In der Maisonne wurde es grau, bedrohlich und grotesk: der „November der Männer“ brach an Claudius Seidls Schreibtisch über Deutschland herein. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung servierte er das Gewitter an meinen Frühstückstisch: man – also vor allem Männer selbst – habe noch nicht bewusst erfasst, dass das männliche Geschlecht nicht mehr an der Macht sei. Ja, diese Machtstellung könne auch nicht mehr zurückerobert werden, fügte Seidl wehmütig hinzu. Die Zukunft sehe vor, dass die Mädchen und jungen Frauen von heute „in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren die Führungspositionen unter sich verteilen werden, ob das den letzten Chauvinisten dort oben nun passt oder nicht.“

Seidl streichelte Salz in die lang klaffende Wunde einer Männlichkeit, für die Autoren, Künstler und Medien seit jeher nach einer unerschütterlichen Auslegung suchen, damit sich unter ihrem Mantel männliche Menschen zu „echten Männern“ erfinden können. Anders als Mädchen, die durch die ersten Kurven des Körpers und das schlichte Verstreichen von Zeit über kurz oder lang immer zur Frau werden, sehen zahlreiche Kulturen für Jungen vor, dass sie den Beweis dafür erbringen, ein Mann sein zu dürfen. Ein Bart, eine sonore Stimme oder kräftige Schultern alleine reichen nicht aus. Nicht durch den Körper, über das Handeln wird mensch zum Mann. Das Mannsein ist daher möglicherweise schon immer dehnbarer aber auch instabiler gewesen als das Frausein. Die Krise der Männlichkeit kann jederzeit ausgerufen werden.

Das 2010 im „The Atlantic“ erschienene Stück „The End of Men“, das im Januar 2013 in Deutschland als Buch erschien, zeichnete ein ähnliches Szenario wie Claudius Seidl: Frauen könnten schon in sehr naher Zukunft die einflussreichen Positionen in der Wirtschaft mehrheitlich besetzen, schrieb die Autorin Hanna Rosin. Die guten Bildungsabschlüsse, die junge Frauen nunmehr in größerer Zahl als ihre Mitstudenten erwerben würden, müssten – und in dieser Argumentation ergibt sich allein aus Masse und formalen Qualifikationen ein entsprechender Anteil an Macht – männliche Mitbewerber immer weiter verdrängen und die Übermacht von Männern in der Wirtschaftswelt in die Knie zwingen. Doch Männer werden noch über Jahrzehnte hinweg weit mehr als die Hälfte des Führungspersonals in der Wirtschaft ausmachen. Mit unveränderten kulturellen Mustern und keinen festen Quoten werden in Deutschland im Jahr 2035 nur 17 Prozent der leitenden Positionen in Unternehmen mit Frauen besetzt sein, hat ein Forschungsteam für die McKinsey-Studie „Women matter“ prognostiziert.

Allein weil eine 95-prozentige Männerquote lange nicht als Ungleichgewicht betrachtet wurde, sondern als Sicherheit und kuschelige Normalität, wird im Zuge der langsamen Veränderung der Geschlechterverteilung der Abgesang auf den Mann angestimmt. Es ist, als nähme man dem Mann auf dem Spielsatz eines von einhundert Förmchen weg und er begänne hysterisch zu weinen. Seine Männlichkeit ist nicht mehr intakt, weil eine Perle aus seiner Krone fiel; ihre leicht veränderte Natur gibt ihr keinen markanten Kratzer, sie raubt ihr die komplette Grundlage.

Die Krise der Männlichkeit ist nicht die Not des Geschlechtes allein, denn die Wortwahl offenbart zunächst auch einen Notstand der Sprache und ihrer Bilder. Egal an welcher Stelle sich Verunsicherung auftut: sie wird heute als Krise benannt. Der Begriff der Krise ist jedoch im Geschlechterdiskurs so trügerisch treffend wie in der Entwicklung Europas: denn die Krise als Bild ist derart komplex und weitreichend, dass sie das Gefühl persönlicher Betroffenheit zunächst erschwert. Erst konkrete Auswirkungen einer Krisensituation stellen den persönlichen Bezug her und machen sie greifbar: wie etwa Massenarbeitslosigkeit und Armut in Griechenland oder die psychische Krise, die vor allem seelische Konflikte einzelner Menschen oder auf Beziehungsebenen beschreibt. Die Verwendung des Krisenbegriffs signalisiert Gefahr, große Umbrüche und zumeist unüberschaubare Entwicklungen. Sie ist ein extremer Zustand – und doch vom Menschen distanziert, da sie vorrangig intellektuell erlebt wird, aus einer fernen beobachtenden Rolle; sie geht nicht unter die Haut, ist nicht Teil der Lebenswelt. Über die Krise der Männlichkeit wurde bislang vor allem nur gesprochen.

