Für die letzte Beilage der NZZ, den Gentlemen's Report, habe ich einen Artikel über Männermagazine verfasst. Den Artikel in seiner gekürzten Version könnt ihr auf der Website und in der PDF-Version des Heftes lesen. Die lange Ausgangsversion bei mir. Viel Vergnügen. Und dieses ganz formidable Männerheft aus der Schweiz sei mit Nachdruck empfohlen.


Der Mann im Spiegel der Medien

Die Männer haben die Nase vorn! Doch dieses Mal geht es nicht um den schnellsten Sprint über die einhundert Meter oder die Forbes-Liste “The World’s Billionaires”. Es sind die düsteren Schlagzeilen der Herren, die eine breite gesellschaftliche Debatte darüber ausgelöst haben, wie man die Männlichkeit heute bemisst. Dominique Strauss-Kahn, Tiger Woods, Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvio Berlusconi, Anthony Weiner - manch ein Mann sehnt womöglich zumindest die Frauenquote für die Headlines der Tageszeitungen herbei, die einen Schatten auf die Virilität geworfen haben. Claudius Seidl attestierte im Mai dieses Jahres in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Gram: "Heute wissen wir, dass wir im November der Männer leben."

Wo begibt man sich also auf die Spurensuche nach dem Bild des modernen Mannes, das ihn wieder zurück in den Frühling des Lebens katapultiert? Um die holde Weiblichkeit ist die Kulturkritik seit Langem besorgt, blickt sie auf Mädchenmagazine, die Frauen vermeintlich in die Kaufsucht, Anorexie, in tiefe Selbstzweifel und Dummheit stoßen. Das klingt zwar hysterisch, doch noch haben klassische Frauenmedien eine Orientierungsfunktion und einen nicht unbedeutenden Einfluss darauf, was heute als normiertes Wesen der Dame betrachtet wird. Besitzen Männermagazine eine vergleichbare Suggestionskraft?

“Alles, was Männern Spaß macht” (Playboy), “Lebensstil für Männer mit Anspruch” (GQ), “Für Männer mit Geschmack” (Beef), “Was Männer heute brauchen” (GALA Men) – Diese und weitere maskuline Lifestyle-Zeitschriften sind für die Jagd auf den Mann im Spiegel der Medien Erkenntnisobjekte. Am Schreibtisch also, fernab meiner Kollegen, Affären, väterlichen Rats und dem besten Freund, stürze ich mich in einen Stapel Papier, der in Text, Fotografie, Infografiken und zwischen den Zeilen darüber Auskunft geben soll, was Wesen und Seele des Mannstücks, des echten Kerls, des Jünglings, des Partners, des starken Geschlechts ausmachen. Hunderte Seiten, zahllose Autoren, Fakten und gedruckte Erleuchtung müssen es wissen.

Nach dem ersten Tauchgang weiß ich: die Waffe des Mannes ist seine Armbanduhr. Homosexualität gibt es nur in der Welt der Mode. Frauen sind Sexobjekte, die den Mann trotzdem verletzlich machen. Ironie ist DAS Stilmittel. Männer kleiden sich mutig, farbenfroh und experimentell. Sie sind Götter an Grill und Herd. Kinder schlüpfen weit nach dem Vorschulalter aus dem Ei. Soziale Probleme fernab von Flirtschwierigkeiten existieren nicht in dem Leben, über das Männermagazine berichten.

Die Art von Charmeur, wie das gemeine Herrenblatt ihn zeichnet, ist mir in meinen knapp drei Jahrzehnten Leben noch nicht begegnet. Nicht im Bundestag. Nicht auf der Fashionweek. Nicht auf elitepartner.de und den Strand in Palma habe ich noch nie betreten. Denn der Mann im Magazin ist derart schizophren, dass selbst die Therapeutendichte von Manhattan nicht ausreichen würde, um einen Fleck des Bedarfs zu stillen.

