this is what married feminists look like // by mary scherpe.

Die vergangenen Jahre habe ich viel über Beziehungen, Freundschaft und Liebe geschrieben. Die Themen sind ebenfalls zentral für das feministische Buch, das ich gerade schreibe. Für die erste deutsche Wired habe ich über die "Echtzeitehe" geschrieben, in der das Handy den Ehering ersetzt. Für den Freitag formulierte ich das Gebot "Du sollst nicht die Ehe brechen" um in „nur der Bruch mit der alten Ehe kann die Liebe retten“. In der FAZ habe ich gefordert "Okkupiert die Ehe", obgleich in sie zu diesem Zeitpunkt für mich noch abgelehnt habe und keine Pläne hatte, sie selbst zu schließen. Die entscheidende Textstelle aus diesem Text ist:
"Zur Rehabilitierung der Ehe als wieder vertrauensvolle Form sich zu einem Partner zu bekennen, muss sie radikal neu gedacht werden. Ihre Öffnung für Menschen jedweder sexuellen Orientierung, eine steuerliche Neugestaltung, Familienverträge für Konstellationen des Zusammenlebens die auf Fürsorge und Freundschaft basieren, und nicht auf Liebe oder Verwandtschaft, sind Voraussetzungen dafür. Vor allem aber muss sich ändern, wie über die Ehe gesprochen wird, wie sie vorgelebt wird und wie sie Medien darstellen."
Die Ehe – verstanden als Vertrag zwischen zwei Personen – ist ein Modell des Füreinandereinstehens von vielen. Nicht mehr, nicht weniger. Die Germanistin Hannelore Schlaffer schreibt in "Die intellektuelle Ehe" über den "wahren Charakter" der modernen Ehe, sie sei "wesentlich Experiment, und Experimente sind abschließbar und wiederholbar". Sie kann also jederzeit weitergedacht werden.

Ich kritisiere die Besserstellung der Ehe zwischen einer Frau und einem Mann gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens, in dem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und damit ihrer Liebe und Zuneigung Ausdruck verleihen. Steuervorteile und finanzielle Unterstützung durch den Staat sollten vor allem Familien mit Kindern erhalten und diejenigen, die keine fairen Löhne für ihre Arbeit erhalten oder ihren Lebensunterhalt aus anderen Gründen nicht finanzieren können.

Geheiratet habe ich jetzt trotzdem. Recht spontan aber beherzt, nach fast einem Jahr Trennung, nach Zweifeln. Die Entscheidung entsprang allein der Liebe und einem Gefühl, für jemand anderes ein Leben lang Verantwortung tragen zu wollen. Warum noch, schreibe ich demnächst in einem Text. Und darüber, welche Aspekte einer Heirat innerhalb der heterosexuellen Matrix feministisch sein können. Warum die Ehe keinesfalls einen Verlust von Freiheit bedeutet, da Freiheit erst in den Beziehungen zu anderen entsteht, und von der Bedürftigkeit her gedacht werden sollte.

"Sich nicht nur trauen, sondern sich auch trauen über die Ehe zu sprechen", schrieb ich in der FAZ. Oder zu schreiben.

Hier ist ein Fetzen aus dem Manuskript:

"Die Wahrheit ist, dass ich um seine Hüfte fasse, ihn zu mir heranziehe und meine Hand auf sein Herz lege. Die Wahrheit wackelt, als er einen Schritt auf mich zukommt, mein Handgelenk greift und meine Finger auf seine Brust presst. Der Raum zwischen seinem Hemd und meiner Haut ist wahrhaftig und warm. Ob die Liebe wahr ist, und sie die eine große wird, das Wissen darum, ob ich ihn heranzog oder er mir entgegenkam, bläst ein Windstoß zwischen unseren Körpern hinweg. Die Liebe hat keinen Anspruch auf Wahrheit. Denn sie kann nicht starr sein, sie beachtet kein Geschlecht. Es gibt keine Wahrheit über die Differenz, auf der unsere Anziehung fußt. Den Dingen gegenüber, die ich zu wissen meine, steht mein Verlangen, mein Glauben, und mein Anspruch, ihn zu lieben. Den Raum, den wir gemeinsam betreten haben, verhandeln wir zwischen uns immer wieder neu.


für die interessierten: das kleid ist von derek lam. ohrringe sabrina dehoff.