Aus diesem Grund haben Frauenbewegung und Feminismus sich niemals unter dem Signum „Krise der Weiblichkeit“ zusammengefunden: die unmittelbare Betroffenheit der Frauen war immer für sie zu spüren und der Wille zu Bewegungen offenkundig. Feministinnen streiten für die Anerkennung von vielen unterschiedlichen Rollenmodellen für Frauen. Sie streiten dafür, dass es kein Kraftakt für Mädchen und Frauen sein muss, sich einen Lebensentwurf auszusuchen. Sie gehen auf die Straße dafür, dass niemand von gesellschaftlichen Zwängen auf einen Weg gedrängt wird, der keine Gabelung kennt. Aus traditionellen Rollenmodellen auszubrechen ist für Frauen leichter geworden, einfach ist es nicht. Dennoch scheint es abwegig, dass in einer Zeitung ein Artikel unter der Überschrift „Die Krise der Weiblichkeit“ erschiene. Frauen wissen, dass Weiblichkeit viele Facetten hat und sehr unterschiedlich gelebt werden kann. Sie können jedoch nicht jede Form der Weiblichkeit wählen, ohne an gesellschaftlicher Akzeptanz zu verlieren.

In den aufgespannten Armen des Feminismus finden sich Aktivist_innen zusammen, die etwas antreibt. In der Krise jedoch harren Menschen aus. Die Krise überfordert Menschen darin, klare Strategien zu wählen um sie beizulegen. Bei der Krise der Männlichkeit, die alle Jahre wieder vor allem im Feuilleton milde Besorgnis erregt, verhält es sich ähnlich: die Chance in den Zeichen der Zeit wird nicht erkannt. Daher schwenkt ihr Blick auch nahezu jedes Mal hinüber zu den Frauen in Bewegung. Der Wandel maskuliner Geschlechterrollen wird bemerkenswerter Weise nicht eigenständig beurteilt, sondern in der Regel in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen Positionen von Frauen betrachtet. Erfreulich daran ist, dass diese Sichtweise – wenn dies auch selten konkret benannt wird – Anerkennung für die feministischen Erfolge der vergangenen Jahrzehnte ausdrückt und darin Orientierung sucht. Frauen wird zuerkannt ihre Stellung in der Gesellschaft verbessert zu haben. Doch ein Fehlurteil liegt darin zu glauben, dies habe nur auf Kosten von Männern geschehen können. Ob der Erfolg feministischer Politiken nun respektiert oder gefürchtet wird: beides resultiert in überraschender Passivität. Die kriselnde Männlichkeit verharrt verschreckt in ihrem Startloch und wartet darauf, dass ihr in der Vielfalt der Weiblichkeit ein neuer Platz angeboten wird. Es sind nicht Frauen, die das traditionelle Verständnis von Männlichkeit ins Wanken gebracht haben. Fühlen Männer sich in ihrem Selbstverständnis durch eine sich verändernde Gesellschaft und Arbeitswelt erschüttert, haben sie allenfalls verpasst sich selbst in Frage zu stellen und selbstständig nach Möglichkeiten der Anpassung für Leben und Beruf gesucht. Das Argument, die neuen Rollen von Frauen in der Gesellschaft verletzten das Wesen des Mannes auf existenzielle Art und Weise, versucht im Jammerton Frauen auf ihre alten Plätze zurückzudrängen und offenbart vor allem Schwäche. Männer, die meinen, ohne sie könnten die Geschicke von Ländern und Industrien nicht geleitet werden, fehlen die Ideen dazu, welche Plätze sie alternativ einnehmen könnten. Ihnen fehlt vor allem aber die Idee eines konkurrenzlosen Umgangs mit dem anderen Geschlecht. Wer für Frauen keinen Platz in der Wirtschaft und Politik sieht und sich Männer nicht als Protagonisten des Familienlebens, in Bildungseinrichtungen und anderen Frauendomänen vorstellen kann, ist zu bequem für hartes Nachdenken, zu starr für kreative Gedanken, zu ängstlich für neue Herangehensweisen. Und spätestens an dieser Stelle sollte eine Handvoll Männer von ihren Stühlen aufspringen und rufen: „Nein, so sind wir nicht! Wir haben Ideen. Auch wir sind zu Veränderung bereit.“

