Kinder, es hätte so schön sein können. Und sie so zahlreich. Die Kinder.

Übermutter Ursula befand sich auf dem besten Wege die Legislaturperiode als Heilsbringerin der überalternden Gesellschaft zu beenden. Elterngeld, mehr Kitas, treu sorgende Väter auf großen Plakaten und weitere Kampagnen mit glucksenden, satten und süßen Kleinkindern. Kinder, so weit das Auge reicht. Das war die Vision. Die Zielsetzung einer Mutter von sieben Kindern, die in ihrer kommunikativen Vermittlung jungen Frauen nahe legte, ein Baby und besser ganz viele seien ihre Vaterlandspflicht. Die passenden Väter dazu gab es ja auf den Plakaten. Das Wickelvolontariat debütierte kurz als verbaler Spielball der Medien, zeigte aber gleichsam karikierend, dass eine ernsthafte Involvierung der Väter in Erziehung und ihre gleichberechtigte Freistellung vom Beruf eine realitätsferne Idee war, die besonders in Frau von der Leyens Schwesternpartei CSU eher mit einem höhnischen Lachen als einem mildes Lächeln bedacht wurde. Die familienfreundliche Babykampagne flankierte die Bundesfamilienministerin dann mit progressivem Einsatz für eine Werbung der FAZ. Sie versteckte sich hinter der Zeitung während sie in einem Meer von weißen, flauschigen Kaninchen saß.
Wie die Kaninchen, liebe Bürger, ich schau auch kurz weg, doch mehret euch. Das war die Vision.



Ob Frau von der Leyens Brutplanung am Ende des Tages die Kurven der Frauen und Geburtstatistiken signifikant beeinflusst hat, wird kaum zu sagen sein; zu zahlreich sind die intervenierenden Variablen, zu dünn ist das Konzept des Elterngeldes als Anreiz zur Familienplanung zu fungieren. Dabei werkelte das das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend so emsig am deutschen Kindersegen. So emsig, dass sich die Jugend Sido, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Sabine Bätzing und Herr Koch teilen durften, die Senioren als Best Ager von Werbeagenturen und als Pro Ager von Dove betüddelt wurden und Mädchen in Sachbuch und Prosa die Gleichstellung der Frauen und Emanzipation voranpeitschten. Die Arbeitsteilung funktionierte. Sie sollte theoretisch funktionieren. Denn wenn die Jugend erfüllt ist mit Tugend, die Omas und Opas die besseren Kitas sind und die Frauen von morgen die Männer von heute, segnet uns ein Babyboom. Das war die Vision. Dann kam die Krise.



Weder ist die Plakatierung mit aktiven Vätern noch das Vorleben der perfekten Großfamilie durch die Vermehrungsministerin selbst der Schlüssel zu einer kinderreichen Gesellschaft, noch wird das Schwächeln der Konjunktur als maßgeblicher Grund anzuführen sein, dass die Graphik der Geburtenentwicklung weiterhin einen traurigen Eindruck machen wird. Die beiden relevanten Einflussgrößen, Politik und Popkultur (als maßgeblicher feministischer Motor), haben das Frauen- und Familienbild sowie die tatsächliche Situation nicht in eine Richtung schubsen können, die den Familiengründungswillen fördert.

Politikerinnen, Feministinnen, Frauenrechtlerinnen und die dazwischenquatschenden Männer fördern zunächst willkürliche weibliche Stereotypen, die wiederum unter Frauen Neid, Konkurrenz und Feindschaft, aber wenig Gemeinschaft und Solidarität stiften. Frau von der Leyen will passionierte Mütter, gerne mit Beruf und Karriere, die gleichsam ihren Mann zum aktiven Vater erziehen; leidenschaftliche Mütter werden verachtet von Frauen, die unter der fixen Idee Karriere zu machen wie ein Mann vergessen, dass sie keiner sind und sich dennoch aufplustern wie ein Hahn, obwohl es anders ginge; Mütter konkurrieren auf dem Spielplatz mit teuren Kinderwägen, schönen Kindern und pädagogischem Halbwissen; hinter jeder Entscheidung, sei es die Kinderlosigkeit, sei es beruflicher Erfolg, sei es ein einzelner Sohn oder eine fünfköpfige Rasselbande, wird Unfreiwilligkeit, Unglück, Unfähigkeit oder das Abkommen von der eigentlichen Lebensplanung vermutet.

