6/25/2012

Ich schenke dir eine Privatkopie meiner Liebe. Wenn sie dir ans Herz wächst, gibst du sie hoffentlich weiter. Oder du schreibst darüber. Der Kuss, denn ich eben in deine Brust gebissen habe, fühlte sich ein bißchen an wie der Klick auf den illegalen Download. Ich will dich sofort und ohne Erlaubnis. Ich will dich ein bißchen heimlich, und schnell und entschlüsselt. 
Du bist sauber in dem Verzeichnis meiner Liebhaber abgelegt. Eine Datei ohne Ablaufdatum. Das Internet und ich vergessen nichts. Im Halbschlaf spüre ich deinen Atem in meinem Haar und weiß wie du schmeckst. 
Es ist so, dass dort, wo ich mich sortiere, zu viel Liebe ist. Der Rosengarten romantischer Liebe war sauber abgesteckt: in Form einer Diskette. Die Dornen hatten versprochen nicht darüber hinaus zu wachsen. Das Netz hingegen, mit dem ich aufwuchs, ist ein Dickicht, das an weite Felder grenzt. Wir haben die Pfade einander verraten und an den Kreuzungen gesehen, dass Gefühle ein Virus sind. Je mehr wir miteinander geteilt haben, desto mehr Küsse und Bisse fielen vor unsere Füße und haben sich in dem wohligen Chaos zwei/drei/vier neue Besitzer gesucht. Ich kann diese moderne Sharing-Kultur ernst zu nehmen und nicht Halt bei dem Ordner machen, in den ich Lieder lege. Die Liebe liegt in meiner Brusttasche. Sie ist immer zur Stelle, wenn ich sie auf euch hetzen will.

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6/03/2012


von Philipp Schiemann: Gedichte.


Ich war auf einem Kindergeburtstag
es liefen eine Menge toller Kinder herum
und auch einige gestörte

Die meisten Mütter schienen
ein dünnes Nervenkonstüm zu haben
man konnte ihnen ansehen
dass die Kinder ihnen mehr abforderten
als sie erwartet hatten
oder zu zuzugeben bereit waren

und in den Augen der meisten
blitzte neben zwangsläufiger Geduld
und einem Ausdruck von Erschöpfung
das starke Verlangen

jenseits von schrillem Geschrei
und weichen Kinderliedern

hemmungslosen Sex zu haben

anders als vorher
die Zeit zu nutzen
und all die Kompromisse
und anderen Träume
die für die Erfüllung des einen weichen mussten
mit einem saftigen innigen Fick

abzustreifen

An diesem Nachmittag
war ich der einzige Vater
allein unter Frauen
und ich muß sagen

Jesus Christus
ihr braucht euch nicht zu verstecken

Eure Liebe ist straight
scharf wie ein Messer


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Ein kurzer Einwurf meinerseits in die nicht enden wollende Debatte zum Stand des Urheberrechtes in der digitalen Gesellschaft. Bei der FAZ >>


wer-sind-die-kuenstler?de

Die Autorin und der Autor, die sich mit einem Glas samtigen Syrah zur Schrifterstellung niederlassen, berühren mit Gedanken in den Fingerspitzen die Tasten ihres Schreibgerätes, streichen Gefühle über das Touchpad zwischen die Zeilen, blasen Rauch auf den Monitor und lecken den Schweiß vom Bildschirmrand, wenn der letzte Satz des Abends sich schwarz von weißen Pixeln abhebt. In diesen Momenten, wenn die Worte von der Stirn in ein digitales Dokument fließen und vor den Augen in Zeichen aufflackern, denkt der Schreibende nur dann an das Urheberrecht, wenn er kurz zuvor wieder einmal eine Aufforderung für die Unterzeichnung eines offenen Briefes im E-Mail-Postfach hatte, oder eine Kollegin erzürnt in einer Wochenzeitung über die Rechte an ihren Ausführungen schrieb und klang, als hätte man dem literarischen Kind in ihr all seinen geistigen Beisitz grob aus der Hand geschlagen wie eine erdbeersüße Zuckerstange, die es nie wieder zwischen die Zähne bekommen soll. Der eine Autor gibt dieser E-Mail nach, sie flackert so schrill im Postfach. Der andere löscht sie.

Es ist mitnichten die lukrative Verheißung des Urheberrechtes, die Textschaffende an ihre Schreibmaschinenen fesselt. Zum Künstler wird ein Kreativer nicht durch ein juristisches Regelwerk, sondern durch die Kunst selbst. Es steht außer Frage, dass Urheberschaft und der kommerzielle Umgang mit Werken rechtlich abgesichert sein müssen. Doch es überrascht, wie sehr in der aktuellen Debatte so viele Diskursteilnehmende die Bezeichnung im Klammergriff haben, als könne mit ihr ihnen zugleich ihr Talent, ihre Ideen und ihr Selbstverständnis entgleiten. Als stünde eine Modernisierung des Urheberrechtes am Abgrund der freien Kunst und warte darauf sie zu zerfleischen und bloß einen abgenagten Knochen zurückzulassen. Dabei beißt die Diskussion um das Urheberrecht die Künstler nicht, sie gibt ihnen genau das, was sie am Leben erhält: eine Herausforderung. Unsicherheit. Fragezeichen.

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