Die Krise der Männlichkeit ist in den Feuilletondebatten auch von Frauen beschrieben worden. In einem Essay für DIE ZEIT beklagte die Autorin Nina Pauer die Verweichlichung junger Männer. „Er hat seine Rolle verloren“, schrieb Pauer. „Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich ist er, melancholisch und ratlos.“ So wirke er „furchtbar unsexy“ und „schrecklich kompliziert“. Nina Pauer, so konnte man ihrem Lamento entnehmen, sehnte sich zurück nach den stereotypen Charaktereigenschaften „starker Männer“: Entschlossenheit, Sachlichkeit und den Mut, in Liebesdingen den ersten Schritt zu tun. Sie machte damit implizit auch eine Aussage über die Rolle junger Frauen. In den Reaktionen zu ihrem Text überraschte mich besonders, wie viele Männer ihr zustimmten und einstimmten in einem Kanon der lautete: “Nur Arschlöcher bekommen Frauen ab, die netten Jungs nicht.” Diese Sichtweise ist in der Tat wehleidig, da mit ihr keine Verantwortung für das eigene Handeln übernommen wird und der Erfolg des Flirts an der Frau scheitert, die nicht auf Annäherungsversuche eingehen will. Außerdem ist sie wenig reflektiert, denn ja: Mädchen werden noch immer dazu erzogen, auf den starken, charmanten Prinz zu warten. Eine Erziehung, die allen Geschlechtern von Anfang an Zugang zu vielfältigen Rollen ermöglicht, schafft später für alle bessere Chancen eine Partnerin oder einen Partner zu finden.
Die These von der Krise der Männlichkeit verschleiert jedoch vor allem eine Kernaussage im Schatten der Mitleidserregung für “weichere” Männer: Die Krise der Männer könne nur über eine Rückkehr in traditionelle Rollenmuster beigelegt werden. Dieser Diskurs ist damit ein Instrument zur Verstärkung des Backlashs. Wo aber bleibt eine Debatte unter Männern über die vielfältigen Rollen, die sie einnehmen könnten – und schon immer einnehmen? Die Sehnsucht nach starken Männern, der Wunsch von Frauen, sich in ihre Abhängigkeit zu begeben, zeigt an dieser Stelle zweierlei: es braucht den Feminismus noch, sogar sehr, damit heterosexuelle Frauen unabhängig und selbstbewusst sein können, ohne in dieser Rolle zu denken, sie seien dem Mann etwas schuldig. Zweitens braucht es eine Entsprechung feministischen Denkens für die Herren, damit sie sich ihres Mannseins unabhängig einer Frau versichern können, die auf sie angewiesen ist oder sie aufgrund stereotyper männlicher Attribute begehrt. Die Journalistin Michèle Roten schreibt in ihrem Buch „Wie Frausein“ über das Spannungsverhältnis zwischen verschiedenen Charakterausprägungen: „Starken Frauen sind »richtige« Frauen und die wollen starke, »richtige« Männer. Männer, die ihnen ebenbürtig sind und sie als ebenbürtig behandeln.“ Das gibt mir Anlass für eine kurze Kritik der Benutzung des Wortes „stark“, da ich es für die Konzeptionen von Weiblichkeit und Männlichkeit wenig hilfreich finde. Mit starken Männern sind hier Menschen gemeint, die dem traditionellen männlichen Rollenverständnis entsprechen, mit starken Frauen diejenigen, die sich vom traditionellen weiblichen Rollenverständnis absetzen und typische männliche Eigenschaften für sich beanspruchen. Im aktuellen Gebrauch ist stark somit nicht geschlechtsneutral und zudem vorrangig an die Leistungsbeurteilung in einer Gesellschaft gekoppelt, in der der Wert eines Menschen eng damit verknüpft ist, dass, und was er arbeitet. Stark sein können jedoch auch Menschen, die keiner klassischen Erwerbsarbeit nachgehen und sich zum Beispiel vorrangig der Erziehung von ihren Kindern widmen. Menschen können stark sein, weil sie traumatische Erfahrungen überstanden haben, auch wenn ihr Alltag danach für immer beeinträchtigt ist. Im Gegensatz dazu ist jemand, der einen steilen Karriereweg bestritten hat, weil er sich angepasst hat und seine Bedürfnisse und Träume dabei missachtet hat, weniger stark. Starke Menschen setzen sich dafür ein, dass andere zu ihren Stärken finden. Eine gerechte Gesellschaft folgt dem Ziel, dass jede und jeder selbstbestimmt und ohne Angst Lebenswege wählen kann. Bewusste Entscheidungen, die dem eigenen Begehren folgen, machen Menschen stark. Diese Stärke kann in jedem Menschen geweckt werden, denn in jedem ist sie angelegt. Ein starkes Zeichen wäre es somit, jeden Menschen ebenbürtig zu behandeln, wie Michèle Roten die Anziehungskraft unter Gleichen beschreibt. In einem freiheitsbezogenen Geschlechterdiskurs geht es darum, weniger starken Menschen zu ermöglichen, frei zu sein. Auf die Unterteilung von Menschen in schwach und stark können starke Persönlichkeiten verzichten. Damit wird auch die Sehnsucht nach starken Männern und zarten Frauen obsolet. Denn wir können einander offen begegnen und nicht eine absolute Stärke, sondern einzelne Stärken der anderen entdecken.

