
Die neue Koalition tanze unter dem Motto „Celebrating Diversity“ – so spotten manche nachdem am Wochenende übernächtigte und doch
heitere Honigkuchenpolitponies die Konstellation des
schwarz-gelben Kabinetts in die Mikrophone jauchzten.
Diversity, ein Trendbegriff in modernen Unternehmen, der dort viel leichter von den Lippen zu flutschen scheint als Gleichstellung, wird nun mit überraschten Minen einer konservativen Regierung zugeschrieben, die ihren Stall nicht nur für Fohlen öffnete. Die
optische Täuschung scheint perfekt. Angela Merkel, die seit Jahren Erfahrung als
Farbklecks in der Politifotografie sammelt, gelingt es auch nach dem Wahlkampf durch grelle Signale gleichsam zu
irritieren wie zu beruhigen. Ein bekennender Homosexueller in der Bundespolitik, ein deutscher Arzt mit vietnamesischen Vorfahren, ein schön geschriebener Mediendarling und ein Mann im Rollstuhl. Wer all diese aus der politischen Norm fallenden Männer eng in die Arme des Zirkels der Macht schließt, signalisiert den Blick nach vorn. Vor allen Dingen veranschaulicht die Auswahl der Minister für die kommende Legislaturperiode aber, wie leicht die
politische Wahrnehmung zu trügen ist, denn das Konzept der Diversität ist an dieser Stelle das falsche Label und ein verfrühtes Ziel. Die Frau
ohne Kronprinz vereint ihr Versagen dienlicher Weise in ihrer eigenen Person. Denn wo andere nicht müde werden zu beklatschen, dass ein Mädchen aus Ostdeutschland nun zum zweiten Male den Regierungsvorsitz erklimmen konnte, notiert der kritische Blick die Unterrepräsentation von den Attributen, mit der man so gerne Angela Merkel umschreibt: die neuen Länder und Frauen. Wie viele Minister wiegt eine Kanzlerin? Und was denkt Alice Schwarzer, wie viel Frauenpower das
Neutrum Angela Merkel wiegt? Liest man die aktuelle Ausgabe der
EMMA, scheint Schwarzer der Regierungschefin einen Platz auf ihrem Thron einräumen zu wollen – geblendet von Jahrzehnte langem Warten auf eine Frau in deutscher Spitzenposition.

Doch Merkels Engagement äußert sich als dreifacher Dämpfer für ihr eigenes Geschlecht: sie verweigert sich weiterhin ihrer
frauenpolitischen Aufgabe, sie besetzt mit
Ursula von der Leyen abermals eine Ministerin, die das Wort Frau mit den Worten
Mutter & Gattin verwechselt (und verweigerte zudem dieser Frau den Karrieresprung auf den Posten der Gesundheitsministerin) und regiert nun mit einer Truppe aus 11 Männern und 4 Frauen.
Und obgleich die Zusammensetzung eines Kabinetts keine Zustandsbeschreibung von Politik und Gesellschaft zu sein vermag, ist ihre
Signalkraft nicht von der Hand zu weisen.
Ursula von der Leyen wird weiterhin geschönte
Geburtenzahlen verlesen müssen oder ihre Aussage
Familien hätten in der Krise Konjunktur revidieren müssen, wenn die demographische Entwicklung weiterhin von ihrem Auftrag abweicht – was sie wird. Dahingestellt sei, ob eine
„Generation Google Wave“ tatsächlich in den
Geburtenstreik tritt, sei es aufgrund von der Leyens Rolle bei den Netzsperren oder der
Zukunftsangst, die politische Entscheidungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bei jungen Menschen schüren oder schlicht von Tatsachen befeuert wird, die schwerer wiegen als die biologische Uhr.
Mein Nachwuchs soll sowohl die Tigerente als auch Biene Maja wieder in kindgerechter Form kennen lernen. Mein Kind soll später lesen dürfen über Steueraffären von Firmenchefinnen und ausgelaugte
Kindergärtner. Ich will Qualitätsjournalismus in meinem Briefkasten, der meinem Mann nicht erklärt, wie er mich mit seinen
Küchenkünsten an die Spitze des Berges kocht, oder wie ich eine
Affäre auf dem Spielplatz beginne. Diese Kunst beherrschen wir, seitdem wir fünfzehn sind. Ich will mehr
Spendebuttons auf Blogs, um mich für die exzellenten Inhalte und klugen Debatten zu bedanken. Und ich möchte dem
Missy-Magazine noch zum
Geburtstag gratulieren.
Mit all diese guten Wünschen vor Augen, schläft es sich erstaunlich gut.
wann wird eine echte frau wirtschaftsministerin? wann innenministerin? wann verteidigungsministerin?
mein kindheitsbild von liebenswürdigen tigerenten und cleveren biene majas wurde erfolgreich zerstört. es bleibt ein schwarz-gelbes trauma.