2/14/2013


Der Valentinstag begegnete mir das erste Mal als Todestag. Mein Großvater, den ich nie kennenlernen durfte, ist an einem dieser Tage gestorben. Meine Eltern waren 19 und 20, doch anstatt mit Blumen stand mein Vater mit verweinten Augen vor der Tür meiner Mutter und sagte ihr, dass sein Vater Johannes aus heiterem Himmel an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich habe nur ein einziges Foto von ihm in Erinnerung, auf dem ein sehr ernst aber in sich ruhender Mann mit feinen Gesichtszügen und dunklem Haar vor türkisblauem Hintergrund abgebildet ist. Es hing in der Wohnung meiner Großmutter, in der zu Feiertagen immer ein großes Gewusel aus kleinen und großen Menschen herrschte. Denn Theresia „Thea“ und Johannes haben miteinander acht Kinder bekommen: sechs Söhne und zwei Töchter. Die meisten ihrer Kinder, wie mein Vater auch, haben weitere drei Kinder bekommen. In den letzten Lebensjahren meiner Großmutter kamen zahlreiche Urenkel hinzu. Als Thea im Mai 2007 kurz vor ihrem 85. Geburtstag starb, waren wir insgesamt 19 Enkel und sieben Urenkel.

Mein Vater schickte mir die Nachricht als E-Mail nach Berlin, vermutlich in einem Moment der Überforderung. Ich hatte eine weite Reise bis ins Sauerland und habe meine Oma nicht mehr sehen können. Vielleicht war ich auch deswegen einer der Trauergäste, die ununterbrochen in der Kirche und auf dem Friedhof von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Ich konnte nicht Abschied nehmen. Mein anderer Opa hatte mich die ganze Zeit über im Arm. 
Ich denke gern an meine Großmutter zurück, auch wenn ich sie kaum kannte. Ich bin die Enkeltochter, die ihr laut Erzählungen meines Vater und seiner Geschwister am ähnlichsten ist. Ich soll exakt so aussehen, wie sie in jungen Jahren; ich habe die roten Haare geerbt und ihren unglaublichen sturen Charakter. Für beides bin ich ihr dankbar, beides mag ich an mir. Meine Oma hätte vielleicht noch ein paar Jahre länger gelebt, wäre sie weniger stur gewesen und hätte früher den Arzt kommen lassen. Sie starb an den Folgen einer Magenruptur, die zu spät behandelt wurde. Als ihr Hausarzt zu ihr ans Bett kam und zu ihr sagte: „Frau Bücker, Sie müssen jetzt ins Krankenhaus“, fluchte sie „So eine Scheiße“ – und dachte, es bestünde noch eine Chance, das Zipperlein zuhause auszukurieren. Trotz des Verlustes lachen wir heute darüber, denn sie ist sich treu geblieben bis zum Schluss: stur und selbstbestimmt. Sie hat ihre große Familie als alleinstehende Frau sicher auch nur so organisiert bekommen, weil sie einen sehr eigenen Kopf hatte.

Ich hätte sie gern besser gekannt, so wie ich nach wie vor gern ein anderes Verhältnis zu meinen Großeltern haben würde, die noch leben. Leider fühlt es sich an, als wäre diese Generation von Erwachsenen so weit von mir entfernt, dass tiefe und ehrliche Gespräche und Beziehungen kaum möglich sind. Der Wandel der Gesellschaft ist so schnell verlaufen, dass wir einander kaum verstehen können. Ich beneide die älteren Menschen nicht, die bis heute so viele Regeln, Schweigegelübde und Traumata mit sich herum tragen, dass sie darüber nicht sprechen können. Vielleicht ist es das besondere Band zwischen rothaarigen Frauen, das Grund dafür ist, dass ich meine Oma vermisse, obwohl ich von ihr nur diese vage Idee im Kopf habe, und es niemals ein Gespräch als Erwachsene zwischen uns gab.