Die frivol sportiven Publikationen kennen die Frau als solche nur als dralles, weichgezeichntes Dessousmodel, das nichts zu sagen hat außer Worthülsen, die man in fade Fotostrecken einbetten kann. Gleichsam kokettieren die Redakteure mit ihrer eingeschränkten Sicht auf die Objekte der Begierde. Selbst die nicht rauchenden GQ-Mitarbeiter, wie Gordon Detels in der deutschen Juli-Ausgabe gestand, quälen sich für ein Modelposter im winzigen Raucherraum: "Und wie ich ertragen die Kollegen klaglos die Enge. Den kalten Rauch. Die seltsamen kleinen Plastikstühle. Alles Adriana zuliebe. Lebensgroß hängt sie an der Wand neben dem Fenster."

Wie auch die Lingeriebilder mit Adriana Lima sind die Fotostrecken in Männermagazinen so uninspiriert und auf Kurven und Photoshop fixiert, dass die durchschnittliche Frauenzeitschrift im Vergleich wirkt wie ein High-Fashion-Magazin. Müssen Brüste so lieblos fotografiert werden?


Frauen, das sind in Männerzeitschriften Menschen, die der Leser - nachdem er alle Eroberungsratschläge aus den Heften befolgt hat - zur Fitness am Laken verführen kann. In einer Rolle als intellektuelle Gefährtin, als Geschäftspartnerin oder als Mutter der Kinder taucht sie niemals auf. Aber auch zu anderen Personen jenseits des Skripts für den Mann von Welt stellen Männermagazine keine Beziehung her: die Liebe zu anderen Männern ist tabu, die Gesellschaft jenseits der eigenen Klasse wird nicht porträtiert, von Kindern und Babys keine Spur. Stilecht ist nur der Egoismus, der sich um Luxusuhren, Geld, Genuss und Weltherrschaft entspinnt. Denn sogar beim Kochen, geht es nicht um Genuss oder andere zu beglücken, sondern um weitaus Höheres, wie die Titelschlagzeile von Beef aufzeigt: "So werden sie zum Grill-Gott: Erst selbst wursten. Dann unsterblich werden!"

Doch den gutsituierten Sexgöttern und Meisterköchen sollte man raten, die Menschen um sich herum einmal ein wenig genauer zu betrachten. Denn das in Magazinen gezeichnete Klischee ist intellektuell und emotional auf die Abmessungen der Heftseiten begrenzt und wird mit modernen Menschen kaum interagieren können. So liest sich ein Leserbrief in “Maxim”:
"Rrrr, sabber, lechz! Wann immer ich diese Frau sehe, setzt es bei mir in der Birne restlos aus. Wenn sie sich dann auch noch nackt und verführerisch in den Laken räkelt, bin ich eigentlich nur noch ein nutzloses Tier. Jessica Alba ist das leckerste Stück Fleisch, das mir je unter die Augen gekommen ist. Wo gibt es solche Frauen?"
Für den Verfasser dieses Leserbriefes und für die Verantwortlichen, die diese Zeilen gedruckt haben, gibt es solche Frauen wohl tatsächlich nur auf Papier in minderwertigen Fotostrecken – jede leibhaftige Frau würde die Flucht ergreifen.

Langweilig ist zwar auch die Pin-Up-Strecke in der britischen Esquire, doch die Seiten um die Bilder herum zeichnen sich durch Witz und lange, tiefgehenden Texte aus. Robbie Williams wird auf zehn Seiten portraitiert, Reportagen und Essays schöpfen aus vielfältigen Themen - die schreibenden Männer in Großbritannien scheinen die lesenden Männer noch ernst zu nehmen. Die britische Publikation mit dem Subtitel „Style & Substance“ ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass ein journalistisch und ästhetisch anspruchsvolles Magazin die Grenzen seines Zielpublikums mühelos überwinden kann. Es gibt keine klassischen Männerthemen, wenn man Themen mit Haltung und Leidenschaft zu Papier bringt.