Der Wandel der Männlichkeit ist keine Krise, die von weisen Menschen wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden könnte. Die Weiterentwicklung von Geschlechterrollen ist eine natürliche Konstante der Zivilisationsgeschichte. Ein Mitgehen, ein eigenes Gestalten und selbstbestimmtes Handeln ist daher die schlichte Antwort auf eine Männlichkeit, die nie dafür bestimmt war, in eingefrorener Pose ihr Dasein zu fristen. Die Suche nach Identität und Selbstzweifel gehören zum Menschsein. „Anstatt die mit einem Anwachsen diffuser Ängste einhergehenden Auswüchse einer neoliberalen Modernisierung, die zunehmend auch Männer erfasst, zu kritisieren, stilisieren die männerbewegten Eiferer sich und alle Männer zu Opfern siegreicher feministischer Herrschaftsstrategien“, schreibt der Soziologe Rolf Pohl. Die Rede von der Krise sei somit auch „als Ersatz für eine scheinbar obsolet gewordene Gesellschaftskritik zu verstehen“, argumentiert die TAZ-Redakteurin Ines Kappert in ihrem 2008 erschienenen Buch „Der Mann in der Krise“.

Eine Furcht vor neuen Männerbildern ist unbegründet, da essentielle Männlichkeit nicht existiert. Letztlich muss jeder Mensch – egal welchem Geschlecht er sich zugehörig empfindet – zu der Erkenntnis kommen, dass allein er entscheiden kann, wie er die eigene Weiblichkeit oder Männlichkeit begreifen und gestalten will. Diese Form der Selbsterkenntnis fördert den Respekt gegenüber anderen. Wer er schafft, Normen den Rücken zu kehren, begreift, das sich Geschlechtsidentität keinen objektiven Kriterien beugen kann. Das eigene Geschlecht als etwas Freies und Flexibles zu begreifen wird jedoch nach wie vor sanktioniert. Privilegiert sind diejenigen, die konservative Geschlechterrollen leben – und sich in ihnen zu verschiedenen Graden wohl fühlen. Gehörte die Anerkennung der Geschlechtszugehörigkeit als sozial Konstruktion zum Alltagswissen vieler Menschen, befreite sie Geschlechtsidentitäten nicht nur von einem gesellschaftlichen Korsett, sie ermöglichte soziale Geschlechtergrenzen vollständig zu verwerfen. Es gibt weibliche und männliche Erfahrungswelten, doch gelten sie niemals für alle Personen eines Geschlechts. Daher werden Menschen in einer reflektierten Gesellschaft lernen können, dass ihr Verhalten weder weiblich noch männlich konnotiert ist, sondern menschlich. Diese aufgeklärte Sichtweise wird nicht auf eine Post-Gender-Gesellschaft hinauslaufen, denn das Geschlecht Menschen prägt, kann bis jetzt nicht bestritten werden; die Offenheit für das soziale Geschlecht ist jedoch hilfreich dabei, zu einer federnden Geschlechtsidentität zu finden, die sich wandeln und entwickeln darf und keinen Regeln folgen muss, um anerkannt zu werden. Es ist wichtig sich den Unterschied zu verdeutlichen: Zurückhaltung kann nicht einem Geschlecht als inhärente Verhaltensweise zugeordnet werden, es gibt jedoch geschlechtspezifische kulturelle Erfahrungen, die bestimmte Verhaltensmuster häufiger bei einem Geschlecht beobachten lassen. Sexualisierte Gewalt und die Unterlegenheit in Körperkraft, die Entwicklung in der Adoleszenz, Schönheitsnormen und viele Dinge mehr bedingen geschlechtergetrennte Erfahrungswelten. Erlebnisse, die auf natürliche und unveränderbare Art und Weise mit dem biologischen Geschlecht zusammenhängen, werden in naher Zukunft konstant bleiben, wenngleich das Erleben des eigenen Körpers stark differieren kann. Zum Beispiel erfahren Mädchen die Pubertät je nach Aufklärungsgrad völlig unterschiedlich; Regelblutungen, das Wachsen der Brüste, Schwangerschaften und Geburt – die reproduktive Seite des Frauseins kann schmerzhaft sein und gleichzeitig faszinierend.

