Mit Faszination, Enthusiasmus, Besorgnis, Angst und lustvoller Aufregung wird jungen Frauen "auf dem Sprung" zur Zeit in öffentlichen Debatten begegnet. Das can do girl, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie in ihrem Buch zum Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes „Top Girls“, sei die attraktive Vorbotin der sozialen Transformation. Geschlechtergerechtigkeit ist ein wichtiger Gradmesser für die Fortschrittlichkeit einer Gesellschaft. Sofern sich diese nur schleppend entwickelt, erscheint es als notwendige Kompensation zumindest die Inszenierung zu wagen, Frauen hätten den Kampf um Gleichberechtigung mittlerweile gewonnen. Eine Überraschung ist es also nicht, dass insbesondere junge Frauen zu den neuen Ikonen politischer Bewegungen geworden sind. Damit die Erzählung über moderne Revolutionen gelingt, ist es nur logisch, die Rolle von Jugend, Schönheit und Weiblichkeit stark herauszustellen. Denn als Narrativ bricht diese Ästhetik den Alltag der Macht neu auf; über den bewussten Kontrast zum ergrauten Politikbetrieb provoziert sie Aufmerksamkeit und fügt sich ein in den Markt der sprachgewaltigen Bilder. Die Soziologin Eva Illouz glaubt sogar, „dass Schönheit und Sexualität traditionelle Statushierarchien unterhöhlen und neuen gesellschaftlichen Gruppen (den Jungen und Schönen) die Möglichkeit eröffnen, mit Gruppen zu konkurrieren, die über mehr soziales und ökonomisches Kapital verfügen“. Doch verfügt die Macht des Äußeren auch über politische Relevanz? Dass schöne Protagonistinnen sogar die Erzählung über Aktivismus erfolgreicher machen, offenbart zunächst eine doppelte Sehnsucht ihres Publikums.

Die Revolution will die Utopie. Die Ziele von Aktivistinnen und Aktivisten im arabischen Frühling, die chilenische Studentenbewegung oder die Piratenpartei nutzen den Mechanismus, dass Ideen, deren Realisierung eher ein neues System als ein neues Gesetz erfordern, MitstreiterInnen effektvoller mobilisieren können. BerufspolitikerInnen haben diese Form des Mutes zugunsten von Tänzen um die kleinsten gemeinsamen Nenner eingestellt; die Forderung nach einem Mindestlohn von 8,50 Euro tritt keine politische Bewegung los. Der SPIEGEL charakterisierte im Januar die junge Frauengeneration als „Optimierfrauen“, die „nicht mehr die großen Kämpfe mit einer maskulin dominierten Gesellschaft fechten“ wollten, sich in Wahrheit nach dem Macho sehnten und Erfüllung im Polieren des eigenen Lebenslaufes fänden. Doch die Optimierfrauen und Reparaturmänner finden sich in der politischen Klasse, die momentan die Parlamente okkupiert und dabei ignoriert, dass ein marodes System mit den zögerlichen Schritten von Regulierung und Optimierung immer löchriger wird, keinesfalls stabiler. Man mag dem entgegenhalten, dass radikale Ideen zunächst immer die Aufmerksamkeit eines Publikums wecken, dass vom bestehenden System frustriert oder gelangweilt ist. Doch das Konzept einer liquiden Demokratie, wie sie von der Piratenpartei skizziert wurde, ist nur vordergründig utopisch. Wenn Marina Weisband, politische Geschäftsführerin der Piraten, öffentlich die Funktionsweise der Software Liquid Democracy erklärt und diese in der Praxis schon verwandt wird, ist die Idee bereits über die virtuelle Realität hinausgewachsen.