Es ist den lesenden Männern und ihren Magazinen zu wünschen, dass sie in Zukunft mehr sein wollen als ein Bündel Klischees. Dass Redaktionen beginnen eine Welt zu entwerfen, die aus mehr besteht als materiellen Statussymbolen, und sie die Überlieferung des Mannsbildes zu einer Charakterfrage machen. Den Männern, die sich zur Zeitungslektüre eine leicht bekleidete Frau wünschen, sei die französische Vogue empfohlen. Denn ihre Editorials inszenieren nackte Haut um ein Vielfaches erotischer als jedes Herrenheft.

Der moderne Mann würde vermutlich sogar noch ein Stück weiter gehen: er teilt die Lektüre seines Lieblingsmagazins mit seiner Liebe. Mal im Bett, mal im Café. Mal auf dem Sofa seiner Mutter. Denn 57 Uhren auf 194 Seiten Lifestylezeitschrift haben ihn an eines erinnert: sein Statussymbol ist weder die schöne Frau, noch die Armbanduhr, sondern die davon tickende Zeit.

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Aus Lisa Blooms "Think":

"25 percent of American women aged eighteen to thirty-four would rather win America's Next Top Model than the Nobel Peace Prize, and 22 percent would rather lose their ability to read than their figures.

They'd rather lose their ability to READ?!

(...)

Here's the nagging problem. Perhaps it's not the individual vanity and shallow-mindedness that led to those answers. Because I believe that these statistics are a reaction to something much bigger. What if they are rational response to a culture that values a specific, high-maintenance feminine beauty ideal over female brains? Because we now require more - much more - tweezing and hot waxing and highlighting and contouring and Botoxing and body sculpting of our female bodies than we did a generation ago. And most of us do most of it most of the time because if we don't, we don't get the cultural goodies: the boyfriend, the job, the social status. Even though we have breathtaking equality compared to our mother's generation, we now jam our toes in to sky-high platforms our mothers would never have worn and, to our mothers' horror, submit our bodies to plastic surgeons because the hot girl gets rewarded. The 25 percent of young American women know something; they know there's a big brass ring for them merely for looking good, and brains - well, maybe there's a payoff there, and maybe not.

We still don't offer a big enough payoff for choosing brains."

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9/09/2011
Illustration: Mel Kadel

Für Dich


Wer heute ein Paar ist, erlebt nur seltene Momente der tatsächlichen Trennung. Nach dem Abschiedskuss am Morgen sorgen die Gadgets in den Taschen, das Blinken auf den blanken Displays und das rostige Klingeln des Telefons für zahllose Berührungspunkte fern der Haut, die Liebende untrennbar zusammenschweißen. Am Abend, am Ende einer Woche oder bei jeglichem Wiedersehen nach einer Zeit der physischen Distanz entfällt die Nacherzählung des belanglos Erlebten. Die Frage „Wie war dein Tag, Schatz?“ darf als Relikt des Gattensmalltalks angesehen werden, das aus einer Zeit stammt, bevor Menschen begannen ihren Alltag zu jeder Zeit miteinander zu teilen. Frustfetzen aus dem Büro, zuckersüße Welpenvideos und Tratsch aus dem Freundeskreis sind über den Tag hinweg in digitalen Nachrichten auf den Bildschirm des Partners gesickert. Gedanken, Gefühle und Gespräche mit anderen werden auf diesen Wegen für den Gefährten sichtbar. Und obgleich die elektronischen Informationsfragmente zu Missverständnissen und Eifersucht führen können, bieten sie aber vor allem eine Chance: den anderen besser zu verstehen.

