsche.

Identitätsbildung läuft für Mädchen in der Pubertät viel über das Äußere …
MS: Ganz genau. Es ist natürlich so, dass wenn man sowieso nicht mehr weiß, wer man ist und was der eigene Körper macht, es für mich schwierig war, dass sich Jungen überhaupt nicht für mich interessiert haben. Da war gar nichts. Ich wusste gar nicht, woran das liegt. Irgendwann habe ich gedacht: „Ich bin einfach hässlich.“ Oder mich hat gestört, dass ich nie verschwinden konnte. Ich hatte das Gefühl, ich würde immer auffallen, ich könnte nie einfach mal irgendwo herumsitzen und sein. Irgendwann hat mich dieser Gedanke auch paranoid gemacht, aber so etwas verselbstständigt sich ja auch. Zum anderen kommt noch dazu, dass das gängige stereotypische Bild von ostasiatischen Frauen in Europa verzerrt ist. Das ist ganz anders, die koreanische Kultur ist laut, pathetisch, dramatisch und temperamentvoll. Das ist gar nicht so weit her mit dem devoten, lächelnden, nickenden Weibchen. Dann bin ich eben mal laut, wenn es keiner erwartet. Ich hatte auch irgendwann keine Lust mehr zu erzählen, warum ich so aussehe, aber so gut Deutsch spreche. Dann bin ich eben ins Ausland gegangen und hab auch immer wieder versucht, die Geschichte zu umgehen. Nach dem Abitur habe ich relativ lange in London gelebt und habe beispielsweise so hart an meinem Englisch gearbeitet, bis ich ganz akzentfrei mit einem leichten Londoner Akzent gesprochen habe. Damit mit ja niemand mehr fragt: „Was bist du denn für eine? Du sprichst so und so, siehst aber so und so aus.“ Man kann natürlich nicht ewig davor weglaufen, das holt einen dann doch irgendwie wieder ein.

Viele Schreiberinnen haben in diesem Jahr ihr Debüt als Buchautorin mit einer Art feministischem Grundsatzprogramm gegeben. Das Thema scheint sehr aktuell und noch lange nicht abgeschlossen. Hast du dich dazu irgendwann und irgendwo positioniert?
MS: Ich bin ja sehr viel gereist und hab auch das Glück gehabt, in Korea wirklich einen Blick in die Gesellschaft werfen zu dürfen. Ich bin sehr dankbar, dass ich in Deutschland eigentlich das Beste dieser Kultur mitbekommen habe, nämlich ihre Offenheit, ihre politische Gleichberechtigung. In unserem Grundgesetz steht das, weil eine Frau dafür gekämpft hat, dass Männer und Frauen gleich sind. Ich halte das für extrem wichtig, das macht gesellschaftlich einen Riesenunterschied. Südkorea ist ein paterlineares Land; da waren Frauen bis vor 20 Jahren nicht mehr wert, als ihr Ehemann und ihre männlichen Nachkommen. Wenn Frauen als ersten Nachkommen eine Tochter bekamen, hatte dieses Mädchen in ihrem Leben nicht sehr viel zu lachen, die hat dann gerne mal das Leben ihrer Eltern zerstört. Das ist alles noch sehr nah dran, in Lateinamerika ist das zum Beispiel ähnlich. Deswegen kann ich eigentlich die Haltung der „Neuen deutschen Mädchen“ und der „Alphamädchen“ schwer nachvollziehen, da sie sich ihre Geschichte, ihre Historie beziehungsweise den Rest der Welt, in dem es vielleicht ein bisschen anders ist als hier, so wenig bewusst machen. Natürlich ist die eigene Karriere und eigenes Geld extrem wichtig. Ich find Beziehungen auch ganz toll, ich finde Männer auch ganz toll, ich finde Sex auch ganz toll. Aber ich finde es gibt mehr, als die Work-Wife-Balance. Und es gibt auch mehr zum Feminismus, auch heute noch, obwohl der Emanzipationsprozess politisch gesehen fast abgeschlossen ist. Das heißt aber nicht, dass die Arbeit damit aufhört oder dass die Solidarität aufhört. Ich finde, dass es Rollenmodelle weiterhin geben muss und Frauen, die ihre Arbeit machen und für ihre Arbeit respektiert und gesehen werden, nicht dafür dass sie Frauen sind. Ob das Damen sind, die in der Medienwelt arbeiten, Ingenieurinnen oder Taxifahrerinnen, das ist mir vollkommen egal. Wenn es arbeitende Frauen gibt, die jungen Mädchen Rollenmodelle sein können, um ihnen zu zeigen, dass es ein Leben außerhalb der Work-Wife-Balance existiert. Auch in der ganzen Diskussion um Alice Schwarzer und den Feminismus. Da ist natürlich sehr polarisiert worden. Trotzdem bin ich der Meinung, dass meine Generation ganz klar auf den Schultern von Alice Schwarzer steht. Man mag nicht in jedem Punkt mit ihr übereinstimmen. Man muss sie auch nicht fragen, wenn man Pornos guckt, oder Sex hat. Aber wir wären ohne sie niemals dort, wo wir jetzt sind. Wir haben nicht kämpfen müssen, wir mussten nicht auf die Straße. Wir mussten uns weder um §218 bemühen, noch um Grundgesetzgleichberechtigung bemühen. Wir mussten nicht gegen unsere Väter kämpfen, um auf die Universität gehen zu können. Wir müssen uns klarmachen, dass wir in einer Luxusposition stehen. Gerade im Vergleich zu Südkorea, wo die jungen Frauen immer noch mit der Erwartungshaltung leben, dass sie nach der Hochzeit als Mütter zu Hause bleiben. Wir haben die Freiheit, zu entscheiden, was wir wollen. Ich fände es schön, wenn man sich der glücklichen Situation, in der man sich befindet, wirklich bewusst wird und auch etwas daraus macht.

