"Ich strich die Interpunktion aus meinem Leben: Kommata, Anführungszeichen, Punkte, One-Night-Stands, Ellipsen und die Abendnachrichten."

Einer der Punkte aus dem vorausgehenden Satz tänzelt über das Fensterbrett. Als kleiner Kreisel dreht sich der schiefergraue Käfer auf seinem Chitinpanzer ein zweites und drittes Mal um die eigene Achse. Die Beine strampeln und boxen die Aprilsonne zurück durch das regentropfengetrübte Fensterglas, über die Dächer der Neuen Schönhauser Straße, ins Himmelblau, in eine unsichtbare Aschewolke.

Peter Ramsauer ringt nach Luft.

Auf dem Weg zurück ins Zimmer zerbricht das Licht beim Durchstürmen des trüben Altbauglas in einen Schauer aus Funken, die jede Sommersprosse in meinem Gesicht für eine Sekunde in grellgelbes Scheinwerferlicht tauchen. Ich starre auf den hilflosen Frühlingsboten, neben dem leibhaftige Ascheflocken in Duckstellung gegangen sind. Achtlos hinabgeregnet sind sie von einer freiheitsliebenden Französin; sie erinnern das Grün in den Tontöpfen an seine Endlichkeit. Vor allem ist Verliebtheit endlich, das verknallte Herzrasen setzt aus, und man streicht über aschfahle Haut und blickt in gerötet graue Augen, riecht toten Rauch und erinnert holzigen Tabak, den warmem, kratzigen Bart der bei jedem Kuss so knistert wie der verstohlene Blick kurz zuvor; damals. Ich küsse keine Raucher mehr, pocht in meinem Kopf, als ich die Karussellfahrt des kleinen Frühlingsboten unterbreche und mir dabei zusehe, wie meine blassen Finger ihn von der Fensterbank in das kalte Chaos der Wohnung schnippen.

Drüben, im Schatten des verhängten Fensters, kräht der Minnesang des 21. Jahrhunderts aus meinem elektronischen Postfach. Diese vor die Füße gekotzte Liebesbekundung eines Unbekannten hat mir soeben den Magen ein Stück weiter nach rechts gedreht, obgleich der Serotoninmangel, der in meinem Hirn klafft, schon den Startschuss dafür geliefert hatte. Ein Luftstoß sprüht feine, saure Tröpfchen den Ösophagus entlang, die an meinem Gaumen kitzeln. So rutscht ein zartes Rinnsal Tränen links von der Nase hinab und schleift moosgrünen Kajal talabwärts. Der Bademantel sackt in meine Ellbogen und schleift wie eine Schleppe die Erinnerung und den Schmutz der vergangenen Nacht vom Wohnzimmer in die Küche. Ich trete vor die Tür, meine Arme fallen hinab und mit ihnen der Mantel auf die Stufen vor dem Haus. Ein kurzes Verharren vor der Spiegelung in der Glastür, nervös trommeln zwei auf den Hüftknochen. Zweimal links, kurz rechts. Haut und Muskeln schützen das mögliche Gegenüber davor, von ihren scharfen Kanten aufgeschlitzt zu werden. Die Haut spannt fester über das Becken und modelliertes Lebkuchenfett zeichnet weich die Ränder eines Sixpacks nach. Meine Finger stechen in den knöchernen Widerstand des Waschbretts und ich wünschte, es würde hinaufklettern und sich einmal ums Schlüsselbein legen und mein Herz verkleiden. Wer fühlt schon mit dem Bauch? Befühlen, ja. Das tue ich ständig. Wenn mein Puls rast voller Wut und Ungewissheit flattert das Fleisch ein wenig mit. Spätestens jetzt sollte der Bauch aufwachen und den Koffer mit Fettzellen packen, aber dieser gerundete Begleiter, der als Gutenmorgenkuss stets nur einen abfälligen Blick und einen verscheuchenden Klaps erntet, hält lieber den Mund und weigert sich, mir die Richtung zu weisen. Das tat ja schon der kleine Käfer. Noch zwei Mal im Kreis, später behende vom Fensterbrett, auf den Boden der Einsicht.



