11/18/2011

"If women could share stories, they would find patterns. They could be allies instead of rivals."

Der Geist der Zeit scheint seltsam unbewegt. Verschreckt ist er, durch den galoppierenden technologischen Wandel, der nach einem Gegengewicht verlangt, um die Welt zu entschleunigen. Nicht bändigen, gar anhalten und die Uhr um Minuten, Tage und Jahre zurückdrehen wollen manche diese Zeit, deren Puls doch gerade erst beginnt zu schlagen. Wir leben im Backlash.

B wie Betreuungsgeld, B wie nur mit Vitaminen, C wie Zukunft. Und noch ein B: Bestseller. In einem eben solchen – "Generation Ally"– erzählte die Autorin Katja Kullmann 2002 von Emanzipation und Gleichberechtigung von Frauen zur Jahrtausendwende. Ihre Bestandsaufnahme lässt die Leserin zurück mit dem Gefühl, dass Frauen nur noch eine flache Treppenstufe auf einem bequemen Absatz lässig heraufspringen müssten, um dem Feminismus die Wange tätscheln zu können: “Geschafft!” Kullmann zeichnete vor zehn Jahren eine Gesellschaft von morgen, die jedoch heute hektisch ein paar kühne Schritte zurückgetrippelt ist. Freiheit ist uns zu aufregend. Im Jahr bevor Kullmanns Buch erschien, schloss der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder eine freiwillige Vereinbarung zwischen Bundesregierung und der Wirtschaft, um den Frauenanteil in Spitzenpositionen zu steigern. Wir kennen das magere Ergebnis zehn Jahre später. Ebenso kennen wir das, was die zuständige Frauenministerin im Jahr 2011 will: eine freiwillige Vereinbarung, die "Flexiquote".

Das Bestreiten von sexistischen, dominanten Machtverhältnissen, eine Frauenministerin, die niemals Feministin sein möchte (Für wessen Rechte kämpft sie dann?) und somit den Begriff stigmatisiert, eine idyllische Idee vom Familienbild der 50er Jahre, die Verharmlosung, das Ausblenden, die Erotisierung von sexueller Gewalt – all das sind klare Indikatoren für einen antifeministischen Backlash. Die gewählten Beispiele stammen alle aus diesem Jahr. Derweil wird Angela Merkel als mächtigste Frau der Welt gehandelt. In Medien und Politik jedoch wird diese gesellschaftliche Entwicklung als Randnotiz verniedlicht. Für Frauen – aber auch für Männer, die stereotypen Rollenmustern nur schwierig entkommen – wirkt sie diskriminierend, sie frustriert, sie ist armutsgefährdend oder bedroht sogar Leib und Leben.

Katja Kullmanns Buch war nur eines von vielen populären Werken, das jüngere Autorinnen in den vergangenen zehn Jahren zum Feminismus geschrieben haben. In einem ZEIT-Dossier forderten 15 Frauen 2006: “Wir brauchen einen neuen Feminismus!”. Dann erschinenen “Die neue F-Klasse” (2007) von Thea Dorn, “Wir Alphamädchen” (2008) von Barbara Streidl, Susanne Klingner und Meredith Haaf, der Roman “Bitterfotze” (2009), “Herrschaftszeiten!” (2009), ein Sammelband mit Texten von 85 Autorinnen oder “Schwestern: Streitschrift für einen neuen Feminismus” (2009) von der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, um nur einige zu nennen. Meist adressiert an Frauen und Männer, immer mit der Botschaft, etwas zum Besseren ändern zu wollen, immer mit einem Vorgeschmack darauf, wie die Geschlechtergerechtigkeit aussehen könne, die nur ein halbes Buch weiter schon zum Greifen nahe sei.

Hat dieser "neue Feminismus" nur ein paar Bücher und Titelgeschichten hervorgebracht, aber keine nennenswerten Fortschritte? Gibt es aus diesem Grund keine lauten neuen Stimmen, die heute mit Einfluss für feministische Ziele sprechen? Was hat die Frauenbewegung der 70er-Jahre anders gemacht? Ja, könnte man sogar etwas von Alice Schwarzer lernen?

Die Gleichberechtigung, so wie Feministinnen, so wie progressiv denkende Menschen sie sich vorstellen, ist noch nicht zu spüren. Da ist die Wut. Sie entlädt sich, wie andere Themen, die von Medien, Politik und Gesellschaft marginalisiert werden, im Internet. Denn hier organisieren sich heute politische Bewegungen – bevor sie beginnen auf der Straße zu wirken. Geboren ist der "Netzfeminismus".
Eine neue Spielart der Frauenbewegung ist der Netzfeminismus nicht. Das Kind wurde abermals zur Taufe getragen: nach Cyberfeminismus, feministischer Netzkultur, Popfeminismus, queer-feministischem Bloggen oder der “Girls On Web Society” ist Netzfeminismus nun ein neues Label, das Aktivist_innen in der digitalen Welt näher zusammenbringen könnte. Vielleicht ist der Begriff sogar die Chance, ein Wort, das bei vielen Menschen negative Assoziationen hervorruft, endlich aufzubrechen und mit neuem Leben zu füllen.

Bei der Netzpolitik hat es ähnlich funktioniert: sie gilt als modernes Politikfeld, das erst an nachgeordneter Stelle in Parteihänden liegt, aber vor allem ehrenamtlich und engagiert von einer Vielfalt von Beteiligten bearbeitet und vorangetrieben wird. Politik ist dröge, Netzpolitik ist sexy. Politiker tragen graue Anzüge und beige Kostüme, Netzpolitker tragen Hoodies und High Heels.