Aber gibt es nicht Bereiche, in die es für Frauen sehr schwer ist vorzudringen? Die Jungs aus der Fraktion gehen nach der Sitzung miteinander saufen, der Vorstand in den Strip-Club und mit Sicherheit fragt niemand die Kolleginnen, ob sie mit möchten.
MS: Konservative Männer bilden seit jeher Seilschaften, womit sie sich gegenseitig helfen und gegebenenfalls zu immer höheren Positionen verhelfen. Frauen, auch gerade Frauen aus der linken Ecke, haben das nicht oder wenig. Ich hab bis heute nicht herausgefunden, warum das so ist. Aber Gehaltsverhandlungen ist zum Beispiel so ein Thema - wenn ich über Gehälter verhandle, dann rufe ich meine Freundin Heike Sperling an. Die ist Mitte 40 und hat sehr viel mehr Erfahrung als ich. Sie hat als freie Creative Direktorin gearbeitet, ist jetzt Professorin und sie hilft mir einfach, das zu artikulieren, was mir zusteht und nicht einzuknicken. Sie sagt mir nur Sachen, die ich eigentlich schon weiß, trotzdem, es ist gut, das noch einmal von jemandem zu hören. Das man sich gegenseitig hilft, das man jemanden anruft, sich rückversichert, sich wirklich extrem gut darüber informiert, was einem zusteht und was nicht und dann auch genauso verhandelt. Ich glaube Frauen, so ist unsere Gesellschaft immer noch aufgebaut, definieren sich immer noch über das Urteil des Mannes. Es ist ganz schwierig, da auszubrechen. Es liegt nicht an Frauen, es liegt daran, und da ist eben immer noch ziemlich viel Arbeit im Feminismus zu machen, dass wir in einem Gesellschaftsbild leben, das christlich geprägt ist. Man sollte anfangen, da umzudenken, dass Gleichberechtigung nicht nur politisch und sozial, sondern auch gedanklich umgesetzt wird. Das geht darüber hinaus, dass man nur in seinem eigenen Leben guckt, dass alles in Ordnung ist, sondern bei jüngeren Frauen oder Frauen aus weniger privilegierten Backgrounds, dass man sich gegenseitig über Chancen aufklärt und informiert. Das Bewusstsein einer Gesellschaft verändert sich nur langsam. Und das heißt für uns junge Frauen, die gerne arbeiten wollen, dass wir zusammen halten müssen, dass auch wir Seilschaften gründen und uns gegenseitig helfen müssen.