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Jeremy Jay – Beautiful Rebel

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„Ich wähle immer geschichtsträchtige oder schräge Orte. Orte, die Bildung transportieren. Gängige Modefotografie vernachlässig das Erzählen eigener Geschichten und die Geschichte der Räume.“ Der Fotograf Olaf Martens könnte seinen Vortrag mühelos zu einem Tagesseminar ausweiten. Jedes seiner Bilder besitzt eine bewegte Geschichte, wie die orthodoxe Kirche, in deren Turm ein meterhoher Wassertank nun der Ausbildung von russischen Tauchern dient. Um in diese Räume grazile Models, Designerroben und sein Equipment mitbringen zu können, zahlt er oft Bestechungsgelder.

Die Tagung „Die Räume der Mode“, auf der Olaf Martens Einblicke in seine Arbeit gewährt, findet ebenfalls an einem Ort statt, der voller Geschichte und Bildung steckt. Die Literaturwissenschaftsprofessorin Gertrud Lehnert hat für die dreitägige Zusammenkunft ins Berliner Kulturforum geladen. Neben der Gemäldegalerie und dem Kupferstichkabinett ist mit der Kostümbibliothek, der weltgrößten Fachsammlung zur Kulturgeschichte der Kleidung und Mode, ein Stück kulturelles Gedächtnis hier beheimatet. Die Wissenschaftlerin von der Universität Potsdam hat diesen Ort, der für ein Zusammentreffen von Modebegeisterten in Berlin zunächst untypisch scheint, bewusst gewählt: „Mode muss an völlig anders besetzte Orte gehen, um die Konfrontation zu suchen.“ An der Diskussion um die Fashionweek am Berliner Bebelplatz zeige sich, wie Mode in der öffentlichen Debatte nach wie vor als frivol und oberflächlich betrachtet würde. Die Themen der Tagung führen die Anwesenden unter die Oberfläche der Bekleidungskultur: Teilnehmer aus Theaterwissenschaft, Architektur, Kunstgeschichte, Ethnologie und Museumskunde suchen die wissenschaftliche Debatte über „das Ineinander, Miteinander und Gegeneinander von Kleider-Mode und dem Raum“. Die Bedeutung von Räumen geht für Gertrud Lehnert weit über ihre Funktion als Schauplatz hinaus: „Räume nehmen Einfluss auf die jeweilige Mode, die Art und Weise ihrer Aufführung einerseits und ihrer Wahrnehmung andererseits. Sie tragen entscheidend zum Entstehen von Mode bei.“ Aber auch die Bekleidung selbst schaffe im Dialog mit Körpern neue Räume, gestalte atmosphärisch gestimmte Orte und Gefühlsräume.

Olaf Martens fotografiert im Hotel Bogota für El Pais

Ein erstes Zusammenspiel und Aufeinanderwirken von Mode und Raum lässt sich bereits beim Eintreffen der Gäste noch vor der theoretischen Auseinandersetzung beobachten. Als Museumsbesucher getarnt sammeln sich etwa 150 Frauen und eine Handvoll Männer im Tagungsraum. Anders, als auf jeder anderen Veranstaltung wo Modebegeisterte in Berlin zusammentreffen, bewirbt sich hier niemand um das auffälligste Outfit des Tages. Zurückhaltende Farbwahl, klare Schnitte und selbstbewusster roter Lippenstift unterstreichen die universitäre Atmosphäre. Alle Aufmerksamkeit gilt den Worten der Referenten. Vielleicht spielt neben der akademischen Ausrichtung der Veranstaltung auch der nüchterne Blick auf Berlin als Modestadt eine Rolle bei der gedeckten Kleiderwahl. Die Referenten verweisen nur selten auf deutsche Modeschöpfer, aber immer auf Paris. „Berlin bewirbt darum, sich eine Modestadt nennen zu dürfen“, sagt Gabriele Mentges, Professorin für Kulturgeschichte der Bekleidung an der Universität Dortmund. Raik Hölzel kommentiert dies später so: „Berlin ist die angesagteste Stadt der Welt, aber die Gutverdienenden und die Touristen finden die Mode in den Seitenstraßen Mittes nicht. In Berlin wird mit Mode kein Umsatz gemacht.“ Der Musikmanager experimentiert mit Pop-up-Stores und hat sich mit seinem ersten Modegeschäft aus Berlin Mitte herausgewagt und im Forum Steglitz niedergelassen. Während über Berlins modische Bedeutung keine Einigkeit hergestellt werden kann, sind die Teilnehmer sich einer Sache sicher: die Bedeutung des Internets für die Modewelt.

