fotograf: paul hermes



Rolltreppen im August

Die Panik der vielen einzelnen Personen, die nie richtig
getickt haben, nie geliebt worden sind, nicht irgendetwas
liebten, umarmt haben, immer haben sie die Mantelkragen

hochgeschlagen, ihre Kleider zugehalten, die Knie
aneinander gedrückt, in einem Gespräch. Die Panik
der Abteilungsleiter, die zwischen den Ständen gehen,

die Krawatten festgezogen, der Anzug nicht verbeult,
die schwarzen Sonderangebotsschuhe glänzen, die Socken
sind verschwitzt. Mundspray in den Pausen gegen den

schlechten Atem, Gestalten in gläsernen Kabinen, die
von den Ferien in Österreich mit Vollpension träumen,
über Wiesen gehen, stehenbleiben, nicht sehen, was sie sehen.

Die Panik der Straßenbahnfahrer, die aussteigen, über den
hellen, weißen Steinplatz gehen, in der Sommerhitze, vorbei
an den Bänken mit Taubenkot, dreckigen Telefonzellen mit

zerrissenen Telefonbüchern, Litfaßsäulen, wo Klavierkonzerte
angekündigt sind, sie umgehen den Springbrunnen, der abgestellt
ist. Die Panik der Baugeschättunternehmer, die dünne Wände

hochziehen, die jeden Laut durchlassen, Husten, Pißgeräusche,
das Wimmern eines neuen Babys, Männer und Frauen, die sich
verletzen, schreien, einander anspucken und weitermachen.

Panik auf den Konten, die verwüstet sind, Panik am
Straßenrand, in der Abflußrinne, Panik zerlaufene Uhren,
Panikbäume, Panikgrundstücke, Panikmieten, die Panik in den

vertrockneten städtischen Anlagen und Kinderspielplätzen.
Panik beim Zeitungskauf, Panik der Buden an den Straßenecken, Panik
beim Sitzen draußen im Sonnenlicht und auf dem Asphalt ein graues

zerlaufenes Eis, Panik beim Umdrehen auf der Straße, und die
Straße ist leer: Panik wegen des Durcheinanders im Kopf, Panik
auf der Schreibmaschine, Panik in den Architekturbüros, Panik in

den Fahrstühlen, Panik der Felle, Panik der Zigarettenraucher,
Panik der Türken, Panik der Griechen, Panik der Spanier, Panik
der Franzosen und Westdeutschen, Panik in Südamerika, Schulkinderpanik,

Fernsehpanik, Schwedenpanik, englische Panik. Die Panik vor der
automatischen Tür, die Panik beim Zahnarzt, die Panik beim Warten
im Wartezimmer, die Panik der Briefträger, die Panik der Fußball

Spieler, Panik der Zuschauer, die Panik auf einer Rolltreppe
im August: Panik der offenen Türen, Panikwind in den dürren
Sommerbäumen der Vorstadt, Panik des Ich kann das viel

besser machen, Paniksätze, Panikwörter, Panik der öffentlichen
Einrichtungen und Flure, wo sie sitzen. Die Panik der Tiere
auf den Weiden und in den dunklen Schuppen, die Panik

in den Konservendosen, Panik in den Knochen, Panik in den
Ferien. Die Panik mit violett geschminkten Lippen, die Panik
mit schwarz und grün lackierten Fingernägeln, die Panik der

silbrigen Fußnägel, Panik der Krücken und Rollstühle, die
Panik in den nach Karbol riechenden Gummigängen der Kranken
Häuser und der Krankenhausgärten, die Panik der Blüten im

Rondell, eine Panik akzentuierter Aussprache, eine Panik der
Fensterwischer auf den dünnen Leitern, eine Panik des im Gleich
Schritt gehenden Liebespaares, das sich an den Händen hält: Panik

der Dialektik, Panik der grün gepuderten Augenlider, Panik der
galoppierenden Sehnsüchte beim Fluchen, Haustürenpanik,
Elektronikpanik, Gas und Elektrizitätspanik. Die Panik

der Mittagspausen, die Panik aus den Wasserhähnen, die Panik,
die barfuß läuft, Panik quietschender Wagenreifen, die Panik in
den Speiserestaurants, die Panik auf der Toilette, Panik des

Danke schön sagens und die Panik der Wiederspiegelung der Häuser, der
Gesichter, der Öffnungen in den Schaufenstern, in dem
Fensterglas der geparkten Wagen, auf den verchromten Radkappen.

Hier hast du die Panik der stummen Männer und Frauen, die
Panik der Radfahrer, die Panik hinter den Blättern, die Panik
am Spülautomat, die Panik in der Waschmaschine, Panik in den Hoch

Häusern, Panik auf den Dachgärten, Panikgeruch, Panikstaub, Panik
der Abendkleider und Smokings, ein Panikficken, Panikparfum,
eine Panikbeleuchtung. Hier hast du Panikträume, Panik hinter

den Akten, die Panik an den Zugfenstern, die Panik in den
Mülleimern, die Panik aus den Tragetaschen, die Panik der Radio
Nachrichtensprecher und Fernsehansager, die Panik des Wetterberichts,

Panik der letzten Termine, Panik der Kalender, Panik der Verabredungen
und die Panik der Unterleiber, die Panik der inneren Organe, die
Panik der Flucht, schwarz verkohlte Ginsterpanik am Bahndamm,

Mietzimmerpanik und die Panik der ausgestreckten Hand, die
schwitzende Nachmittagspanik und ein leeres Zimmer, vollgestellt
mit Möbeln, voller Panik: Panik im Treppenhaus, Panik aus der Gitarre,

