Die vergangenen Jahre habe ich viel über Beziehungen, Freundschaft und
Liebe geschrieben. Die Themen sind ebenfalls zentral für das feministische Buch, das ich gerade schreibe. Für die erste deutsche Wired habe ich über die
"Echtzeitehe" geschrieben, in der das Handy den Ehering ersetzt. Für den Freitag formulierte ich das
Gebot "Du sollst nicht die Ehe brechen" um in
„nur der Bruch mit der alten Ehe kann die Liebe retten“. In der FAZ habe ich gefordert
"Okkupiert die Ehe", obgleich in sie zu diesem Zeitpunkt für mich noch abgelehnt habe und keine Pläne hatte, sie selbst zu schließen. Die entscheidende Textstelle aus diesem Text ist:
"Zur Rehabilitierung der Ehe als wieder vertrauensvolle Form sich zu einem Partner zu bekennen, muss sie radikal neu gedacht werden. Ihre Öffnung für Menschen jedweder sexuellen Orientierung, eine steuerliche Neugestaltung, Familienverträge für Konstellationen des Zusammenlebens die auf Fürsorge und Freundschaft basieren, und nicht auf Liebe oder Verwandtschaft, sind Voraussetzungen dafür. Vor allem aber muss sich ändern, wie über die Ehe gesprochen wird, wie sie vorgelebt wird und wie sie Medien darstellen."
Die Ehe – verstanden als Vertrag zwischen zwei Personen – ist ein Modell des Füreinandereinstehens von vielen. Nicht mehr, nicht weniger. Die Germanistin Hannelore Schlaffer schreibt in "Die intellektuelle Ehe" über den "wahren Charakter" der modernen Ehe, sie sei "wesentlich Experiment, und Experimente sind abschließbar und wiederholbar". Sie kann also jederzeit weitergedacht werden.
Ich kritisiere die Besserstellung der Ehe zwischen einer Frau und einem Mann gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens, in dem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und damit ihrer Liebe und Zuneigung Ausdruck verleihen. Steuervorteile und finanzielle Unterstützung durch den Staat sollten vor allem Familien mit Kindern erhalten und diejenigen, die keine fairen Löhne für ihre Arbeit erhalten oder ihren Lebensunterhalt aus anderen Gründen nicht finanzieren können.
Geheiratet habe ich jetzt trotzdem. Recht spontan aber beherzt,
nach fast einem Jahr Trennung, nach
Zweifeln. Die Entscheidung entsprang allein der Liebe und einem Gefühl, für jemand anderes ein Leben lang Verantwortung tragen zu wollen. Warum noch, schreibe ich demnächst in einem Text. Und darüber, welche Aspekte einer Heirat innerhalb der heterosexuellen Matrix feministisch sein können. Warum die Ehe keinesfalls einen
Verlust von Freiheit bedeutet, da Freiheit erst in den Beziehungen zu anderen entsteht, und
von der Bedürftigkeit her gedacht werden sollte.
"Sich nicht nur trauen, sondern sich auch trauen über die Ehe zu sprechen", schrieb ich in der FAZ. Oder zu schreiben.
Hier ist ein Fetzen aus dem Manuskript:
"Die Wahrheit ist, dass ich um seine Hüfte fasse, ihn zu mir heranziehe und meine Hand auf sein Herz lege. Die Wahrheit wackelt, als er einen Schritt auf mich zukommt, mein Handgelenk greift und meine Finger auf seine Brust presst. Der Raum zwischen seinem Hemd und meiner Haut ist wahrhaftig und warm. Ob die Liebe wahr ist, und sie die eine große wird, das Wissen darum, ob ich ihn heranzog oder er mir entgegenkam, bläst ein Windstoß zwischen unseren Körpern hinweg. Die Liebe hat keinen Anspruch auf Wahrheit. Denn sie kann nicht starr sein, sie beachtet kein Geschlecht. Es gibt keine Wahrheit über die Differenz, auf der unsere Anziehung fußt. Den Dingen gegenüber, die ich zu wissen meine, steht mein Verlangen, mein Glauben, und mein Anspruch, ihn zu lieben. Den Raum, den wir gemeinsam betreten haben, verhandeln wir zwischen uns immer wieder neu.
In dem Raum, der erwacht wenn wir aufeinander treffen, geht es nicht darum, wer das Recht geschmiegt an seine eigene Seite sieht. Ein Beharren auf Wahrheit schürfte Grenzen in den Boden. Wer hat den besseren Grund, den anderen zu lieben? Wer weiß besser, warum, auf welche Weise und wie oft er es tut? Die Liebe auf diese Art beschreiben zu wollen machte aus ihr kein Miteinander, sondern Konkurrenz. Liebesbeziehungen folgen keiner Zweckmäßigkeit. Nicht in ihrem Kern. Wer in dieser Hinsicht das Argument auf die Bühne zerrt, Menschen gingen zweigeschlechtliche Bündnisse ein, um in dieser Konstellation Lebenspläne zu realisieren, spricht nicht mehr von der reinen Liebe.
Die moderne Welt lässt selten klare Sätze zu: keine alleinstehende Haltung, keinen gelösten Glauben, keine Entscheidung, die sich nur aus Herz oder Gewissen reckt. Ohne ein Schutzschild aus Fakten und präzisen Gründe ist jede Entscheidung nackt. Menschen lieben nicht, weil sie Eltern werden wollen. Sie lieben nicht, weil sie ein Haus errichten wollen. Sie lieben nicht, um nicht alleine wach zu liegen. Sie lieben, weil sie lieben.
Die Reinform der Liebe ist radikal ungründet. So, wie die weibliche Freiheit radikal unbegründet ist, wie Lisa M. G. Zerillli konstatiert: “Weder letztbegründet noch konsequentialistisch, findet sie ihre raison d’être einzig und allein in sich selbst.” Eine Mensch will frei sein, um frei zu sein.
Die Verbundenheit in Liebe zeichnet weitere Parallelen zur Freiheit der Geschlechter: das Paar als kleinste Analyseeinheit, als kleinster Schauplatz der Verhandlung zwischen Menschen, die miteinander Räume teilen. Denn dort, wo zwei Menschen keine Achtung voreinander haben, dort, wo sie nicht die gleichen Rechte genießen, dort, wo sie sich nicht einander bedürftig zeigen können ohne an Freiheit zu verlieren. Dort, wo es miteinander nur funktioniert, wenn sich niemand bewegt, findet sich keine Liebe ein. Liebende brauchen die Freiheit von einander, in der Nähe und Verpflichtung füreinander – genau wie die Geschlechter. Liebe ist möglich zwischen allen Geschlechtern; doch einseitig erlischt sie.
Nur im Aufeinanderzugehen, immer wieder, in der Auseinandersetzung, im Händereichen, im Fangenspielen, im Ringen, in der Hartnäckigkeit und im Loslassen mit offenen Armen zur Wiederkehr, erneuert sich der Zwischenraum, in dem die Liebe lebt."