Olaf Martens fotografiert im Hotel Bogota für El Pais

Die virtuellen Räume, in denen Mode dargestellt, diskutiert und auch verkauft wird, sind zentrales Thema der Podiumsdiskussion am Donnerstagabend. Die typische Konfliktlinie mit der Netzwelt, wie etwa im Journalismus oder in der Musikindustrie, pflegt die Modebranche nicht. Akademiker, Händler und Designer sehen Live-Übetragungen von Modenschauen, Online-Shops und Modeblogs als wichtige Ergänzung zu den traditionellen Orten der Bekleidungsschau. Die Journalistin Susanne Beckmann und der Designer Gregor Clemens sprechen den Bloggern sogar Einfluss auf den Gestaltungsprozess von Kollektionen zu. Auf den Online-Dialog mit Kunden hat David von Rosen-von Hoewel sein Geschäftskonzept aufgebaut. Er vertreibt sein Label „von Rosen“ ausschließlich über die Website. Zugänglich ist der Webshop nur nach einem „Bewerbungsschreiben“ des zukünftigen Kunden. Von Rosen möchte die Menschen kennenlernen, die seine Sachen tragen. Dafür bietet er persönliche Beratung und stickt ein Monogramm des Käufers auf dessen Kleidungsstücke. Stefan Sihler, der im Berliner Osthafen ein Showroom-Areal geschaffen hat, vermisst bei dieser Art des Einkaufs hingegen „ein echtes Einkaufserlebnis“. Von Rosens Kunden würden sicherlich widersprechen, Bloggerin Julia Knolle tut dies ebenfalls: „Was im Netz stattfindet ist immer alles echt. Die Ideen sind echt aus unserem Kopf.“

Warum von Rosens Konzept der Exklusivität funktioniert und durchaus Emotionen weckt, erläuterte Alicia Kühl bereits am Beispiel der Modenschau in ihrem Vortrag vom Vortag: „Eine Modenschau muss abstoßen und anziehen zu gleich. Der beschränkte Zugang zu Modenschauen, die zeitliche Begrenzung und die Inszenierung der Präsentationen die stets signalisiert: „Nur schauen, nicht berühren“, wecken das Begehren, das so zentral für den Erfolg von Mode ist.“ Kühl, die derzeit über Modenschauen promoviert, illustrierte dies mit zahlreichen Bildern von kunstvollen Präsentationen, deren musealer Wert ihren Dokumentationen einen Platz in der Lipperheidesche Kostümbibliothek der Kunstbibliothek sichern wird. Mit Karl Lagerfels Inszenierungen aus dem Grand Palais im Kopf, kann die Abschlusspräsentation von Studenten der Akademie für Mode und Design am Donnerstagabend nur enttäuschen. Der Modenschau gelingt nicht, an das hohe Niveau der Vorträge, Stil und Stimmung der Tagung anzuschließen. Die Kollektionen verlaufen sich in unsauberer Verarbeitung, wenig raffinierten Schnittenführungen und grimmigem Techno. Doch der Blick ins Programm verrät, dass man durchaus im richtigen Raum ist: ein Einblick in „Die unheimlichen Räume des Rockes“ soll erst am Abschlusstag der Tagung gewährt werden.



Einen weiteren Artikel zur Tagung hat Diana Weis für die taz geschrieben: Aussehen ist eine Wissenschaft für sich.



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