Doch Sozialisation muss nicht geschlechtsspezifisch sein, sie bietet weite Räume typische weibliche oder männliche Erfahrungswelten zu verändern und anzugleichen, sie miteinander zu teilen. Wie sähe eine Frauengeneration aus, in der keine einzige physische Gewalt erfahren hätte oder als Sexobjekt behandelt worden wäre? Wie verhielten sich die Männer einer Generation, in der Sportlichkeit und Muskelkraft unbedeutend wären?

Vor allem eine Welt ohne Gewalt und Angst, ohne die Notwendigkeit beschützt zu werden, eine Welt, in der die Ausgangssituation für jede und jeden ist sich stark und sicher zu fühlen, könnte ein geschlechtsspezifisches Erleben minimieren – und Gesellschaften revolutionieren. Gewaltfreie Gesellschaften dürfen keine Utopie sein.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, dass das „starke Geschlecht“ gegen die Zuweisungen, die das Gender „Mann“ hervorbringen, nicht protestiert, denn die festgeschriebenen Eigenschaften eines „echten Mannes“ privilegieren manche, werten jedoch innerhalb des männlichen Geschlechts jeden ab, der die Vorgaben nicht erfüllen kann. Frauenbewegungen haben ausgesprochen und legen weiterhin offen, dass Frauen als soziale Klasse gemeinsam unterdrückt werden. Solidarischer Protest hat ihr Momentum gestärkt. Das Bewusstsein für diese gemeinsame Klasse hat bei Frauen heute nachgelassen. Doch die Existenz zahlreicher feministischer Strömungen mit intersektionellen Ansprüchen macht die Solidarität unter Frauen und ihre Anliegen nach wie vor sichtbar.

