
Der Medienwandel in Deutschland wirkt eher schläfrig.
Deutsche Blogs und der Umbruch der klassischen Publikationsformen - da sitzen sie: männlich, um die vierzig, nicht unähnlich in ihrer Statur. Dröge, leicht gelangweilt und wenig fertil fläzt sich die
Revolution in den Podiumssesseln. Auf der
re:publica’09, die laut Selbstbeschreibung auf dem Ball der digitalen Gesellschaft tanzt, erinnern die Eröffnungspanel daran, warum die Politik von Blogs derzeit noch wenig Notiz nimmt: Deutschlands
demographisches Problem sitzt hier als Kunstinstallation inszeniert und symbolisiert durch ihre biologisch nicht mögliche Fortpflanzung vielleicht einen Teil der Antwort darauf, warum Onlinemedien mitsamt ihrer Schwestern - die mehr auf
Leidenschaft als auf Professionalisierung und einem ökonomischen Konzept beruhen - die Prinzen der Klassik noch nicht vom Thron gestoßen haben. Zwar geht die aktuelle
brand eins (Wir lieben die Vielfalt!) zu recht der Frage nach, ob
Diversität in Unternehmen tatsächlich so erfolgsversprechen ist, wie man raunt, doch was die re:publica am ersten Tag als Status quo auf der Bühne des Friedrichstadtpalast statuiert, wirkt undurchlässig, bequem und keinesfalls auf Krawall, Vermehrung und
Machtergreifung gebürstet.
Warum die mutigen Medien, die in ihrem Biotop kein Blatt vor den Mund nehmen und immer wissen, was morgen schon wieder von gestern ist, nicht den Mut besitzen, am Tag der Eröffnung zarte
Pflänzchen vor das Publikum zu lassen, Gesichter, die noch kaum jemand kennt, die etwas sagen, dass noch nicht von Blogs und anderen Medien zerkaut wurde, und die mehr Grips als Eitelkeit besitzen, fragt sich vermutlich das bunt gemischte Publikum. Dieses wundert sich währenddessen in Tweets darüber, dass auf dem Podium nicht im
Einklang mit der Jahreszahl des Gipfeltreffens Diskussionen geführt und Gedanken gesponnen werden.
Die Männer, die sich so freigeistig und unabhängig im Beifall von Fans und Followern sonnen, erinnern merkwürdig stark an eine Komponente, die in der Ursachenforschung der Krise von Finanzmärkten und Wirtschaft oftmals in der Kritik stand: Vorstände. Alteingesessene
Chefetagen, die vielleicht hinter ihren Eichenschreibtischen Pläne aushecken, vielleicht des Nachts eine Sitzung in den
Stripclub verlegen und gerne unter ihres Gleichen weilen. Die Eitelkeit, nicht den Chihuahua auf dem Schoß.
Eine starke Prise Selbstverliebtheit scheint dazu zu gehören, wenn ein Onlinepublizist zum Alpha-Blogger werden möchte. Der Weg zum Medienstar der Internetavantgarde scheint von ähnlichen Einflüssen geprägt wie der Berufsweg eines
Karrieristen. So mutet es an.
Wer entdeckt Blogger-Talente und führt sie ein? Gibt es keine? Ist die schöne neue Welt des Netzes schon wieder eine Altherrendomäne?
Stefan Niggemeier äußerte seinen Unmut darüber, dass Blogs derzeit wenig eigenes hervorbringen und viel aggregieren, aber keine Nischen besetzen, keine Geschichten erzählen, keine Akzente setzen. Vielleicht ist diese Feststellung der Entwicklung geschuldet, dass ein Einfinden in die Onlinewelt mittlerweile nicht vorbeikommt an den 'großen' Namen der digitalen Gesellschaft und das reden über 'gute' Blogs zudem
Leitlinien erzeugt, die das kreative Potenzial von Blogs unterbinden.
Schaut man ein wenig genauer hin, haben die so genannten Topblogs zwar ihren eigenen Charakter, von einer publizistischen Vielfalt wie wir uns sie für das gesamte Medienangebot wünschen, kann man in den
Leistungsträgern der digitalen Publikationen nicht sprechen. Wenn ein junger Blogger nach wenigen Monaten des Selbstversuchs als drängenste Frage an den Fachverstand des Podiums richtet, wie er sein Blog denn vermarkten könne, ergänzt dies Herr Niggemeiers Anmerkung um einen weiteren Aspekt, der nicht unbedingt für das bunte
Erblühen der Bloglandschaft spricht. Auch wenn die Entwicklung, dass einzelne Menschen in Deutschland und wesentlich mehr Personen in den USA ihren Lebensunterhalt über das Führen eines Blogs bestreiten können, sehr zu begrüßen ist - wer ein Blog mit einem gedanklichen Flirt mit dem Geldsegen beginnt, hat den falschen
Unterricht besucht.
Für eröffnende Panels hätte ich mir vor allem gewünscht, dass sie Fragen aufwerfen, auf die selbst die Podiumsteilnehmer noch keine Antwort oder zu denen sie keine Meinung haben. Von Podiumsteilnehmern hätte ich mir gewünscht, dass sie sich wundern, warum zu ihrer Linken, zu ihrer Rechten ein leicht variiertes Pendant ihrer selbst sitzt, grau in grau wie die
Börsianer. Wo sind die jungen Wilden sind, die frechen Frauen, die Skeptiker?
Selbstverständlich waren sie im Publikum. Vielleicht auch daheim am Rechner, bloggend über
Katzen und die Welt. Auf der Lauer nach einer wirklichen Story. In der Sonne, vergessen dass die re:publica tagt. Die
Konferenz der Liebe genutzt.
Das mit den Männlein und Weiblein klappt bei der re:publica wunderbar. Jung und alt scheinen sich auch zu mögen. Wenn nun alle wieder ihr
Blog als ihr Baby betrachten, das nicht mag, wenn Papa zu ernst schaut und der andere Papa am Abend wieder die gleiche Geschichte vorliest, hat eine
Mama vielleicht wieder Lust das Kleine zu stillen und der Familie weiteren Nachwuchs zu schenken. Die deutschen Blogs haben mehr
Wumms als die Politik. Ihr Nachwuchsproblem sollte für sie ein leichtes sein zu lösen.
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