10/28/2013
[tw für essstörungen]


"I'm not gonna tell you that you're beautiful. You have not needed to know you're beauty so much as you've needed to see that you're capable." 

es ist eine unfreiwillige und traurige expertise, frauen ihre esstörungen anzusehen, sie zu spüren, wenn man miteinander zeit verbringt und isst, die spuren nachzulesen an wangenknochen, geplatzten kapillaren in den augen und die feinen formulierungen, wie sich selbst das stück schokolade zu erlauben. und es sticht jedes mal ins herz, besonders die vierzehnjährigen zu sehen, die sich schon aus der welt gehungert haben und deren gedanken und talent in den jahren dieser krankheit schmal werden. dass insbesondere frauen mit ihren körpern aus der welt verschwinden, ihre gefühle nicht verbalisieren sondern nur erbrechen können, den schmerz in tröstendem zucker stillen, ist eine wichtige feministische perspektive auf die machtverhältnisse der geschlechter.

wenn die gedanken immer nur um das essen und nicht essen, um den umfang der handgelenke, das hervorstechende schlüsselbein und negative kalorienbilanzen kreisen, die sich schon weit vor der quantified-self-bewegung leicht mit taschenrechnern und papier errechnen ließen, bleibt wenig kraft und zeit und kreativität, um die eigenen ideen jenseits des körpers in die welt zu bringen.

es sind nicht nur strukturelle diskriminierung oder traditionelle rollenverteilung, die frauen aus bestimmten gesellschaftsbereichen verdrängen, es ist zudem die strukturelle gewalt von magersucht, bulimie, binge-eating und anderen formen der entfremdung vom körper, die eine elegante lösung des patriarchats darstellt: essstörungen suggerieren, es stünde in der "macht" der betroffenen, sich aus ihnen zu befreien. sie seien selbst gewählt.

doch das sind sie nicht. ich nenne sie im interview mit dem "elektrischen reporter" die "kriegserfahrung der generation junger frauen", denn sie sind über uns hereingebrochen und lassen dabei wenig chance, sich ihnen zu entziehen, sie sind traumatisch und prägen lebenswege, selbst wenn sie heilen. und: wir schweigen. versuchen zu vergessen. tun so, als sei nie etwas geschehen. schauen weg. und doch sind sie eine kollektive erfahrung.

essstörungen sind in jeder form massive gewalt gegen den eigenen körper, keine von ihnen ist harmlos, keine ist chic und jede tut auf ihre art unendlich weh. auch, weil sie so oft in einsamkeit geschieht und die schuldfrage und ursachensuche keine adäquate antwort auf ihre entstehung sind. essstörungen sind komplexe erkrankungen, die selten einen einzelnen auslöser haben. dennoch halte ich die metapher des raumes für sehr geeignet, um die spur des hungerns aufzunehmen. finde ich meinen platz in dieser welt? gibt sie mir raum? oder muss ich erst in sie hineinpassen, als eine person, die ich nicht bin und sein will? daher darf bei essstörungen die sicht nicht verengt werden auf schönheitsnormen, sondern muss ebenso andere mechanismen des ausschlusses in den blick nehmen. sie treten auf, wenn zu wenig raum für 'anders' sein vorhanden ist.

die hälfte der macht zu wollen muss sich auch in neuen bildern ausdrücken. denn wenn gleichberechtigung aktuell vor allem entlang der quote und von erfolgreichen frauen erzählt wird, das sichtbarwerden von frauen jedoch nicht ohne schönheitsideale auskommt, kann eine parität entstehen, die noch lange keine freiheit bedeutet.

geschichten der heilung werden in der regel mit ehemals magersüchtigen frauen erzählt, denn hier können wir die genesung sehen. eine schrumpfende frau erobert sich ihren platz zurück in der welt. doch so wie die meisten essstörungen nahezu unsichtbar bleiben, bleibt es ihre heilung. die schäden, die ein körper nach dem martyrium einer essstörung behalten wird, die narben auf der seele, sie bleiben verborgen. genauso unsichtbar bleibt die verlorene zeit, die menschen im krieg mit dem eigenen körper verloren haben. in der sie nicht lernen und leben konnten, in der ihre kraft sich darauf richtete dem eigenen körper noch mehr zu schaden oder ihn am leben zu erhalten. in der ihr geistiges kapital eine pause machte.

"if all women on earth woke up tomorrow feeling truly positive and powerful in their own bodies, the economies of the globe would collapse overnight", schreibt laurie penny in "meat market". die weltwirtschaft würde auf der einen seite zusammenbrechen, da frauen die arbeit niederlegten. doch auf der anderen seite wissen wir nicht, was frauen in dem moment in die welt bringen würden, in dem sie sich frei machen könnten vom diktat der körper. vermutlich würde es unendlich groß.



Weiterlesen zu Medienethik und Verantwortung von Journalist_innen: Extrem schön, extrem misogyn.

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3 Comments:
Blogger Annématique said...
Danke dafür!

Nur eine kleine Ergänzung: Ich verstehe das Laurie-Penney-Zitat eher so, dass die Wirtschaft zusammenbräche, da es nichts mehr gäbe, das man uns verkaufen kann (an Kosmetik und Körper-Optimierungsprodukten). Arbeiten würde ich schon gern noch. Aber etwas, das mir Spaß macht und bei dem ich mich selbstbestimmt fühle!

Anonymous Anonym said...
was für ein zarter text... pssst...

Anonymous lightsneeze said...
hallo,
ich habe mich ziemlich geärgert und meiner kritik einen eigenen blogpost gewidmet
http://canisayno.wordpress.com/2014/02/01/aus-den-kriegstagebuchern/
freue mich aber durchaus über diskussion

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