Unter Männern ist dieser solidarische Zusammenhalt über Gruppierungen hinweg selten zu beobachten, obwohl die Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht kein einheitliches Set von Privilegien mit sich bringt: ethnische und soziale Herkunft, sexuelle Orientierung, körperliche Fähigkeiten, Gesundheit und Aussehen, Religionszugehörigkeit und Alter trennen auch Männer voneinander. Die Krise der Männlichkeit, von der in den letzten Jahren die Rede ist, betrifft jedoch vor allem die Gruppe von Männern, die über soziale Kooptation schon eine Form der Solidarität innerhalb einer Gruppe gewählt hat, ohne diese für das gesamte Geschlecht zu leben: zu dieser Gruppe gehören vorrangig weiße, wohlhabende und gebildete, heterosexuelle Männer. Je weiter die Schere der Vermögensverteilung auseinander klafft und heteronorme Lebensweisen in Frage gestellt werden, desto kleiner wird ihre Bezugsgruppe. Eine Männerbewegung im Kreise dieser kleinen und maximal privilegierten Gruppe muss absurd klingen, da ihr die gesellschaftspolitischen Anliegen fehlen. Den das Streben nach Machterhalt ist keine Bewegung, es ist Verteidigung und Abgrenzung gegenüber Menschen mit weniger Macht. Orientierten sich diejenigen, die die Krise der Männlichkeit öffentlich beklagen, an einer größeren Gruppe Männer, müssten sie zwangsläufig Themen sozialer Gerechtigkeit in den Fokus nehmen. Das wiederum würde eine geschlechterspezifische Stoßrichtung der Bewegung auflösen. Denn soziale Gerechtigkeit kann nur im Miteinander aller Menschen erreicht werden; ein wesentlicher Baustein davon ist ein Gesellschaftsentwurf, in dem Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Chancen erhalten, in dem geschlechtsspezifische Diskriminierung nicht mehr existiert. Männer sind allgegenwärtig in der Krise, doch betroffen ist dabei nicht ein Entwurf von Männlichkeit, sondern der Mann als Mensch: aufgrund von Armut und Ausbeutung, geringer Bildung und Perspektivlosigkeit, Gewalt, Aufenthaltsstatus und Krankheit. Die Ignoranz der Krise der Männlichkeit diesen konkreten Problemen gegenüber entlarvt sie als selbstverliebtes, neoliberales Konstrukt. Eine Männerbewegung, die sich in ethischer Selbstreflexion übte, müsste sich aus diesem Grund die Frage stellen: ie können wir gemeinsam gegen Armut vorgehen? ie können wir die misslichen sozialen Situationen von Männern und ihren Familien verbessern? Wie können wir dazu beitragen, dass Männer ihre Krisen nicht über den Einsatz von Gewalt lösen? Wie können Männer Liebe und Sexualität neu bewerten, so dass diejenigen, mit denen sie Beziehungen haben, nicht psychisch oder physisch missbraucht werden? Wie können Männer unabhängig von Frauen – aber in Respekt und Solidarität mit allen Geschlechtern – Selbstbewusstsein und Selbstliebe entwickeln?

Für Menschen, die sich als Mann beschreiben, bedeutet das Zuendedenken des Feuilletongespinstes „Ende des Mannes“, dass nichts, aber auch rein gar nichts ihrer Männlichkeit abträglich sein kann, die sie für sich in Anspruch nehmen wollen. Nicht das Tragen eines Kleids, nicht ein gleichwertiger Anteil an der Arbeit in Haus, Familie und Partner_innenschaften, nicht bitterliches Weinen am Bahnsteig. Männlichkeit und Weiblichkeit bedürfen keiner Beweisführung. Warum irritiert uns nicht in höchsten Maße, dass dem Geschlecht im Zusammenleben eine solch hohe Bedeutung beigemessen wird? Die Relevanz der Geschlechterzugehörigkeit für zwischenmenschliche Beziehungen ist marginal. Für jede Sympathiebekundung, für jede Freund_innenschaft, Feind_innenschaft, für jede Liebe ist ausschlaggebend, ‚wer‘ jemand ist, und nicht ‚was‘. In gegenseitige Anziehung und den Austausch miteinander spielt in der Regel mit hinein, ob die Personen sich untereinander über ähnliche Erfahrungen austauschen können. Doch ebenso wollen Menschen voneinander lernen und sich die Erfahrungen, die ihnen selbst nicht zugänglich sind, über die Erzählungen anderer erschließen. Diese Beziehungsmuster unterstreichen die Wichtigkeit eines gemeinsamen Erfahrungsschatzes, der unter anderem der Gleichgeschlechtlichkeit entspringen kann, doch genauso konstrastierendem Wissen über die Welt. Daraus lassen sich vielfältige Beziehungskonstellationen ableiten, heterosexuelle Partner_innenschaften und gleichgeschlechtliche Freund_innenkreise als dominante Lebensmodelle stehen jedoch im Widerspruch dazu, denn sie limitieren unser Wissen über die Welt. Sie sind Resultate geschlechterspezifischer Sozialisation, die der Mensch, dessen Lebensmittelpunkt nicht die Fortpflanzung ist, theoretisch überwinden könnte, wäre Sexualität unmittelbar selbstbestimmt. Sie ist es nicht. Selbst von einem bisexuellen Standpunkt aus wäre es absurd zu behaupten, Sexualität sei willentlich änderbar, denn auch in der Offenheit für mehr als ein Geschlecht sind Sexualtrieb und Zuneigung unterbewusst angetrieben.

Doch das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten besteht nur punktuell aus Paarbeziehungen und Sex. Auch wenn Sex niemals nur Sex ist. Doch irgendwo da draußen ist noch so viel mehr. Und wir sind mittendrin.

