Eine klebrige Schreibblockade spüre ich auf den Fingerkuppen, wenn ich einen Moment vom blanken Blatt abgewandt an den Einband eines Manuskripts denke, der das Bestehen der Reifeprüfung durch den Verlag bedeutet. Die vielleicht verträumte oder vielleicht verschneite Art-Direktion entscheidet nach Abkühlen der Schreibmaschine, welche Gruppierung verfrorener Literaturliebende die straff gebundenen Seiten zur Kasse schleppen. Ich verstehe, dass Reich-Ranicki sich kein Bild der jungen, weiblichen Literatur verschaffen möchte. Ich kann sie meist nur kaufen, wenn ich vom Berliner Ostbahnhof die S-Bahn zur Friedrichstraße nehme, nachdem ich mich durch einen Teppich glänzender Muskeln vor die Tür des Berghains gegraben habe. Ein zartpinker Einband gewöhnt meine Augen an die Tageshelle. An solchen Vormittagen hätte ich den gebrauchten Juden vielleicht übersehen, so schön schwarz, so schön schönauer. Sexy ist für einen Biller natürlich das falsche Wort. Hätten Biller und Schönauer die Buchstaben des Titels in anderer Reihenfolge arrangiert, vielleicht. Ich würde in Garamond vor den Altar treten.



Nachdem wir auf der Säuglingsstation in blau und rosa unterteilt werden, das Leben am Ende der farblichen Klassifizierung in finsterer Trauer, kühlem Business und eifriger Erotik mündet, das Tragen jeder scheckigen Lasur modischen Todesmut erfordert, dürfen zumindest die Federhalter sich wieder schlaff in die kindliche Coleur fallen lassen. Wenn ich über meinen Umschlag schlecke, zerbirst eine Kirsche auf meiner Zunge. Der Mann knöpft sich in Pantherpelz, während er sagt, wir müssten mehr über Sex schreiben. Ich finde das entbehrlich. Drei Monate sind vergangen und wir haben immer noch keine Vorhänge. Wir haben auch immer noch kein Bücherregal. Ich habe mich schon an den unabsichtlich kunstvollen Anblick der Wohnzimmerwand gewöhnt, an der sich elf zittrige Türme aufbäumen und angriffslustig beben. Der Morgen war ein wenig mit mir durchgebrannt, als ich kaffeegetrieben und zielbewusst in der Tiefebene der Türme zum Schnitt ansetzte. Ein gelber Schauer von März-Readern prasselte über meinen Rücken nachdem ich Vögelfrei ins Freie gezupft hatte. Der Bodensatz meiner gedruckten Jahresbegleiter findet sich nun aus Sicherheitsmaßnamen nicht auf dem fotografischen Gefolge zu diesem Text. Ich entschuldige die Corpi Deliciti, und den zugehörige Singular. Heute Nacht gibt es also eine Auswahl von den Büchern, die mir vorgelesen wurden, in die ich mich vergrub – while multitasking – die ich anlas und vergaß, deren Ende naht. Unter die Lektüren 2009 habe ich ein Buch geschmuggelt, das ich seit dem Winter 1998 immer wieder lese. Herr Brinkmann ist es nicht. Diese Anerkennung bekommt Stephanie Grant.

Aufgeschmatzt habe ich den Kuss für dieses Jahr ohne zu zögern Paul Beatty. Ehe ich meine Finger nicht mehr von den Seiten lassen konnte hatte er mir schon alles um die Ohren gehauen: Sprachgewalt, Sonne, Sex mit einem Huhn, den Beat, Berlin, Justin Timberlake und eine schmeichelnd sexistische Sicht der deutschen Frau:

„Mir war sofort klar, dass „Stolen Moments“ das Erkennungsstück des Slumberland sein würde; süffig, nicht zu schnell, würde der Tune in einer ohnehin schon erotisch aufgeladenen Atmosphäre den klebrigen, beinahe feuchten, wohligen Hintegrund bilden. Sollte ein Weibchen im Angesicht des Pfauenrades, das ein Vogel aus Tansania vor ihr schlug, nicht in den gewünschten Zustand sexueller Erregung versetzt werden, würde die Musik das Schillern seiner olivgrünen Kunstfaserhosen, seines burgunderroten Seidenhemds und seiner Lackschuhe betonen. Wenn die in die Jahre gekommene Westberliner Gesellschaftslöwin auf Beutefang im Saal herumschlich und ihre Rod-Stewart-Frisur zucken ließ, würde ihr Dolphys Querflöte zart die Hängebrüste wie auch die Laune heben, Paul Chambers’ Kontrabass ihr downtown-Detroit-mäßig den Hintern abrunden und Bill Evans’ Klavier ihrem Englisch den Akzent nehmen, ihr Worte in den Mund legen, die sie nicht kannte, und sie gegen egozentrischen schwarzen Machoscheiß immun machen. Vielleicht würde Doris eines Tages, während sie die Bar auffüllte, den Song hören und mir vergeben, dass ich ihr die Zeit gestohlen hatte. Ich weiß, der Song, der mir erlauben würde, mir selbst zu vergeben, muss erst noch geschrieben werden.“