Haben Frauen untereinander ein sehr starkes Konkurrenzdenken?
MS: Evolutionsbiologisch kannst du natürlich ganz klar belegen, warum das so ist. Aber wieso soll man dann als Frau plötzlich wertkonservativ denken? Wenn man versucht, nach Vorne zu denken, wenn man doch in der Lage ist, so viele andere komplexe gedankliche Zusammenhänge umzusetzen, dann muss man doch auch wirklich umsetzen können, dass die andere Frau einem nicht den besten Erzeuger wegnimmt, sondern dass man mit ihr gemeinsam Lobbyarbeit leisten kann. Das man sich gemeinsam bei Gehaltsverhandlungen helfen kann, gemeinsam Machtpositionen erreichen kann. Das sind Prozesse, das sind philosophische Fragen. Natürlich sind Sekretärinnen oder Assistentinnen ungemein wichtig für die Wirtschaft, ohne die würde gar nichts gehen, Wenn die morgen alle streiken würden, dann können die Typen stempeln gehen. Aber dabei kann es ja nicht bleiben. Wenn man denn eine Gleichberechtigung anstrebt, wenn man wirklich eine Veränderung möchte, muss aktiv entschieden werden.

Können solche Veränderungen nur von Frauen allein umgesetzt werden. Braucht es zunächst eine klare Abgrenzung von Männern?
MS: Das ist ein Weg, den ich auch nicht für so falsch halte. In der Ausbildung ist das ja auch immer eine Frage gewesen, ob man vielleicht Jungs und Mädchen voneinander getrennt unterrichten sollte. Ich würde einfach sagen, dass man sich und seine Grenzen kennen lernen muss, dass man für sich als Frau lernt, zu wissen, was man zu leisten gewillt ist. Bestimmte Sachen können Frauen extrem gut: verhandeln, diplomatisch sein. Sie können aber auch sehr wohl machtpolitisch denken und handeln, sie trauen sich das eben oft nicht, weil sie dann glauben, sie würden alleine bleiben, sie würden keinen Mann finden. Für Männer ist es tatsächlich schwierig, eine Frau zu haben, die mehr Geld verdient als sie selbst. Ich denke Abgrenzen ist ein zu großes Wort. Man sollte im Dialog über die Unterschiede bleiben. Frauen können durchaus mit Männern über Fußball reden. Sie müssen nur einen Weg finden, wie sie darüber können reden können, so dass es ihnen auch Spaß macht und die Männer sich darauf einlassen können. Frauen erwarten heute von Männern, dass sie sich auch auf alle Frauenthemen einlassen, aber gleichzeitig sind viele Frauen nicht dazu bereit, ihren Männern zuzuhören, wenn die über Männerkram reden. Ich glaube eher, dass sowohl die so genannten Frauenthemen einen Männerzugang haben können als auch anders herum. Ich glaube, wir müssen uns wieder viel mehr zuhören. Auch in Beziehungen hören wir uns oft nicht mehr zu, weil es so sehr um Abgrenzung geht. Man muss darüber reden, wie es für beide OK ist. Ein Dogma durch das nächste auszutauschen sehe ich nicht als Lösung.

Was können Frauen denn aktiv tun?
MS: Konkurrenzdenken abschalten. Einer meiner besten Freundinnen, sie ist 24, helfe ich auch regelmäßig bei Gehaltsfragen, irgendwann wird auch sie für mich eine Tür öffnen. Oder sagen wir mal, dass ich jetzt das Buch rausbringe und möchte, dass sie es übersetzt, einfach das man sich Sachen oder Jobs gegenseitig zuspielt, es ist so leicht. Wir müssen daran arbeiten, als Frauen Rollenmodelle zu schaffen, die nichts mit dem von Madonna der Einzelkämpferin, zu tun haben. Keine von uns kann sich noch wirklich mit Madonna identifizieren. Auch wenn Männer darüber schreiben, dass Angelina Jolie eine feministische Ikone sei, weil sie Actionhelden spielt - sie spielt Sexikonen mit Knarren, das ist kein feministisches Rollenmodell. Wir müssen uns die Angst nehmen, die Angst voreinander. Die Angst verlieren, dass einem eine andere intelligentere oder hübschere Frau den Rang ablaufen könnte. Das ist doch Quatsch! Man kann sich so viel gegenseitig zuspielen. Bis man sich den Rang abgelaufen hat, muss so viel passieren. Frauen sind auch sehr solidarisch, wenn es darauf ankommt. Da muss man dran arbeiten, dazu muss man sich auch zwingen, wenn die Stutenbissigkeit kommt. Man muss Frauen auch eine Chance geben. Erfolgreiche Frauen sind auf den ersten Blick unzugänglich, ich finde es ganz wichtig, dass man den Mädels eine Chance gibt und sich nicht sofort denkt „Iiih, was ist denn das für eine?“