Labels: , , ,

10 Comments:
Anonymous Anonym said...
"Außerdem ist sie wenig reflektiert, denn ja: Mädchen werden noch immer dazu erzogen, auf den starken, charmanten Prinz zu warten. Eine Erziehung, die allen Geschlechtern von Anfang an Zugang zu vielfältigen Rollen ermöglicht, schafft später für alle bessere Chancen eine Partnerin oder einen Partner zu finden."

Wäre ja schön: Halte das aber für eine sehr steile These, zumindest was die Mehrheitsgesellschaft angeht.

Anonymous Maria Immer Meer said...
Toller Artikel, vielen Dank dafür!

Eine sehr gute Kritik an den anti-feministischen Artikeln in "The Atlantic" auch in der aktuellen n+1!

Blogger sameena Khan said...
Die Post in Ihrem Blog, dass ich lesen und auf Ihrem Blog ist sehr informativ und hilfreich, hast du einen tollen Job gemacht, die wirklich in der Lage zu schätzen, halten Sie es weiter und ich hoffe, Sie machen das der Blog informativer und interessanter, und dafür werden Sie hart arbeiten.
Viel Glück
http://www.shaadi-direct.com/

Anonymous ts said...
Wow. Großer Artikel! Da ist eine Menge drin zum Nach- und weiterdenken, aber auch zum Widerspruch. Eine angemessene Antwort wird ihre Zeit brauchen - daher nur kurz vorab eine Sache, die mich etwas irritierte, an einem Beispiel -

"In den Reaktionen zu ihrem Text überraschte mich besonders, wie viele Männer ihr zustimmten und einstimmten in einem Kanon der lautete: “Nur Arschlöcher bekommen Frauen ab, die netten Jungs nicht.”"

Was ich schade finde, ist, daß hier auf die Überraschung nicht wirklich eine Frage nach den Gründen für diese Wahrnehmung folgte, die die subjektive Perspektive irgendwie vergaß. Und das klingt dann für mich irgendwie so wie ein "die sollen sich doch nicht so haben". Und wenn ein solches "die sollen sich nicht so haben" keine akzeptable Reaktion auf alltäglichen Sexismus sein kann, wenn der Subjektive Raum gegeben werden soll, sich zu äußern um das Objektive zu verstehen, dann darf das in diesem Fall nicht anders gehadhabt werden.

Langform wird nachgereicht!

Anonymous Robert Bauchinger said...
Hallo, der Artikel von Herrn Seidl ist meines Erachtens nicht wehmütig, am Ende höchstens schrullig. Herr Seidl ist ja offensichtlich wie Sie der Meinung, dass die Mitarbeiter von der Versicherung falsch gehandelt haben. Also eigentlich genau Ihrer Meinung. Und trotzdem beginnt Ihr Artikel polemisch gegen Herrn Seidl. Also wenn ich Herr Seidl wär, würd ich mich grad etwas schief fühlen, "Da hab ich eh die richtige Meinung und trotzdem passts nicht". Wärs nicht gescheiter, dem Hernn Seidl seine paar schiefen Ansichten geradezurücken, als Ihm auch gleich das Frühstuck zu verdonnern. Mein nur, in der ganzen Debatte wird immer und immer wieder eskaliert und polarisiert zwischen Frau und Mann. Und das obwohl doch eh ganz viele Frauen und Männer die gleiche Meinung hätten, "lasst uns doch niemanden, ausnutzen, in seinen Rechten beeinträchtigen..." Aber für diese Werte brauchts doch keine Frau/Mann-Debatte.
Danke für den ausführlichen Artikel!
Liebe Grüße
bauchinger Robert

Anonymous Anonym said...
Das Problem ist das eine Quote dazu führt, dass eine ganze Generation von Männern eben nicht in die Vorstände käme.

Nehmen wir an es gibt in einer Firma 10 Vorstände alle 7 Jahre geht einer in Pension oder scheidet aus.

Sind alle 10 männlich und will man die quote erreichen wird die nächten 21 jahre kein neuer Mann in den Vorstand kommen.

Wenn man Individual Gerechtigkeit betrachtet ist es sogar noch schlimmer. Den es gibt ja weniger weibliche Bewerber.

Gerecht ist Chancengleichheit also wenn nur die Leistung zählt und man sich in einem fairen Wettbewerb misst und der oder die Bessere den Posten bekommt.


