Zarte Klavierklänge untermalen die hektische Verteilung der Front Row-Plätze, auf denen sich zur letzten Show der Fashionweek in Berlin wie zu jeder der vorangegangenen Schauen die Schönheiten anfinden, die nach ihrer Entlassung aus Heidi Klums Bootcamp nur noch im Sitzen angetroffen werden. Nahtlos geht es für sie vom Jubel des Fernsehpublikums in die Reihen der C-Prominenz. Wenn für Sara Nuru alles nach Plan läuft, besucht sie in sieben Jahren mit Boris Becker den Bebelplatz.

Mit dem Dimmen des Lichtes verwandelt sich das Zelt in einem Vortempel des Berghains. Und tatsächlich schafft es die musikalische Dramaturgie von Designer Kai Kühne die Zuschauer auf die Art zu entfesseln, wie es nur die Bässe und das Treiben des Berliner Technoclubs schaffen. So viel Bewegung abseits des Laufsteges haben die Schauen zuvor nicht gesehen. Dennoch hat keine der anderen Inszenierungen es vollbracht, sein Publikum derart in den Bann zu ziehen und eine hoch konzentrierte Atmosphäre zu schaffen, die für den Appell auf dem Laufsteg die Zeit anhält. Der harte elektronische Klang setzt sich auf dem Catwalk nahtlos fort. Kai Kühnes Antwort auf die Krise ist unterkühlt, entschlossen, glatt und gespenstisch. Seine Interpretation der Frau im Sommer 2010 entstammt den Büroetagen des New York der 80er Jahre: 80s Killer Business Women. Kein Haar tanzt abseits des Skalps, der Weg ist gradlinig, nahezu gehetzt und abgeschirmt vom Links und Rechts. Die milchig hellblauen Kontaktlinsen machen die futuristische Großstadtkriegerin endgültig unnahbar.



Man kommt nicht darum herum an dieser Stelle auf Michelle Obama zu verweisen, die eine der derzeitigen Wegbereiterinnen dafür ist, Macht und Sex wieder gemeinsam zu spielen. Der Look, der die letzten Jahre als Common Sense in der Welt von Politik und Wirtschaft gegolten hat, hat die Frau keinesfalls unter einem Schutzmechanismus oder unter Gesichtspunkten der Gleichstellung entsexualisiert. Das Verdrängen der optischen Weiblichkeit aus der Geschäftswelt hat einer Gleichberechtigung eher entgegengewirkt. Denn während Testosteron & Autorität noch immer aus kantigen Gesichtszügen, Körpergröße und sonorer Stimme sprühen, wird der Frau das Einsetzen ihrer gottgegebenen Macht verweigert.



I’m bringing sexy back
Them other fuckers don’t know how to act
Come let me make up for the things you lack



So lange Schönheit, Brüste und Ärsche zensiert werden müssen um die Jungs in den Vorständen nicht vom Spielen abzulenken und die Wahrnehmung einer Frau als attraktiv mit einer Herabstufung ihres Intellekts einhergeht, wird die Gleichberechtigung im Berufsleben und die Sichtbarkeit des Einflusses der Frauen in Gesellschaft und Politik weterhin so langsam vorankriechen, wie in den letzten Jahren. Man mag Angela Merkel ihre Entscheidung als Neutrum zu fungieren zugestehen, und Alice Schwarzer ihre Sicht, die Sexualität einer Frau als wunden Punkt und nicht als Waffe anzusehen, dennoch möchte ich die Frauen, die ihr Äußeres als ebenbürtiges Attribut zu ihrer Eloquenz und Klugheit einzusetzen wissen, nicht mehr nur als Schmuckstück an der Seite von ergrauten, sich in der Jugend der Gespielinnen sonnenden Männern sehen, sondern dort, wo sie hingehören: In jeder Front Row, in der sie sich zuhause fühlen.


Kai Kühne übrigens, trug wie seine Models die hellblauen Kontaktlinsen, als er sich nach der Show kurz vor dem Berliner Publikum bedankte.









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9 Comments:
Blogger Yazzmin. said...
"Wenn für Sara Nuru alles nach Plan läuft, besucht sie in sieben Jahren mit Boris Becker den Bebelplatz."

ich konnte mir das Lachen wahrlich nicht verkneifen :)

Der Rest des Artikels hat mich wie immer auch gefesselt. Super!