Netzfeministinnen geht es jedoch nicht darum, einen "besseren" Feminismus zu machen als die Frauenbewegung, die von älteren Generationen getragen wurde. Gemäß der Sphäre, in der sich der Netzfeminismus gerade entwickelt, ist er als offene Plattform anzusehen. Sie zeichnet sich an erster Stelle durch Öffnung und Einladung aus, nicht durch Abgrenzung. Er hat kein Hauptquartier, keinen Vorstand, kein Statut – denn diese politische Bewegung harrt nicht auf einer Stelle aus. Vor allem kann das Netz Frauen aus verschiedenen feministischen Strömungen zusammenbringen: hier diskutieren Frauen jeder Altersgruppe. Der Netzfeminismus bringt aber vor allem Menschen zusammen, die bislang keinerlei feministisches Netzwerk hatten – denn abseits des Internets gibt es insbesondere für junge Menschen kaum Orte, es gibt kaum Medien, an denen Geschlechtergerechtigkeit Gewicht hat und differenziert diskutiert werden. Seit Jahrzehnten wachsen Jugendliche auf mit Alice Schwarzer als Verkörperung der Frauenbewegung, mit Emanzenklischees, mit der Gleichberechtigungslüge. Viele von ihnen, die für die Themen privat sensibilisiert wurden, stoßen in sozialen Netzwerken und Blogs das erste Mal auf andere, die eine ähnliche Wut haben, ähnliche Ziele, Orte an denen sie merken: “Ich bin nicht verrückt, andere denken genauso wie ich.”

Dass viel mehr Frauen und Männer Meinungen zu feministischen Themen haben und kundtun, kann über soziale Netzwerke heute besser sichtbar gemacht werden. Das Zufallsprinzip, über das im Web Nutzerinnen und Nutzer auf Themen stoßen, hilft feministischen Anliegen hier zusätzlich. Vor zwei Wochen zum Beispiel, schrieben unzählige Menschen ihre feministische Wunschliste in Form eines Tweets auf: über das Hashtag #FeministWishList ergab sich eine endlos lange Liste mit Forderungen und Wünschen mit globaler Perspektive. Out ist der Feminismus noch lange nicht, er wird gerade viral!

Und so schwappt der Feminismus nicht in der vierten oder fünften großen Welle durch das Datenmeer, sondern in vielen kleinen Wellen, mit Wind und Stürmen durch das Netz in viele neue Winkel. Onlineaktivismus ist wirkungsvoll. Denn Geschlechtergerechtigkeit lässt sich nicht alleine über Gesetzesänderungen erreichen – vor allem dann nicht, wenn die Politik zu feige ist.

Gleichberechtigung beginnt mit den Abbau von Stereotypen, erneuerten Wertevorstellungen und Haltungen. Ein reger Netzdiskurs kann für die feministische Arbeit, die viele verschiedene Gruppen seit Jahrzehnten auch offline leisten, eine starke Ergänzung sein. Denn Onlineaktivismus ist mehr als Webseiten, Tweets und Klicks: er verändert Bewusstsein, schafft Aufmerksamkeit und übt Druck auf Entscheidungsträger aus.

"Feminist blogs and online advocacy organizations can develop the next generation of feminist leaders, rapidly mobilize readers to hold corporations accountable, put pressure on lawmakers and spur local coalition-building—at an unprecedented scale."

(aus: You Are the NOW of Now!' The Future of (Online) Feminism)

Für diese ehrenamtliche Arbeit ist es jetzt wichtig, dass Netzfeministinnen Bündnisse schließen, neue Themen besetzen und dass die Arbeit finanziert werden kann. Denn Engagement, das allein von Freiwilligen geleistet wird, bricht mit einer der Prämissen des Feminismus, wenn es nur von privilegierten Menschen erbracht werden kann, die es sich leisten können, in ihrer freien Zeit politisch aktiv zu sein.

Netzpolitik ist derzeit en vouge, das Verständnis für die digitale Gesellschaft gilt als eines der Heilsversprechen, um junge, gebildete Wählerschichten zurückzugewinnen. Politikerinnen und Politiker umgarnen netzpolitische Aktivisten wie eine Horde frühlingsbeflügelter Kaninchen. Würden sie das Netz tatsächlich kennen, hätten sie auch den Feminismus schon längst entdeckt.

Bildungschancen, Breitbandausbau, Betreuungsplätze anstatt Betreuungsgeld, Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und prekäre Arbeit – wer die Netzfeminist_innen aus der netzpolitischen Bewegung herausrechnet, braucht nur noch ein hellbeiges Telefon mit Wählscheibe, um mit einer Handvoll übrig Gebliebener künftig in Kontakt zu bleiben.


Der Text ist zunächst erschienen bei der FAZ.

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1 Comments:
Blogger georgi said...
"
Gemäß der Sphäre, in der sich der Netzfeminismus gerade entwickelt, ist er als offene Plattform anzusehen. Sie zeichnet sich an erster Stelle durch Öffnung und Einladung aus, nicht durch Abgrenzung.
"


Naja...


Viele klagen ja über das Gegenteil:

http://rotstehtunsgut.de/2011/11/03/wir-hetencismanner-und-der-feminimus/

http://blog.katrin-roenicke.net/?p=491

http://seeliger.cc/2011/ich-sag-euch-mal-was-netzfeministinnen/


Das Heimchen am Herd halte ich überdies für ein Auslaufmodell. Da kann auch Kristin Schröder nichts dagegen machen. Wahrscheinlicher sind Zustände wie in Osteuropa und Südamerika. Also zerstörtes Patriarchat. Ehe, Familie und andere patriarchalische Einrichtungen nur noch schöne Erinnerungen. Die Folgen für Frauen sind dramatisch. Das klingt paradox. Darauf müßte sich der Feminismus aber einstellen.

...und: den Poststrukturalismus müßte man mal abschießen! also Lacan, Foucault und all die anderen...

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