Die Abwesenheit alternativer Gesellschaftsentwürfe ist der eine Mangel, deren Amplifikation jungen Menschen zunächst unabhängig ihres Geschlechts eine lautere Stimme verleiht. Den Gruppierungen, aus deren Reihen Frauen hervorgehen, die zum einen die mediale Inszenierung ihrer Person bewusst vorantreiben, zum anderen von Medien zum liebsten Gegenstand der Berichterstattung erwählt werden, erwächst zusätzlich aus der Faszination Weiblichkeit ein Vorteil. Denn das Patriarchat ist müde. Die fehlende Balance der Geschlechter in der politischen Sphäre hat sich gerächt. Dort, wo Männer überproportional in öffentlichen Positionen agieren, scheitern sie ebenso oft. Der geschiedene FDP-Generalsekretär Christian Lindner, der Raubkopierer Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvio Berlusconi, selbst der Schwiegersohn der Nation, Christian Wulff, haben sowohl Bürgerinnen und Bürger, als auch ihr professionelles Umfeld verunsichert und peinlich berührt. Sie sind die Schmerzensmänner der Politik. Dem Boys Club fehlen zu diesem Zeitpunkt mehr denn je zeitgemäße Bilder von Männlichkeit, die sie mit Politikerinnen konkurrenzfähig machen. Die verzagten Bemühungen um eine gleichberechtigte Repräsentation von Frauen in kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Ämter, intensivieren die unterschwellige Sehnsucht nach Pluralität innerhalb der einflussreichen, öffentlichen Wortführenden. Denn die globale Gesellschaft, eine Vielfalt der Kulturen und Flexibilität von Geschlechterrollen sind nunmehr im Privaten alltäglich. Dass die politischen Abbildung mit den Lebensrealitäten ihrer Wählerinnen und Wähler nicht einmal mehr japsend Schritt halten kann, bewirkt neben feministischer Kritik daran ein breites, diffuses Unbehagen, das keinesfalls auf progressive Kreise beschränkt ist. Der Hunger auf Frauen – das Verlangen nach ihrem Geist, und nicht nach ihrem Körper – erklärt auch Angela Merkels ungebrochene Beliebtheit, warum das Scheitern von Margot Käßmann so schmerzte, und warum die Rolle von Michelle Obama im zweiten Wahlkampf ihres Mannes noch einmal an Bedeutsamkeit gewinnt.

Frauen werden zu Popstars politischer Bewegungen ausgerufen. Doch das Prinzip „Sex sells“ greift für keine von ihnen: Camila Vallejo, Sprecherin der chilenischen Studentenbewegung, Lina Ben Mhenni, Bloggerin und Aktivistin aus Tunesien, die Piratin Marina Weisband, Sahra Wagenknecht, die inhaftierte Ukrainerin Julija Timoschenko oder ihre Tochter Jewgenija. Wirkten diese Frauen nebeneinander aufgereiht im Scheinwerferlicht wie eine Girlband? Normale, durchschnittlich attraktive Frauen gelten mit dem Betreten der politischen Bühne plötzlich als glamourös, als so hinreißend, dass man ihren männlichen Kollegen unterstellt, kaum noch einen klaren Gedanken fassen zu können (und so erscheint es tatsächlich in der journalistischen Rezeption). Mediale Darstellungen legen trotz der Eloquenz und Scharfsinnigkeit dieser Frauen nahe, sie seien schöner als klug, ihr Privatleben von größerem Interesse als ihre politischen Ziele. Dieser Sexismus verdient harsche Kritik. „Steinmeier brauchte damals dringend hübsche Bilder, wenigstens das“, so beschreibt der Politikredakteur Christoph Hickmann im Spiegel die Ausgangsbedingungen für die Karriere der SPD-Politikerin Manuela Schwesig. Ihrem telegenen Gesicht habe die stellvertretende Parteivorsitzende ihren Erfolg maßgeblich zu verdanken. Hickmann prognostiziert weiter, in einer komplizierten Welt, würde die Bedeutung attraktiver PolitikerInnen weiter wachsen, denn „die Sehnsucht nach Schlichtheit wird zunehmen. Es gibt nichts Schlichteres als Schönheit.“ Naive Kommentare, die Attraktivität und Kompetenzen nicht vorurteilsfrei zusammen denken können, lesen sich wie der Selbstschutz einer verletzten Männlichkeit, dem der zunehmende politische Einfluss kluger Frauen Angst bereitet. Die Frau als eine Form des politischen Wesens unvoreingenommen zu beschreiben, scheint utopisch. Möglicherweise ist dies zu diesem Zeitpunkt zu anspruchsvoll für eine Medienlandschaft im digitalen Wandel, deren Selbstvalidierung durch möglichst viele Klicks und Likes erfolgt, und der in der Echtzeit die Ruhe für Analyse und Ernsthaftigkeit abhanden gekommen ist. Dass jedoch vor allem gefällige, lebhafte, kompetente und anständige junge Frauen mit biederem Charme gefeiert und gefürchtet werden, zeigt, wie konservativ das Verständnis von Weiblichkeit ist, deren Integration in das Politische denkbar ist.