In dem Raum, der erwacht wenn wir aufeinander treffen, geht es nicht darum, wer das Recht geschmiegt an seine eigene Seite sieht. Ein Beharren auf Wahrheit schürfte Grenzen in den Boden. Wer hat den besseren Grund, den anderen zu lieben? Wer weiß besser, warum, auf welche Weise und wie oft er es tut? Die Liebe auf diese Art beschreiben zu wollen machte aus ihr kein Miteinander, sondern Konkurrenz. Liebesbeziehungen folgen keiner Zweckmäßigkeit. Nicht in ihrem Kern. Wer in dieser Hinsicht das Argument auf die Bühne zerrt, Menschen gingen zweigeschlechtliche Bündnisse ein, um in dieser Konstellation Lebenspläne zu realisieren, spricht nicht mehr von der reinen Liebe.
Die moderne Welt lässt selten klare Sätze zu: keine alleinstehende Haltung, keinen gelösten Glauben, keine Entscheidung, die sich nur aus Herz oder Gewissen reckt. Ohne ein Schutzschild aus Fakten und präzisen Gründe ist jede Entscheidung nackt. Menschen lieben nicht, weil sie Eltern werden wollen. Sie lieben nicht, weil sie ein Haus errichten wollen. Sie lieben nicht, um nicht alleine wach zu liegen. Sie lieben, weil sie lieben.

Die Reinform der Liebe ist radikal ungründet. So, wie die weibliche Freiheit radikal unbegründet ist, wie Lisa M. G. Zerillli konstatiert: “Weder letztbegründet noch konsequentialistisch, findet sie ihre raison d’être einzig und allein in sich selbst.” Eine Mensch will frei sein, um frei zu sein.

Die Verbundenheit in Liebe zeichnet weitere Parallelen zur Freiheit der Geschlechter: das Paar als kleinste Analyseeinheit, als kleinster Schauplatz der Verhandlung zwischen Menschen, die miteinander Räume teilen. Denn dort, wo zwei Menschen keine Achtung voreinander haben, dort, wo sie nicht die gleichen Rechte genießen, dort, wo sie sich nicht einander bedürftig zeigen können ohne an Freiheit zu verlieren. Dort, wo es miteinander nur funktioniert, wenn sich niemand bewegt, findet sich keine Liebe ein. Liebende brauchen die Freiheit von einander, in der Nähe und Verpflichtung füreinander – genau wie die Geschlechter. Liebe ist möglich zwischen allen Geschlechtern; doch einseitig erlischt sie.

Nur im Aufeinanderzugehen, immer wieder, in der Auseinandersetzung, im Händereichen, im Fangenspielen, im Ringen, in der Hartnäckigkeit und im Loslassen mit offenen Armen zur Wiederkehr, erneuert sich der Zwischenraum, in dem die Liebe lebt."

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Auf den DataDays 2012 habe ich am zweiten Tag der Konferenz die "Opening Keynote" gehalten. Ich nannte sie "Vergesst Gleichstellung!" um darüber zu sprechen, wie alternative Wege zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt, aber vor allem zu mehr Freiheit für Frauen und Männer aussehen können. Zusätzlich habe ich die Präsentation hochgeladen, da das Video die Slides nicht zeigt. Sie hätte noch viel länger werden können, das sind also Ausschnitte aus den Gedanken zur "Zukunft der Arbeit" und wie auch beim Frauenbarcamp am vergangenen Wochenende deutlich wurde: zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen, die für Frauen so attraktiv ist, dass sie daran motiviert und vor allem in Freiheit teilnehmen können, gibt es unzählige gute Ideen, die ausprobiert werden sollten. Denn Quoten und mehr Kitas und flexiblere Arbeitszeiten sind nur kleine Rädchen und bleiben hinter unseren kreativen Möglichkeiten  weit zurück.
Viel Spaß beim Anschauen.