Panik hinter der zugezogenen Gardine, eine blutige Fresse Panik,
Musikboxpanik, Panikstüle, Panik am Flipperautomat. Die Panik
hockt auf dem Stuhl, eine Panik in fremder Sprache, eine Panik

am Kanal entlang zu gehen, Panik der Vornamen, Panik aufgekrempelter
Hemdärmel, Panik klebt an den Reklamewänden, Armbanduhren, Volksliedern
auf Schallplatten, Panik auf Toast, Panik im Sandwich, die Panik

der Kontrolleure, die Panik der Schlachthöfe, die Panik der
Großmärkte morgens halb vier, wenn sie in ein grünlichblaues
Licht getaucht sind, Panikstimmung am Flußufer, auf den Stahlbrücken,

die Panik des Schweins, dem ein Bolzen in den Kopf geschossen wird,
die Panik eines Salatblattes, das verfault, die Panik eines hinkenden
dreibeinigen Hundes am geschlossenen Kiosk, die Panik runter

gelassener Rolläden, die neue Panik in der Regierungserklärung:
besitzanzeigende Fürwörterpanik, Panik unter den Fingernägeln,
Trauerränder der Arbeit, Bratkartoffeln, gebraten in Paniköl,

das Panikgeräusch aus den Schönheitssalons, Unterwasserpanik,
die Panik der Pilze, Parkplatzpanik, Platzangst, die im Gehirn
platzt, eine schwitzende Achselhöhle Panik, belegte Zunge Panik,

Panik, die in Form eines Säuglings an den Geschäften entlang
geschoben wird, die Panik eines Selbstbildnisses, Panik zwölf Uhr
mittags: ein grelles, weißes Bettlaken Panik. Selbst die Schatten

füllen sich mit Panik. Die Panik färbt ein Unterhemd gelb. Die
Panik drückt Nummern in die Tasten. Am Ufer stinkender Flüsse und
Seen geht die Panik spazieren. Eine Erklärung, die Panik ist,

beim Einkaufen, Panikfarben der Saison, kalte Füße, Hausnummern,
ein mit Panik ausgestopfter Vogel auf dem Tablett, Panik der
Schnappschüsse, Panik der Ebenen, Panik unter der Matratze, Panik

unter dem Fußboden, Panik unter der Unterwäsche, Panik am
Schlüsselbund, Panik, gestempelt im Reisepaß der Bundesrepublik
Deutschland, Panik, zu buntem Eis gefroren in der Kühltruhe,

Panik am Strand und aus dem Strandkorb schauend, gefärbte
Melancholie, Panik der Hausbesitzer, Panik im Schlag
Schatten großer Gebäude in engen Straßen, Paniksonnenbrillen

am Eingang der Kaulhalle, drei Mark fünfzig Panik, dunkle
Rübe Panik, eine Panik im seidenen Unterrock, der verrutscht
ist bei einem nackten Mädchen in der Pubertät, Panik beim

nach Hause kommen und in den Vorgarten sehen, Panikgewürz,
Panik bei einem Festessen hinter geschlossenen Mahagonietüren,
Panik bei einer Hochzeit im Wirtshaussaal, Notizzettel mit

Paniknotizen, die Panik der Autobiografien in den Schau
Fenstern der Buchhandlungen, Hast du das gesehen Panik: die
Panik der Lastwagenfahrer, wenn sie aus der Garage kommen und

sich schlafen legen, die Panik vor dem Einschlafen und die
Uhr hören, das Panikgeräusch der Groschen, die in den Spielautomat
gesteckt werden, die Panik, die auf einem Mohairteppich kyrillisch

tanzt, die Panik, die in der Regierung sitzt und regiert, die
Panik, die sich einen Arbeitskittel überzieht, die Panik, die sich
zurücklehnt: ich mache einen Satz über die Panik. Ich bin doch

kein Dolmetscher. Mitten am Dienstag, auf der Straße, herrscht
Panik. Wie liest sich das mit Freude, Mädchen, statt Panik?


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"Vielleicht liegt dem Wunsch nach einem digitalen Radiergummi für User aber nicht ihr Schutz vor Hohn, sondern die die dringliche Bitte der Politik zugrunde, ein solches Zaubermittel auch über die Seiten der Geschichtsbücher reiben zu können. Um eine Legislaturperiode zu bleichen, den engen Krawattenknoten zu vergessen, um später in der Altersruhe mit Blick auf den See nicht jedes Mal peinlich berührt zu zucken, wenn der eigene Name im Geschichtskanal fällt", schrieb ich am Sonntag bei der FAZ über die netzpolitische Vision der Politik. Nico Lumma nennt dies trefflich die "digitale Hilflosigkeit" - nicht der einzige Bereich, in dem (Verbraucherschutzministerin) Ilse Aigner sich hilflos, unkklug und visionslos zeigt.

Nichts Lyrisches passt da besser, als "Rolltreppen im August" von Rolf Dieter Brinkmann, der vorausschauend - er verstarb 1975 - sogar Google Street View und auch das arme Dioxin-Schwein mitbedacht hat. Wer dies und mehr gedruckt lesen möchte, möge zu Westwärts greifen.

Ich würde den Text zu gerne vortragen: bei der Innenministerkonferenz.

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Was mag das für ein Morgen sein, für das wir unsere Spuren vorsorglich verwischen sollen?

Ein paar Gedanken zum "digitalen Radiergummi" gibt es von mir bei der FAZ >> Vergiss mein, vergiss mein nicht

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