Anonymous Annette said...
Ich denke nicht, daß Attraktivität im Beruf schädlich ist, sich sexy zu präsentieren allerdings nicht unbedingt hilfreich, wenn frau nicht im Entertainment- oder Mode-Business arbeitet. Es wäre schön, wenn wir (Frauen und Männer) uns alle so kleiden und zurechtmachen könnten, wie wir wollen, aber eine Frau im Minirock und nackten Beinen wird es ebensowenig in den Vorstand eines großen Konzerns schaffen, wie ein Mann mit pink lackierten Fingernägeln. Ab einem gewissen Machtlevel gelten für Frauen und Männer bestimmte Verhaltens- und Kleidungsregeln und bis sich das ändert, wird wahrscheinlich noch sehr viel Zeit vergehen. Bei Michelle Obama finde ich jetzt nicht, daß sich Macht UND Sex vereinen, da sie selbst eben "nur" die Frau des Präsidenten ist, aber keine eigene Machtposition innerhalb der Regierung innehat. Zum Stichwort Das Merkel: mich würde ja interessieren, in welchen Outfits Du sie gerne sehen würdest bzw. wie Du Dir eine weniger neutrale Merkel vorstellst?

Anonymous cr said...
So ein Schauenbericht ließt man wahrlich gerne. Bei mir hat die Inszenierung eben den gleichen Effekt erzielt wie bei dir. Auf einmal wahr das Gesamtkonzept wichtiger als die einzelnen Looks zumal die so betrachtet nicht mal wirklich aufregend sind.
Ps: Ich dachte Kais Augen wären wirklich so blau

Blogger blica said...
ich stimme dir zu, nichtsdestotrotz habe ich das gefühl, dass weibliche attraktivität mehr und mehr zum "muss" wird, um wahrgenommen zu werden. oder anders formuliert: wenn also cleverness/klugheit aufgrund der nonkonformität mit gängigen attraktivitätskriterien einhergeht, was dann? entsteht da nicht ein ungeheurer druck? (ich zumindest empfinde ihn als solchen) und michelle obama als "eine der derzeitigen wegbereiterinnen, (...)macht und sex wieder gemeinsam zu spielen" zu bezeichnen, empfinde ich auch ein wenig schwierig- zumindest in ihrer rolle als "frau von". denn ist es nicht gerade in ihrem falle so, dass karriere aufgegeben wurde/ werden musste, um neben barack vor allem visuell die muskeln spielen zu lassen?

Anonymous Ina said...
Ich finde schon, dass beruflicher Erfolg kombiniert mit offensiver weiblicher Sexiness auf Männer (und auch viele Frauen) eine tendenziell einschüchternde, vielleicht sogar provokante Wirkung hat – so wie eine Art männermordende Gottesanbeterin. Vielleicht spielt auch noch die berufliche Version des Heilige/Hure-Komplexes mit hinein, bei der sexuelle Attraktivität nicht mit Intelligenz/Kompetenz vereinbar ist und umgekehrt.

Es gibt aber auch genug Studien, nach denen feminine Attribute beim Erklimmen der Karriereleiter tatsächlich eher hinderlich sind – wobei dies interessanterweise auch für Männer gilt, sofern sie eine Vorliebe für Fönfrisuren, Hemden in Pastelltönen u. Ä. haben.
Schließen sich Femininität und starkes, souveränes Auftreten - wie es in den Vorstandsetagen nun mal geschätzt wird - also gegenseitig aus? Wohl kaum, aber wo zieht man (frau) die Grenze? Mit dieser Frage im Hinterkopf finde ich die Gratwanderung zwischen offensiv gezeigter Weiblichkeit und fast schon kriegerischer Toughness, wie man sie bei Kai Kühne erlebt, gerade auch deswegen sehr faszinierend und gelungen.

Blogger Mary said...
Ich sehe da tatsächlich auch diesen Zwiespalt, den Blica anspricht - wie weiblich bleiben und sich dennoch nicht dem Schönheitsideal unterwerfen. Der Ausweg kann sicher nicht der von "das Merkel" sein, das wäre mir persönlich, die ich mich viel zu gern den schönen Dingen widme, zu einfach.

Anonymous Ina said...
Aber ist das dann auch nicht wieder das gleiche Dilemma wie bei der Frage, inwieweit eine Frau ihre Sexualität offen ausleben kann, ohne gerade dadurch wieder allzu bereitwillig den Wünschen der Männer entgegenzuspielen (und sich somit 'herzugeben')?

Vielleicht kann die Lösung dieses Problems nur darin liegen, sich so wenig wie möglich am Außen (hier in Form von allgemeinen Männerfantasien) zu orientieren - egal ob es darum geht, ihnen zu entsprechen oder zu versuchen, dieses um jeden Preis zu vermeiden. Denn bevor ich mich frage, wie ich mich 'richtig' verhalte, sollte ich immer zuerst einmal genau wissen, was ich persönlich denn eigentlich genau will.

Blogger teresa m. buecker said...
Die Mädchenmannschaft war übrigens so charmant das Thema aufzugreifen. Dort wird sehr fleissig diskutiert

http://maedchenmannschaft.net/modekritik-businessfrauen-muessen-arsch-und-brueste-immer-noch-zu-hause-lassen/

Anonymous Annette said...
http://www.spitzenfrauenindenmedien.de/projekt.html

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