Für das ZEITmagazin 2/2014: 1994 – Ein Blick zurück nach vorn


Saskia de Brauw fällt das schwarz-rote Flanellhemd von der Schulter, nasse, wasserstoffblonde Strähnen auf ihrer Stirn zeichnen die Erinnerung an Kurt Cobain auf das Titelfoto des Vogue-Editorials „La fièvre Grunge“, das im September 2013 in der Pariser Ausgabe erschien. Jede Frau, die ihre Teenagergarderobe aufbewahrt hat, besitzt heute solch ein weiches Hemd, das hinweg tröstet über Cobains Tod im April 1994, über diffusen Weltschmerz oder über das Ausklingen der Musikrevolution der Mädchen. Denn auch die Hochzeit der weiblichen Punkbands ist 1994 vorbei, die First-Generation-Riot-Grrrls Bratmobile und Huggy Bear verabschieden sich von den Bühnen. Für die französische Vogue hat Chefredakteurin Emmanuelle Alt das Model Gisele Bündchen in eine Gaultier-Adaption von Cobains gestreiftem Kultpullover gehüllt, die Modestrecke ist neunzehn Jahre später eine klare Nirvana-Hommage. Obwohl auch die Musikerinnen Karen Elson und Sky Ferreira für das Magazin vor die Kamera getreten sind, stellen die Bilder keinen Bezug zu dem Stil der Frauen her, die den Punk der Neunziger geprägt haben und in Musik und Performance Geschlechterrollen laut in Frage stellten. Grunge lässt sich 20 Jahre später glamourös reproduzieren, die Riot Grrrls nicht. Das Vermächtnis der Musikerinnen, die zu Beginn der Neunziger Mädchen zur Revolution aufriefen (Bikini Kill taten dies 1991 mit ihrer ersten Kassette: „Revolution Girl Style Now!“) ist kein modisches. Riot Grrl ist eine Haltung. Über ein charakteristisches Kleidungsstück kommen sich die erwachsenen Riotfrauen und die neuen Riotmädchen der Nuller Jahre nur einmal nahe: Kathleen Hanna, Sängerin von Bikini Kill, vererbt der Bloggerin Tavi Gevinson 2010 ihren Pullover, in den das Wort „Feminist“ mehrfach eingestrickt ist. Gevinson gründet 2011 das Onlinemagazin Rookie, ein Gemeinschaftsmedium über Popkultur, Mädchenperspektiven und Role Models. Das Riot-Grrrl-Manifest erschien 1991 in einem kopierten Zine, Social-Networking in der Musikszene rund um Olympia geschah über Flyer. Heute bilden sich feministische Communitys über Blogs, Facebook und Twitter. Beide haben sich der Aufgabe angenommen, Feminismus in die Lebenswelt von Teenagern zu übersetzen. Der generationenübergreifende Dialog gelingt Feministinnen bis heute nicht. Bloggen erlaubt Mädchen nun gegen und in einer Kultur zu sprechen, die für sie oft keinen Platz bereit hält. Auch Zines sollten diese sicheren Orte mit eigenen Regeln sein.
„BECAUSE in every form of media I see us/myself objectified, (...) trivialized, (...) ignored, stereotyped“, schrieben die Bratmobile-Musikerinnen Allison Wolfe und Molly Neumann in einem anderen Manifest, „I am still dealing with internalized racism, sexism, classism, homophobia, etc., and I don’t want to do it. BECAUSE we need to talk to each other. Communication/inclusion is the key. We will never know if we don’t break the silence.“
Die DIY-Kulturtechniken von Mädchen, die männerdominierte Szenen satt haben, sind entlang neuer Technologien gewachsen, ihre Themen sind die gleichen geblieben. Die Anzahl junger Frauen, die heute weltweit über digitale Medien miteinander im Zeichen der Girl-Revolution in Kontakt stehen, ist sogar um ein vielfaches größer als die überschaubare Musikszene in den USA und Großbritannien in den frühen Neunziger Jahren. In Deutschland konnte die Riot-Grrrl-Bewegung nie Wurzeln schlagen, die popkulturelle Rezeption verschluckte sich an den ungehemmten Bands und präsentierte die verzuckerte Spielart des Grrrls für das einheimische Musikfernsehen: Für das einheimische Girlie bestand die Provokation schon darin, den Mädchenbegriff wieder besetzen zu wollen und den männlichen Hintern zu besingen. Die Gefälligkeitsschiene, die