Süffig ist das Wort, dass ich diesem Absatz klauen und als Label für Beatty verwenden darf. Sollte ich im nächsten Jahr dem Wein abschwören, lasse ich mir Slumberland einsprechen und vertonen. Passagenweise habe ich beim Lesen tatsächlich in youtube gestöbert. Das hat mich eher verzückt, als überfordert. Dabei ist die lebenswichtigste Funktion des Internets reichlich simpel: das Versenden und Empfangen von Liebesbriefen ist. Das mag zu Herr Schirrmachers wilden Zeiten anders gewesen sein, ohne die Fügung des Netzes säße ich allerdings heute Abend nicht in einem Bademantel aus mausgrauem Fleece in dem Wohnzimmer von mir und dem Mann. Keiner von uns beiden hatte dabei je eine Flirtbörse im Web besucht, bloß den gleichen, schmuddligen Club in der Dorotheenstraße, in dem der Haus- und Hoffotograf mich abschoss, und die Herrin des Hauses ein paar Tage später die zum Foto gehörige Social-Network-Anschrift an den Mann weitergeben konnte. Dieses Briefkastens habe ich mich mittlerweile entledigt, doch nach Eintreffen der ersten Nachricht auch kurzerhand des Juristen, der lange Vater meiner Kinder werden sollte.

Es ist folglich möglich, die große Liebe in einem Club kennenzulernen, sofern man sich an den Grundsatz hält, nicht mehr als Blicke auszutauschen und den Rest im Nachgang nüchtern über das Netz zu vereinbaren. Diese Geschichte ist stark abstrahiert, aber wahr. Sie gewinnt vielleicht an Kanten, wenn ich hinzufüge, dass der Mann sich eher in der Tradition des Buchdrucks versteht.

Das Jahr meines Vierteljahrhunderts tischt freilich mehr auf als einen geschriebenen Soundtrack. So sehr ich knicken habe verhungern lassen, mein iPod hielt stets die Kanüle zur Zwangsernährung bereit. Ich muss zugeben, ich höre seit etwa vier Wochen nichts anderes als die im Januar erscheinende Tocotronic-Platte, zu der es mittlerweile das erste Video gibt. Der ganz warm empfohlene Track von „Schall & Wahn“ ist „Im Zweifel für den Zweifel“. Das jüngst erschienene Video reiht sich unter eine winzig kleine Auswahl der schnöden Schönen des bewegten Musikbildes. Den Liebenden, die noch eine dickere 8 im Geburtsjahr stehen haben als ich und niemals Musikfernsehen erleben durfte, empfehle ich die Kasette im Netz. Das Kamikätzchen erkläre ich dann bei einem Bier.


tocotronic, für den zweifel. für den rest der pubertät.





klez.e, für das sicher nach hause bringen des mannes. aber viel mehr noch für das bombastische album.




lou, love me like a pancake.





grizzly bear, für die knete.





charlotte, nicht für den antichrist.




portugal the man, for the lovers. for the critics.



(dieser artikel verfügt über einen beneidenswerten affiliate-deal mit meinem herzen.)


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12/02/2009


die zeit verging wie im flug, doch nach fünfzehn fleischlosen jahren habe ich zugeschnappt. in beaune. das fremdgehen im ausland zählt nicht, noch viel weniger wenn der eigene freund der verführer war. die charolaisrinder im nachbarland machen den eindruck, als grasten sie ihrem ende auf dem teller gelassen entgegen. weiß und unschuldig im satten grün, ich nun: ein beschmutzer vegetarier. vielleicht werde ich mit dem thema fleisch also in zukunft noch ein hühnchen rupfen. anlass gab mir zumindest das gänse-essen, das mir vergangenen samstag das erste mal angst vor dem alter bescherte. das fleisch des federviehs spielt dabei eine nachgeordnete rolle, vielmehr beschäftigt mich der abend, da er auf mich wirkte wie eine episode in einer reihe von abschiedsfeiern an die jugend, die die rundum sitzenden gäste begingen. fleischeslust nur noch für geschmacklose designeroben, auf der seite der herren für alles, außer der eigenen frau. vielleicht braucht man das saftige tier wieder zwischen den zähnen, wenn die ödnis von festanstellung und ehe beginnt am verstand zu nagen.
bis das letzte wochenende ins reine geschrieben ist, möchte ich auf eine andere fleisch-kolumnisten verweisen, die neben kleinen, bissigeren texten eine große reportage über die porno-industrie in kalifornien schrieb. ein appetitzügler, gerade richtig für die adventstage, von susannah breslin: they shoot porn stars, don't they?


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