Über den Milchschaum auf der Nasenspitze hinweg beobachte ich Cafébesucher in ihrem sonntäglichen Kuschelmodus. Ein iPad ruht auf ihrem Schoß, ein Laptop sitzt ihnen lachend gegenüber am Tisch, ein Mobiltelefon schmiegt sich vertraut an ihr Ohr. Sind diese Menschen einsam?
Seitdem Menschen miteinander sprechen können ohne einander gegenüber zu stehen, verflüchtigen sich nicht nur gesprochene Worte aus dem alltäglichen Erleben, sondern ebenso andere Formen des Handelns. Beziehungen, die früher Wange an Wange gestaltet wurden, finden heute zu großen Teilen in der digitalen Welt statt. Aufzeichnungen des Erlebten, die Paare im Kopf miteinander herumtrugen, wenn sie getrennten Weges gingen, blinken nun auf dem Handydisplay. Und nicht nur die Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner haben sich in neue Medienkanäle verschoben, auch die Kennzeichnung der Zugehörigkeit zueinander hat virtuelle Entsprechungen gefunden. "Den Ehering, in der modernen Ehe ohnehin ein Atavismus, ersetzt das Handy: Er lässt seinen Besitzer nie vergessen, dass er verheiratet ist." Mit dem Wandel der Kommunikation durch neue Medien verändert sich also auch die Sprache der Liebe, wie Hannelore Schlaffer in diesem Abschnitt ihres Buches "Die intellektuelle Ehe" darlegt. Doch Kommunikation und Darstellung eines Phänomens bleiben nicht auf die Zeichenebene beschränkt. Wenn sich die Art über die Zuneigung zu anderen zu sprechen ändert, und die Weise, wie wir mit denjenigen, denen wir Gefühle schenken ebenfalls, kann die Liebe selbst nicht unberührt bleiben.
Doch das Balzverhalten auf den Blumenwiesen des Netzes bietet bietet nicht genügend Anschauungsmaterial, um darüber Erkenntnisse zu gewinnen, wie die Liebe sich im digitalen Zeitalter tatsächlich verändert. Denn über die Mitteilsamkeit in der Onlinewelt wächst das Wissen über das romantische Miteinander nur vermeintlich. Die Dinge, die man beobachten kann, lassen sich eher in das eingangs erwähnte Bild fassen: jemand winkt verträumt in die Spiegelfläche seines Tablet-Computers.
Denn soziale Netzwerke und soziale Erwünschheit pressen die emotionale Seite des Lebens online in ein enges Korsett. Der erste Nutzen für verliebte Momente, dem man dem Netz offiziell zugestand, waren Dating-Websites für Suchende. (Über kitschige Liebes-E-Mails herrschte Stillschweigen, denn sie duften nicht.) Die Fragebögen, die man hier nüchtern oder übertrieben kreativ ausfüllt, haben selten mit der Wirklichkeit noch etwas gemein. Ihr Formularcharakter übertrug sich dann in die Communities, als deren Konzepter sich mit der Feinfühligkeit einer Serverraumtemperatur an die Darstellung von Beziehungen in Profilen machten. Wir wählen bei Facebook ein Gefühl aus dem Dropdown-Menü. Passen diese Vorgaben nur unzureichend auf das, was man für den Auserwählten empfindet, ist es entweder "kompliziert", oder man verzichtet darauf überhaupt den Kontakten in einem Netzwerk darüber Auskunft zu geben, dass man sich nebem dem Posten von Youtube-Clips auch noch mit dem echten Mögen von Menschen beschäftigt.