Ich blicke auf diese große Familie und sehe, wie ich schon darin versage den Kontakt zu den engsten Mitgliedern meiner Familie zu halten – aus Gründen räumlicher und seelischer Distanz, weil ich zu viel arbeite und andere Werte teile.

In all unseren Beziehungen sind Liebesbeziehungen vielleicht die leichtesten. Denn sie beginnen stets neu und ohne Geschichte. Sie besitzen die Körperlichkeit und Zärtlichkeit als Kitt. Sie kommen und gehen. Die Abschiede sind oft brutal, wir wollen vergessen und erinnern uns schließlich kaum noch an jemanden, mit dem wir einmal das Bett geteilt haben.

Von meiner Oma musste ich mich verabschieden, obwohl ich sie gar nicht kannte. Jetzt sehe ich sie jeden Morgen im Spiegel. Acht Kinder werde ich nicht bekommen. Vielleicht nicht einmal ein einziges.
Ich bin ihr dankbar dafür, dass ich Zeit mit ihrem Kind verbringen darf, ihrem Sohn Urban, meinem Vater, benannt nach einem Papst. Wie auch immer sie es geschafft hat, ihn als Kind der Fünfziger Jahre zu einem Mann hat werden lassen, für den sich die Frage nach Feminismus nie stellte, weil er Gleichberechtigung als Grundbedingung begreift. An mich hatte er nie eine Erwartung, wie ich als Kind und Tochter sein sollte, nur den Wunsch, dass ich glücklich bin.

Ein Jahr nachdem meine Oma starb, habe ich Johannes getroffen. Jedes Mal, wenn ich unsere Namen zusammen geschrieben sehe oder sie ausspreche – Teresa und Johannes – denke ich an meine Großmutter und ihren Mann, die der Valentinstag auseinanderbrachte. Meinem Vater, der im vergangenen Oktober unsere Hochzeitsrede hielt, ging das wohl ähnlich nah, als er die Namen seiner Eltern sagte und seinen Schwiegersohn und seine Tochter dabei ansah und meinte. 

Jede Beziehung ist eingebettet zwischen vielen anderen, jede unserer Beziehungen ist in der Tat mit vielen anderen Menschen verbunden und ihnen zugetan. Ein Valentinstag reicht für all diese Menschen in meinem Leben nicht. Meine Liebe jedoch schon.



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3 Comments:
Anonymous Conny said...
Sehr schön. Und sehr berührend.
Leider habe ich meine Großeltern auch nicht wirklich kennengelernt und teile daher das Bedauern.


Anonymous Anonym said...
Herzlichen dank, für diese berührende Geschichte. Ich hatte eine Sache bereits fast vergessen, mein Opa, der vor knapp 3 Jahren starb, war mich ebenfalls sehr ähnlich. Er war genauso stur, wie deine Oma und ebenfalls so stur, wie seine Enkeltochter (indem Fall ich). Hinzu kommt, ich konnte mich ebenfalls nie richtig von ihm verabschieden und konnte auch nicht zu seiner Beerdigung, denn sie war in Italien. Und auch ein Tag in einem Jahr, reicht mir nicht aus, um meiner Familie zu zeigen, wie sehr ich sie liebe, auch wenn ich sie oft nicht sehe. Freunde kommen und gehen, Familie bleibt für immer!

Anonymous Karen said...
Wie schön. Und ein bisschen traurig, genau das richtige zum Valentinstag! Das mit der Familie ist vertrackt, ohne geht nicht lange, aber mit ihr ist es auch ... nun sagen wir eine Geduldsprobe. Meine Omas und Opas leben alle noch und es ist meine ganz wunde Stelle, mir vorzustellen jemanden zu verlieren. Ich versuche so viele Frage wie möglich zu stellen, das ist mein Weg ihnen nah zu kommen. Sie brauchen das nicht, ihr Liebe ist einfach da. Etwas, dass ich für meine Freundschaften übernehme. Lieber mehr lieben, als weniger!

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