Politik und insbesondere Politikerinnen versagen in dieser Hinsicht die verschiedenen Facetten des Frauseins zu vermitteln und anzuerkennen. Besonders jungen Frauen fehlen innerhalb der politischen Landschaft Identifikationsfiguren. Was jungen Frauen durch den Kopf geht, wenn sie in Zeitung und den politischen Talk im Fernsehen schauen, wenn sie sehen, wer neuer Bundeswirtschaftsminister wird, das Ministerium als politisches Ressort, in dem Gleichstellung besser aufgehoben wäre als im dem für die glückliche Familie, illustriert vielleicht Christine Eichels Kommentar, den sie zur Erpressung von Susanne Klatten im Cicero schrieb:


"Es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, welchem Genre die Männer angehören, die eine Frau der Klatten-Liga bei Vorstandssitzungen, Societypartys und Golfturnieren trifft. Sie erlebt die öde Selbstgefälligkeit gestandener Herren, die sich mithilfe routinierter Beeindruckungsprosa in Bewunderung sonnen wollen. Ungefragt geben sie Anekoten aus dem allzu umfangreichen Repertoire ihrer Heldengeschichten zum besten. Frauen sind ihr Publikum, ihr Spiegel, ihre Claque."


Also gehen wir fremd. Und die "öde Selbstgefälligkeit" kann derart starke Ausstrahlungskraft haben, dass falls das Politische von Frauen nicht bereits abgestoßen bei Seite geschoben wurde, sie sich nicht ausschließlich thematisch orientieren, sondern auch dort politisch sammeln, wo Frauen sichtbar sind, mitentscheiden, und nicht als hübsche Dekoration und Alibi auf den billigen Plätzen drappiert wurden. Der Anteil der Frauen, der sich als emazipiert begreift, Unabhängigkeit und berufliches Fortkommen schätzt, steigt nachweislich gleichsam mit dem wachsenden Interesse an Politik und der aktiven Teilhabe daran.

Dass dies Spitzenkräften wie Franz Müntefering (SPD) erst kurz vor Wahlkampf einfällt und er schwammig formuliert: "Wir müssen auch darüber sprechen, warum relativ wenig Frauen in führenden Positionen sind. Ist es zum Beispiel sinnvoll, etwas zu tun, was in vielen Parteien lange gedeckelt worden ist? Klammer auf Quote Klammer zu. Manchmal muss man auf Zeit solche Instrumente anwenden, um ein Ziel zu erreichen.” Dies kritisiert Heide Oestreich in der taz zurecht: "Einer Partei fällt nach zehn Regierungsjahren auf, dass man ein Gleichstellungsgesetz brauchen könnte? Derselben Partei, die vor acht Jahren dieses Gesetz bereits vorgelegt hatte und es dann selbst per Kanzlerdekret wieder einkassierte?" Den Vorsprung, den Oestreich der Union im weiblichen Wahlkampf attestiert - "Wenn Münterfering gegen die Strahlkraft, die von der Leyen und Merkel allein durch ihre Anwesenheit erreichen, etwas ausrichten will, wird ein bisschen Quotengemurmel nicht ausreichen" - sehe ich allerdings nicht.

Frau von der Leyen repräsentiert auch nach Haarschnitt nicht den modernen Frauentyp noch die Politikerin, der junge Wählerinnen begeistert und inspiriert. Wer einen kreativen Ansatz zum Thema Gleichstellungspolitik aus dem zuständigen Ministerium sehen möchte, dem sei ein Blick in den Medienkoffer "Frauen und Männer - Gleich geht´s weiter" empfohlen. Dazu Staatssekretär Gerd Hoofe: "Wenn Schülerinnen und Schüler zum Beispiel sehen und hören, wie Breakdance-Kids über Gleichstellung denken oder selbst aufgefordert werden, einen Rapsong zum Thema zu machen, setzen sie sich intensiv mit ihren Zielen und dem eigenen Rollenverständnis auseinander. Das hilft den Mädchen wie auch den Jungen dabei, ihren eigenen Weg zu gehen - in Beruf und Familie." Ich vermute, nein ich weiß, dass dieser Koffer bei den Schülern der 9. bis 12. Klasse, für den er vorgesehen ist, für Spott sorgen wird, aber nicht zum Nachdenken.

Angela Merkel wird nun abermals im Wahlkampf nicht als Frau, sondern als Neutrum in Erscheinung treten. Niemand fordert flammende feministische Reden. Ein Bekenntnis zum Frausein bedarf keinen Staatsakt. Ein frauenfreundlicher Wahlkampf bedarf aber auch keine Babys auf Wahlplakaten. Frauen bedürfen keiner Karrieren nach männlichen Mustern, aber nach ihren eigenen.

Liebe Ursula, liebe Angie, die Frauen von morgen werden weder die Mütter, noch die Männer von gestern und heute sein. Der Wohlfühlfaktor im weiblichen Wahlkampf wird schmerzlich vermisst.



Labels: , , , ,

3 Comments:
Blogger blica said...
applaus, applaus...wahre worte, schön in form gebracht!

Anonymous Anonym said...
toller, wahrer artikel.

und wieder beneide ich deine außergewöhnliche schreibe.

charlotte

Blogger frollein tessa said...
I also recommend: “Babyboom” & “Neue Väter”: Die statistischen Tricks der Ursula von der Leyen http://carta.info/5162/babyboom-neue-vaeter-die-statistischen-tricks-der-ursula-von-der-leyen/comment-page-1/#comment-860

Links to this post:
Link erstellen