Wir liken, aber wir lieben nicht mehr
Die Liebe hat im Netz einen schlimmeren Ruf als Partybilder und Facebook-Partys: Ein offener Umgang mit Emotionen zerstört erst deine Online-Reputation und dann dein Leben. Schließlich könnte das Mehr an verliebtem Innenleben dem blank polierte Profil scharfe Kanten verleihen; man könnte menschlich wirken, und noch leichter verletzbar sein als es ein hämischer Kommentar über das Video der struppigen Hauskatze ist. “Facebook-Affären” ruinieren die Karriere von hoffnungsvollen konservativen Politikern, immer mehr Amerikaner geben eben dieses soziale Netzwerk als Scheidungsgrund an, billiger Porno ist nur einen Mausklick vom Verlobungsfoto entfernt, und am Ende einer Beziehung steht man vor der unlösbaren Aufgabe, ob das "Lass uns Freunde bleiben" auch für das Internet gegolten hat, und wie man die gemeinsamen Accounts aufteilt.
Wir nehmen die Liebe im Netz also erst immer wahr, wenn sie zu Problemen führt. Sei es die Kommunikation mit unserem Partner steht vor einer neuen Herausforderung, oder aber wir fühlen uns durch die Offenheit anderer mit Informationen belastet, die wir als zu viel, zu falsch, zu naiv oder zu sexuell beurteilen. In einer Gesellschaft, die sogar dafür Experten hat, wie man in 140 Zeichen sein Leben so beschreibt, so dass dies nichts und niemanden gefährdet, hat die Vielfalt der Liebe keinen Platz mehr. Was wir für jemanden empfinden, passt entweder in einen vordefinierten Status, oder man schweigt und lässt die wirklich bedeutsamen Dinge privat.
Warum ist es die Liebe nicht wert, geteilt zu werden?
Die Selbstdarstellung im Netz beruht vielfach auf dem Kuratieren von Informationen. Was wir twittern, bloggen, sharen soll aussagekräftig dafür stehen, was uns interessiert, was uns ausmacht, was wir noch erreichen wollen. Wir verraten, welche Produkte wir benutzen, welche Serien wir mögen, welche Musik wir lieben. Abziehbildchen einer Konsumgesellschaft und einer Wissensgesellschaft vertreten also die Menschen im Netz. So nackt, wie Datenschützer glauben, steht der Mensch im Netz nicht da. Wenn das, was wir fühlen nur halb so viel wert sein soll wie die Dinge, die wir besitzen, ist das Leben fürs Netz so stark editiert wie eine Schneeflocke, die auf heißen Grund fällt.
Liebende scheinen in eine Verweigerungshaltung gegenüber der Herausforderung gegangen zu sein, ihre Sprache und ihr Handeln im Netz fortzuentwickeln. Für das private Glück ist dies zwar nicht grundlegend, doch zu lernen die eigene Beziehung online weniger stark bearbeitet zu leben, könnte Schwierigkeiten im Vorfeld abschwächen.
"Die Angst vor dem Unaussprechlichen mündete in übertriebener Lautstärke"
Viel wichtiger ist es jedoch die Kulturtechnik der Liebe, des Paarseins und des Zusammenlebens weiterzugeben. In einer globalen Gesellschaft, in der jeder Reporter, Zeitzeuge und Medium geworden ist, sollten die Geschichten und Bilder, die wir über das zwischenmenschlich Wertvolle erzählen, nicht der flachen und verzerrten Wiedergabe von Prominentenehen und Rosenkriegen überlassen sein. Denn die Kommentierung von Adelshochzeiten schildert die großen Gefühle nur aus der Beobachtung. Was eine Sache jedoch braucht, um im Netz lebendig zu bleiben, ist User Generated Content. Und der muss nicht perfekt sein. Er darf zu leise ausfallen, zu laut. Die Liebe lebt nun einmal von schwankendem Gefühl - doch sie hat große Tradition. Wenn wir die digitale Welt umarmen, sollten wir unser Herz nicht vergessen. Es wäre zu schade, wenn etwas, das man sein ganzes Leben über so mühevoll erlernt nicht an allen Orten gelebt werden könnte, da wir zu sehr mit kleinen Apps beschäftigt sind, die uns zu faul und zu feige werden lassen, um für ein altes Spiel in neuer Umgebung die richtige Sprache zu finden.
Zuerst erschienen im FAZ-Blog "Deus ex Machina".
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