Ich habe mit einer Freundin, die seit zwei Jahren in Bonn lebt, darüber gesprochen, dass sie den Eindruck hat, die Frauen in Bonn sei weitaus emanzipierter, als die Berlinerinnen, die sich gerne in das Berliner Mädchenklischee zurücklehnen und sogar als junge Mutter nicht mehr in den Beruf zurückkehren ...
MS: Ja, da gebe ich dir recht. Ich rede auch manchmal von Mädels, aber wenn mich jemand fragt - ich bin eine Frau. Ich habe keine Angst vor dem Frausein, ich sehe das auch nicht als angestaubt an. Ganz viele Journalisten, die mich jetzt treffen, sagen: „Ich kann nicht Frau Stein zu ihnen sagen, Sie sehen nicht aus wie eine Frau Stein.“ Das kann man machen, aber man kann gerne Miriam und „Sie“ sagen.

Es ist auch eigentlich ganz schön frech, das zu sagen, oder?
MS: Das ist ganz schön frech, ich habe darüber auch viel nachgedacht. Natürlich sehe ich jünger aus als ich bin, aber ich möchte natürlich trotzdem ernst genommen werden. Ich habe überhaupt keine Angst davor, in meinen Dreißigern zu sein, im Gegenteil. Ich finde das toll, ich kenne mich jetzt viel besser, ich weiß viel mehr, was ich will. Ich fühle mich in meiner Frauenrolle total wohl. Als Mädchen wäre ich eine einzige Katastrophe, ich war ein laufendes Chaos. Für mich ist es ein Geschenk, ein bisschen älter und reifer zu sein. Berlin ist glaube ich, die einzige Stadt in der man es sich als Pärchen noch leisten kann, getrennte Wohnungen zu haben. Man muss sich also nicht so sehr auf den anderen einlassen, sondern seine Sonntagsseite für die Verabredungen aufheben und seine Alltags-Kackseite für sich behalten. Solchen Dingen wie Müll herunter bringen geht man aus dem Weg. Natürlich ist so etwas total unsexy, aber manchmal definiert sich eine Person oder Gleichberechtigung genau über solche Dinge. Ich glaube, dass es damit zu hat, dass Frauen in ihrer eigenen Wohnung und mit ihrer eigenen Karriere irgendwann doch nicht mehr wissen, was sie wollen oder was sie glücklich macht. Also bekommen sie ein Kind. Dieses Kind soll sie dann für immer lieben und immer für sie da sein und dann müssen sie auch nicht mehr arbeiten. Das ist so eine seltsame Philosophie. Ich will das gar nicht per se verteufeln, aber für mich ist das schwer nachvollziehbar.

Hängen Machtverhältnisse in Beziehungen auch an der finanziellen Stärke des anderen? Erarbeiten Frauen sich Gleichberechtigung auf diesem Weg?
MS: Man kann aber auch lernen, füreinander da zu sein. Wenn in einer Beziehung zum Beispiel einer mal weniger verdient, dann ist es schon in Ordnung, sich auch aushelfen zu lassen und auch Sachen anzunehmen. Das ist für junge deutsche Frauen manchmal ein bisschen schwierig, sich auch als Frau feiern zu lassen, für alles, was eine Frau macht. Emanzipation heißt ja nicht „ich zahl’ alles alleine und ich brauch’ niemanden!“ Das heißt, dass man sich innerhalb von einem sozialen Gefüge abgrenzen und für sich selbst stehen kann, das man artikulieren kann, was man selbst möchte. Frauen sollten das tun. Ich bin immer auf der Seite derer, die sagen, dass, je mehr man über sich weiß, desto besser kann man artikulieren, was man will und was man nicht will. Desto weniger kommt man in Situationen, wo man in Abhängigkeiten gerät oder wie auch immer.