Männer werden in Deutschland immer mehr strukturell benachteiligt bei der Rente im Beruf und beim Sorgerecht. Fairness und Gleichheit sieht anders aus.

Anonymous Anonym said...
[p]At first, I admission no absolutely feel to this men, but afterwards on on, I acquainted that humans absolutely admission an astronomic aggregate of identical factors on something, abnormally that commemoration our us loves Mulberry handbags acutely much . The type, the layout, additionally, the top notch of workmanship of popular mulberry bags sale will definitely fulfill you when you finally take into account [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags uk[/url] possessing one particular . The new Bayswater is beautiful during this bright red version, I have found perfect diamond necklace to a new thousand outfits, such may be the bag to put on along with a total white or total black look after which it be blended with accessories and red lipstick, for instance, belt, shoes , purse and lipstick red, as being a little provocative, but the form, sometimes you might want to see transgressive and sexy around the mirror . However, [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags outlet[/url] it隆炉s more simple should you stay with online merchants . You will now mulberry low cost bags handbags, mulberry bags wallets and pals in your wallets, watches and any member of your household exceptional function . Luxurious Mulberry [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]cheap mulberry handbags[/url] handbags combines traditional layout with modern day practicality and also this mixture has won the hearts of ladies from all more than the world . Mulberry Bagsfocus on maintain it and will also assist you to significantly [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags[/url] more stunning . Out of this we [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags sale[/url] are able to judge how Mulberry handbags cater for consumers?taste.[/p]

Anonymous Anonym said...
[p]At first, I admission no absolutely feel to this men, but afterwards on on, I acquainted that humans absolutely admission an astronomic aggregate of identical factors on something, abnormally that commemoration our us loves Mulberry handbags acutely much . The type, the layout, additionally, the top notch of workmanship of popular mulberry bags sale will definitely fulfill you when you finally take into account [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags uk[/url] possessing one particular . The new Bayswater is beautiful during this bright red version, I have found perfect diamond necklace to a new thousand outfits, such may be the bag to put on along with a total white or total black look after which it be blended with accessories and red lipstick, for instance, belt, shoes , purse and lipstick red, as being a little provocative, but the form, sometimes you might want to see transgressive and sexy around the mirror . However, [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags outlet[/url] it隆炉s more simple should you stay with online merchants . You will now mulberry low cost bags handbags, mulberry bags wallets and pals in your wallets, watches and any member of your household exceptional function . Luxurious Mulberry [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]cheap mulberry handbags[/url] handbags combines traditional layout with modern day practicality and also this mixture has won the hearts of ladies from all more than the world . Mulberry Bagsfocus on maintain it and will also assist you to significantly [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags[/url] more stunning . Out of this we [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags sale[/url] are able to judge how Mulberry handbags cater for consumers?taste.[/p]

Anonymous Anonym said...
[p]At first, I admission no absolutely feel to this men, but afterwards on on, I acquainted that humans absolutely admission an astronomic aggregate of identical factors on something, abnormally that commemoration our us loves Mulberry handbags acutely much . The type, the layout, additionally, the top notch of workmanship of popular mulberry bags sale will definitely fulfill you when you finally take into account [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags uk[/url] possessing one particular . The new Bayswater is beautiful during this bright red version, I have found perfect diamond necklace to a new thousand outfits, such may be the bag to put on along with a total white or total black look after which it be blended with accessories and red lipstick, for instance, belt, shoes , purse and lipstick red, as being a little provocative, but the form, sometimes you might want to see transgressive and sexy around the mirror . However, [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags outlet[/url] it隆炉s more simple should you stay with online merchants . You will now mulberry low cost bags handbags, mulberry bags wallets and pals in your wallets, watches and any member of your household exceptional function . Luxurious Mulberry [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]cheap mulberry handbags[/url] handbags combines traditional layout with modern day practicality and also this mixture has won the hearts of ladies from all more than the world . Mulberry Bagsfocus on maintain it and will also assist you to significantly [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags[/url] more stunning . Out of this we [url=http://www.mulberryfhandbags.co.uk]mulberry handbags sale[/url] are able to judge how Mulberry handbags cater for consumers?taste.[/p]

Anonymous Anonym said...
Hi, I do believe this is a great web site. I stumbledupon it ;) I may return yet again since i have book-marked it.
Money and freedom is the best way to change, may you be rich and continue
to help other people.

Here is my web-site insomnia cookies calories
my website > insomnia gif