Partnerschaften gewähren ihren Mitspielern heute größere Freiheit voneinander, ohne die Bindung aneinander zu schwächen. Das gemeinsame Leben ist immer seltener an die häusliche Zweisamkeit und den gleichen geographischen Standort als Lebensmittelpunkt gebunden. Eine Beziehung mit getrennten Wohnungen, als Wochenendehe oder über den Atlantik hinweg zu gestalten, erfährt eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz und verliert das Etikett, kompliziert oder zum Scheitern verurteilt zu sein. Das Zusammenleben als Paar ist schon heute virtuell – und kann dennoch intensiv erlebt werden. Denn über soziale Netzwerke teilen wir nicht nur Informationen, sondern einen Großteil unseres Lebens mit dem anderen. Die Werkzeuge der digitalen Welt verstärken diese Verbundenheit noch ein Stück weiter. Das Handy, das iPad, ein @-reply auf Twitter oder der Beziehungsstatus auf Facebook ersetzen für Paare in der digitalen Gesellschaft den Ehering: sie lassen uns niemals vergessen, dass wir vergeben sind. Diese zahlreichen neuen Bekenntnismöglichkeiten zu einer anderen Person können als neue Steigerungsphasen der Zuneigung betrachtet werden, die eine Beziehung stützen. Vielleicht erklären sie sogar den Bedeutungsverlust der traditionellen Ehe.

Liebe, so schreibt Hannelore Schlaffer in “Die intellektuelle Ehe”, sei ein Gefühl mit großer Tradition und geringer Zuverlässigkeit. So zerbricht das Verbrechen des pompös inszenierten Brauches immer öfter mit seiner tristen Auflösung in der Scheidung zweier ehemals Vertrauten. Die Größe des Festes schütz nicht davor. Denn nichts verrät heute weniger über die Liebe eines Paares, als das entromantisierte Bündnisritual, das in weitreichenster Öffentlichkeit zelebriert wird: eine Adelshochzeit – über Livestream gespeist auf Fernseher und Leinwände in der ganzen Welt. Ein Augenblick und ein Versprechen, die das engste Glück zweier Menschen auf Dauer verbinden sollen, verwischen unter den Blicken tausender Unbeteiligter und gehen unter in Server füllenden digitalen Kommentaren, die nichtige, nette und hämische Zeilen in die Waagschale dieser Ehe werfen.

Verglichen mit dem Lippenbekenntnis in dieser alten Öffentlichkeit - in der ein Trauerspiel als Märchenhochzeit verkauft wird, in der ein fremder Beamter den staatlichen Seegen ausspricht, in der ferne Verwandte die Hochzeitstorte herunterschlingen - scheinen ein liebestrunkener Tweet, der Beziehungsstatus in einem Online-Profil oder ein buchstabierter Kuss im kleinen Kreis der GooglePlus-Kontakte nahezu diskret verhüllt unter der Decke digitaler Freundschaften. Virtuelle Verbundenheit braucht keinen Paukenschlag. Das Leben und Lieben in der Öffentlichkeit des Internets ist definiert durch zarte Kontinuität und zahllose Spielarten des Ausdrucks. Liebesbriefe sind nicht mehr beschränkt auf Seidenpapier und Text; Telefonate erfahren durch Bewegtbild, das iPad im FaceTime-Modus auf dem Schoß, über das gemeinsame Stoßen des Rotweinglases an den Schirm eine neue Intimität. Emotionen in Momenten der räumlichen Trennung raumgreifender sprechen zu lassen, nährt das Fundament der vermeintlich mobilen, wackligen und unverbindlichen Beziehungen, denen die Betrachtung von außen nur eine geringe Lebenserwartung zuspricht.

Die gegenseitige Zuneigung jeden Tag auf ein Neues zu benennen und das Glück ins Netz zu schreiben, ist nicht weniger als der gemeinsam verfasste Liebesroman - in Tweets, in Blogs, in einem gemeinsamen GoogleDoc. Die virtuelle Welt strotzt vor Romantik! Die Selbstdarstellung im Web als Paar ist nicht weniger als das fortwährende Bekenntnis zum anderen, vor einer Schar von Trauzeugen. Die digital Verliebten nennen das - ohne altes Sakrament und starre Versprechen - die Echtzeitehe.


Dies ist die ungekürzte Version meiner Kolumne für die deutschsprachige Ausgabe der Wired, die seit gestern im Handel ist.

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