Viele Frauen unterscheiden sich in ihren Eigenschaften von einem typischen männlichen Alphatier, sind leiser, zurückhaltender, weniger ich-zentriert. Ist das für ein Vorankommen im Beruf ein Nachteil?
MS: Das würde ich so gar nicht sehen. Die Voraussetzung von Macht ist strategisches Denken, viele Frauen können sehr strategisch denken, sie vertrauen ihrer eigenen Strategie. Und dabei helfen solche spießigen Dinge wie planen, Listen machen, wo will ich in zwei Jahren sein, das hilft dann manchmal. Man muss sehen, wie komme ich da hin? Was für Artikel sollte ich schreiben, wie komme ich da rein? Du kannst dich ja auch reinlächeln, wenn du süß bist. Männer sind auch manchmal süß, die benutzen so etwas genauso. Man muss nicht laut sein, man kann zum Beispiel eloquent sein. Gute Strategien sind das A und O. das ist fast mathematisch, was man da macht. Ich habe sehr viel Respekt davor, was Charlotte Roche mit ihrem Buch macht. Sie schreibt als Frau ein Buch, das so dermaßen durch die Decke geht und sie so viel Geld verdienen lässt, dass sie damit wieder Platz für andere junge Frauen schafft. Ich stimme mit dem Buch und ihrer Aussage nicht überein, ich finde es auch literarisch nicht gut. Ich finde auch nicht, dass anatomisches Reden über den weiblichen Unterleib und Tampons wirklich die Frauenwelt zum Ausdruck bringt, aber sie hat sich was getraut, was so unverschämt ist und so untypisch Frau, das halte ich schon für wichtig. Auch für wichtiger, als thematische Bücher über so genannten Post-Feminismus zu schreiben und damit ein Bild zu propagieren, dass meiner Meinung nach angestaubt ist.

Du schreibst für die Süddeutsche Zeitung fast nur über Mode, richtig?
MS: Ich schreibe für die Süddeutsche nur noch über Mode, immer für den Wochenendteil. Ich würde dort gerne öfter Kulturkritisches mit einbauen, aber das schüttelt man nicht so aus dem Ärmel. Trotzdem ist es besonders bei einer Zeitung toll, sich mit Mode auseinandersetzen zu dürfen. Wir können uns als Tageszeitungsjournalisten ganz andere Frage erlauben, weil wir nicht so auf die Werbung angewiesen sind. Wir können Marken kritisch beleuchten, ohne dass sie uns die Seiten rausziehen. Die Freiheit genieße ich sowohl als Autorin als auch als Leserin. Schade ist, dass viele Frauen Mode und Modejournalismus mit Ablehnung gegenüber stehen. Sie kleiden sich möglichst asexuell, interessieren sich gar nicht für Mode, und das soll dann auch Emanzipation sein. Das ist so schade, denn das Zelebrieren des Frauseins heißt doch auch, dass man sich und seinen Körper mag. Mode ist etwas Tolles, das muss nicht heißen, dass man dumm ist. Das sind alles Dinge, von denen man sehr gut ablesen kann, wie man selbst tickt und sehr viel über die Zeit herausfinden, in der man lebt.

Arbeitest du schon an etwas Neuem?
MS: Ja, ich mache wieder Theater. Das Projekt heißt „Rimini - Protokoll“, wir sind ein deutsches Theaterkollektiv, machen Dokumentartheater und machen im Dezember im HAU ein Stück, in dem es um die Grenzen und Möglichkeiten von humanitärer Hilfe geht. Und - wenn ich als adoptiertes Kind jetzt ein Beispiel von humanitärer Hilfe bin - inwieweit das hilfreich ist. Es geht aber auch wieder um die Frage der Persönlichkeitsfindung. Und dann würde ich gern ein neues Buch schreiben.

Interview geführt von Teresa Bücker im September 2008


Miriam Yung Min Stein
Berlin Seoul Berlin - Auf der Reise zu mir selbst
Krüger Verlag







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4 Comments:
Blogger Herr Schmitz said...
i like her. somehow.

OpenID lalila said...
wow. vielen dank für das interview, hab's begeistert gelesen und frau stein spricht mir nicht nur einmal aus der seele. solidarität ist das stichwort - wie sie schon richtig sagt, wir femininen geschöpfe müssen in erster linie zusammenhalten, schluss mit dem konkurrenzgehabe!

Blogger frollein tessa said...
das klappt doch bei den frauen & mädels der modeblogs ganz gut, denke ich.

Anonymous Sue said...
Grandiose Frau.
Spannendes Thema.

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