Mitten hinein in die besinnliche Zeit schneit zum 3. Advent ein Stück Online-Liebe in die Welt von Lars Brücher: "Digitales Eheglück: Twitter behauptet, dass meine Frau "similar to me" ist", schreibt er unter seineme Twitter-Profil @themroc und teilt diese Erkennntnis am Sonntagnachmittag mit seinen Followern.

"Wer passt zu mir?" ist die Frage zu den wohl behüteten Algorithmen der Single-Börsen im Internet; Twitter stellt diese Empfehlungen den Nutzerinnen und Nutzern kostenlos und ohne Ausfüllen endloser Persönlichkeitstest in der rechten Randspalte vor. Auf die Verlobung zweier Follower zielt dieses Feature jedoch offiziell nicht ab. Dass Twitter mittlerweile der Geheimtipp unter den Flirt-Plattformen im Netz ist, haben die zwitschernden User selbst bewirkt. Ein Twitter-Profil bietet für die Liebe Suchenden nur ein Textfeld von 140 Zeichen; kein Feld für den Beziehungsstatus, kein Feld für die sexuelle Orientierung, kein Button fürs Gruscheln. Das einzige handfeste Flirt-Feature entstand aus einer Zweckentfremdung der Favoriten-Markierung. Der Dienst Favstar.fm listet auf, welche Tweets von welchen Nutzern mit einem "Stern" aus besonders klug, humorvoll oder andersweitig auszeichnenswert markiert wurden. Das Verhalten, einen bestimmten Nutzer besonders oft zu "faven" wird im deutschsprachigen Web als "Fickwunschverdacht"gehandelt. Doch die Bezeichnung "Flirtwunschverdacht" passt in vielen Fällen sehr viel besser auf das Austauschen von Sternen, @-Replys, Direkt-Nachrichten und Tweets, die sich an das gesamte Netzwerk richten, denn bei Twitter geht es nicht um den schnellen Sex. Twitter , das aufgrund des hier hier erzeugten Nachrichtenstroms als Symbol für die Schnelligkeit und Masse von Informationen im Netz steht, ist jedoch auch ein Ort, der zum Verweilen und Stöbern einlädt. Ein Ort, an sich sich Menschen treffen, die eine besondere Liebe zur Sprache, zum Wortwitz und zur Pointe pflegen. Und schließlich auch zueinander.

Single-Börsen sind befreit von der Leichtigkeit des Flirts. Die kostenpflichtige Konstruktion einer Netzpersönlichkeit als unwiderstehliches „Marriage Material“ steht am Ende einer erfolglosen Suche in einer Sphäre, die manche als „Real Life“ bezeichnen. Auf Websites wie „Elitepartner“ suchen Singles weniger das Glück, als die ökonomische Zweckgemeinschaft. Doch Twitter ist für seine „Heavy User“ Teil des echten Lebens, und dass ermöglicht den Flirt, Gefühle und Herzklopfen. Über Status-Updates, spontan getippte Sätze, unbedachtes Fluchen bahnt sich über die Lektüre dieser Gedankenfetzen ein zartes Kennenlernen seinen Weg. Wie der Mann in der U-Bahn, von dem man morgens den Blick nicht wenden kann, liest du auf Twitter durch den Filter der digitalen Zuneigung immer die Sätze eines Nutzers, von dessen Worten die Lesebrille nicht lassen will. Hier matcht kein Web-Dienst die Paare anhand ihres Neurosegrades, den ein Algorithmus ermittelte. Hier denkt der Mensch noch selbst und verliebt sich fast so, wie auf einem analogen Sommerfest: unerwartet, zufällig und erst auf den zweiten Klick.

Sich ein Herz zu fassen gehört aber auch im Netz dazu, wenn es um mehr als Klicks auf Facebook-Likes und Favoriten-Sterne geht. „Anruf, SMS, DM, Mail, Anstupsen? Dafür bin ich nicht betrunken genug“, so beschreibt @bosch das Dilemma.

Die öffentliche Balz der Twitter-Nutzerschaft erfreut den heimlichen Gala-Leser im Digital Native. Für die schönste Auszeichnung des formvollendeten Flirts jedoch, will auch der Nerd niemals eine Online-Anwendung: der erste Kuss eines Twitter-Pärchens, verrät mehr als 140 Zeichen.



Der Text ist gedruckt erschienen im aktuellen Freitag: Die Weihnachtsnummer - Was Geist und Körper zusammenhält. Eine Sonderausgabe zum Fest der Liebe.

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ein zahmer mitwohner: greyman von dadara.



"In der Welt von Kristina Schröder, Alice Schwarzer und der CSU kommt eine Frau wie ich sie bin nicht vor. Die meisten Frauen kommen in diesen Wertewelten nicht vor. Wie zauberhaft, dass sie unsere Sprachrohre sein sollen. Ich bin Feministin, seitdem ich als 5-Jährige feststellte, dass in der katholischen Kirche, die meine Kindheit prägte, Frauen nicht gleichberechtigt und außerdem Symbol für das Sündhafte sind. Ich bin außer an den Tagen, an denen ich nur drei Minuten Zeit vor dem Kleiderschrank habe, ein Fashionvictim (das Internet hat das verschärft, natürlich), lese jedoch noch mehr politische Blogs als Modeblogs. Ich werde mein Kind nicht trilingual, aber mindestens in einer Programmiersprache erziehen und die Filtersoftware einzig auf BILD.de ausrichten. Ich arbeite fast ausschließlich und sehr gerne mit Männern zusammen, auch über ihnen; ich kann gemäß meiner Autorinnen-Natur viel trinken - auch nach dem Bikram Yoga - und lasse mir durchaus in den Mantel helfen. Ich mag keine Blumen, aber Bärte, und gutes Essen nur ein klein bißchen weniger als guten Sex.

Ich kann mir nichts besseres vorstellen, als diese Frau zu sein. Aber ich muss vor lauter Freude darüber nicht gegenüber Sexismus abstumpfen. Nicht gegenüber Diskriminierung. Und nicht gegenüber Dummheit."

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