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Vorschlag für DSM-IV-Kriterien „Internet Addictive Disorder“ (IAD) von Ivan Goldberg (1995)

A maladaptive pattern of Internet use, leading to clinically significant impairment or distress as manifested by three (or more) of the following, occurring at any time in the same 12-month-period:

(I) tolerance, as defined by either of the following:
(A) A need for markedly increased amounts of time on Internet to achieve satisfaction
(B) markedly diminished effect with continued use of the same amount of time on Internet
(II) withdrawal, as manifested by either A or B below
(A) the characteristic withdrawal syndrome, 1, 2 and 3 below
(1) Cessation of (or reduction) in Internet use that has been heavy and prolonged.
(2) Two (or more) of the following, developing within several days to a month after Criterion 1:
(a) psychomotor agitation
(b) anxiety
(c) obsessive thinking about what is happening on the Internet
(d) fantasies or dreams about the Internet
(e) voluntary or involuntary typing movements of the fingers
(3) The symptoms in Criterion 2 cause distress or impairment in social, occupational or another important area of functioning
(B) Use of Internet or a similar on-line service is engaged in to relieve or avoid withdrawal symptoms
(III) Internet is often accessed more often or for longer periods of time than was intended
(IV) There is a persistent desire or unsuccessful efforts to cut down or control Internet use
(V) A great deal of time is spent in activities related to Internet use (e.g., buying Internet books, trying out new WWW browsers, researching Internet vendors, organizing files of downloaded materials.)
(VI) Important family, social, occupational, or recreational activities are given up or reduced in duration and/or frequency because of Internet use
(VII) Internet use is continued despite knowledge of having a persistent or recurrent physical, family, social, occupational, or psychological problem that is likely to have been caused or exacerbated by Internet use (e.g., sleep deprivation, marital difficulties, lateness for early morning appointments, neglect of occupational duties, or feelings of abandonment in significant others)

>> Der Begriff "Internetsucht" wurde 1995 von dem US-Psychiater Ivan Goldberg als Scherz in Umlauf gebracht, um den  Hang seiner Kollegen zur Übertreibung bloßzustellen“ (Maushagen, 2001). Er hätte sich Anfang 1995 diese Störung als Satire für seine Internetseiten ausgedacht. Er hielt den pathologischen Internetgebrauch für eine Pathologisierung von exzessiv übertriebenem Alltagsverhalten.



>> Bei der FAZ habe ich zum Thema gebloggt:

Eine halbe Million Menschen sollen laut einer Studie des Gesundheitsministeriums mehr surfen, als ihnen gut tut. Doch es sind andere Faktoren als eine hohe Internetnutzung, die das Risiko einer Sucht erhöhen.

Es ist ein Tweet, der Sachlichkeit suggerieren soll. Die Bundesregierung nehme die „Suchtgefahr durch Internet ernst“, twittert der Regierungssprecher Steffen Seibert am Montagnachmittag. Eine Studie, in Auftrag gegeben von der Bundesregierung, habe nachgewiesen, dass der Internetkonsum von über 500.000 Menschen in Deutschland krankhafte Züge aufweise. Seiberts Tweet linkt auf ein Video, in dem die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans zur Frage „Wann wird aus Spaß Ernst?“ Stellung nimmt. Die kulturellen Vorbehalte gegenüber der digitalen Welt werden in den Antworten der 62-jährigen Politikerin und dem Begleittext des Videos schnell klar: „Vor allem Jugendliche verwechseln zu oft die virtuelle mit der realen Welt“, heißt es dort, Dyckmans spricht erneut von „Gefahren“. Das Thema Internetsucht, an anderer Stelle auch exzessive Mediennutzung genannt, ist Schwerpunktthema der Drogenbeauftragten in diesem Jahr.



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