Der Celebrity-Status ist aber vor allem eine Zuschreibung von außen. Innerhalb der eigenen politischen Reihen erhalten die fähigen Frauen Respekt und Unterstützung. Für die Vergänglichkeit produzierte Popsternchen sind sie dort nicht. Warum auch? Die Beschreibung einer politischen Bewegung als popkulturelles Phänomen ist durchaus richtig, ihre Inhalte damit zu marginalisieren funktioniert jedoch nicht. Das Klischee einer konsumversessenen, politisch desinteressierten Jugend lässt sich mit Blick auf die blanken Zahlen derer, die an Demonstrationen teilnehmen, sich online organisieren und wählen, nicht aufrecht erhalten. Erst in der vergangenen Wochen protestierten über 100.000 vornehmlich junge Menschen europaweit gegen das internationale Handelsabkommen ACTA. Den Zulauf erhielten die Demonstrationen jedoch nicht aufgrund eines Personenkults. Für die digitale Gesellschaft wiegen Freiheitswerte weit schwerer. Eine bezaubernde Lichtgestalt in den Reihen der Regierungen wäre mitnichten in der Lage, diese wachsende Kluft visuell oder über ihr Image zu schließen.

Die 30-jährige Ägypterin Laila Solimann unterstrich die Bedeutung von einer solidarischen Bewegung mit gemeinsamen Zielen vor Personen in ihrer Rede, als sie im Oktober vergangenen Jahres in Berlin den Willy-Brandt-Preis für besonderen politischen Mut entgegennahm: „Was die ägyptische Revolution auszeichnet, ist, dass sie keine Führer oder Sprecher hatte, und somit behaupte ich jetzt keineswegs eine zu sein. Ich bin nur eine von 86 Millionen, eine Theatermacherin, und ich habe meine Zweifel im Rampenlicht zu stehen, aus Gründen, die nicht mit Kunst zu tun haben. Somit glaube ich eher, dass ich es dem Zufall verdanke hier vor Ihnen zu stehen. Dies und vielleicht der Tatsache, dass ich ihren Vorstellungen einer Revolutionärin entspreche; jung, unverschleiert, gebildet, nicht religiös, kurz jemand, mit dem Sie sich identifizieren können.“

Soliman erkennt die Mode, dass sie als Bewegung einer einzelnen Frau ausgezeichnet wurde, die eine zivile Bewegung einer Gemeinschaft nur unzureichend würdigt. Sie kritisiert jedoch noch einen weiteren Punkt: sie ist ein erfolgreiche, schöne und westlich sozialisierte Frau. Die Sichtbarkeit einer Handvoll junger Revolutionärinnen bedeutet – trotzt aller Schönheit dieses Phänomens – noch lange keinen emanzipatorischer Erfolg. Die Geschlechterforscherinnen Sabine Hark und Paula-Irene Villa weisen in ihrem Vorwort zu „Top Girls“ darauf hin, hinsichtlich der Luminosität junger Frauen kritisch zu fragen, „wer Alpha-Mädchen sein kann, sein darf, sein soll“ und wie diese Bedingungen zur Teilhabe soziale Spaltungen verursachen könnten.

Ein Erfolg der jungen Revolutionärinnen wäre es daher, wenn auch die Bewegungen für Geschlechtergerechtigkeit wieder sichtbarer werden und der Erfolg einzelner jungen Frauen nicht darüber hinwegtäuscht, dass ein transnationaler Feminismus vor großen Aufgaben steht. Eine Interpretation von Schönheit, die sich in diesem Kontext lohnt aufzugreifen, liest man bei Eva Illouz: „Als kulturelle Kategorie unterscheidet sich „Sexyness“ von Schönheit. Im 19. Jahrhundert galten Frauen aus der Mittelklasse als attraktiv aufgrund ihrer Schönheit und nicht aufgrund ihres Sex-Appeals. Schönheit verstand man als körperliche und geistige Eigenschaft.“ Wenn heute allein der Fakt eine attraktive Frau zu sein, schon erotisches Kapital genug bergen soll, um mit dieser Macht der Gleichberechtigung gefährlich nahe zu kommen, was geschähe dann erst, wenn eine Masse von Frauen begänne, ihr gesamtes weibliches Kapital, als Mensch, Intellektuelle, Aktivistin und Frau, auf die politischen Bühnen zu bringen?

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