Lucilectric damit 1994 eröffnete, ebnete den Weg für internationale, gecastete Bands wie die Spice Girls, die den Typ „freches Mädchen“ verkörperten. Girl-Groups wollten Spaß, aber nicht die Machtfrage stellen. Girl Power sollte Feminismus sein, der endlich gut aussieht und niemandem zu nahe tritt. Konsumierbar. Diese Episode hinterließ nichts außer dem leeren Versprechen: Die Zukunft ist weiblich! Girl Power bremste die Gleichberechtigung. Denn Popgruppen regten ihre Fans nicht dazu an, sich auf Bühnen selbst auszuprobieren, Geschlechterrollen zu hinterfragen und einander zu unterstützen. Der Wesenszug hingegen, mit dem die Riot-Grrrl-Bewegung heute noch inspiriert, ist die „Girl Love“ gewesen, die den Zusammenhalt von Mädchen in den Vordergrund stellte. Kathleen Hanna schrieb damals: „Ich bin so sicher, dass sich viele andere Mädchen in einer Revolution befinden und wir wollen sie finden.“ Um postfeministisches Empowerment für den individuellen Erfolg – das Narrativ jüngerer Diskurse wie zum Beispiel der „Lean in“-Aufruf der Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg – geht es Riot-Mädchen nicht. Als gewaltigen Hunger auf eine „don’t give-a-damn-femaleness“ beschreibt die New York Times die fortbestehende Faszination der Riot Grrls. Die lokalen Communitys, die kleinen Konzerte versprühen selbst aus den Archiven mehr Revolutionsgeist als die global vernetzten Mädchenmannschaften der digitalen Ära. Denn obgleich man sich durch die Fülle von #aufschrei-Tweets im Januar 2013 beinahe physisch überrollt fühlte, hat die Verbindung von Feminismus mit Punkperformance eine körperliche Erfahrungswelt geschaffen, die mehr berührte – und online fehlt. Schreien, Springen, Schweiß hat die Beteiligten anders mitgerissen als Klicks und Tweets und Gifs. Die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot nehmen mit ihren Körpern diesen entscheidenden physischen Raum heute wieder ein: In ihren Performances treten sie und schlagen, stehen auf Plattformen und Mauern erhaben über den Dingen. Die Punk-Gebete machen Putin Angst. Im Zuge ihrer Verhaftung und Verurteilung haben sich zahlreiche Feministinnen, Künstlerinnen und politisch Aktive solidarisiert. Auch Femen protestieren mit ihren Körpern. Die meist langhaarigen und schönen Frauen, die in Deutschland als neue Form des Feminismus gehandelt werden, erinnern jedoch mehr an die Girlies, die ebenfalls Blumen im Haar trugen und Männern gefielen. Die unbekleideten Brüste von Femen versagen im Transport politischer Botschaften. Um sie herum bilden sich keine Gemeinschaften.



Die Sehnsucht nach den Riot Grrrls ist berechtigt, denn Pop bleibt der Ort, von dem aus eine Frauenrevolution weitergehen kann: Mädchen erreichen einander hier. Sie können Rockstars sein und gleichzeitig Freundinnen. Die Bühnen sind immer offen. Kanzlerin und gleichzeitig ein Mädchen zu sein bleibt eine Utopie. Doch am wichtigsten ist, dass Frauen beginnen Bauch und Herz und anderen Frauen zu folgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen wie sie wirken und wie sie aussehen. Das Vermächtnis der Riot Grrls ist, dass zu radikal, zu wenig weiblich, zu laut oder zu leise keine Kategorien mehr sind.
“We didn’t give a shit,” sagt Kathleen Hanna über die Anfänge von Bikini Kill, “We weren’t making money; we knew we were never going to make money. And it was really important that we made our music. We were on a mission. We were going to do what we did whether we got attention or not.”
Die Mädchenrevolution muss 20 Jahre später nicht wieder neu ausgerufen werden. Sie hat niemals aufgehört. Und es ist ihr scheißegal, ob sie das Titelblatt einer Zeitung ziert. Es genügt ihr, die Mädchen zusammenzubringen, die in Aufruhr sind.

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Dieser Text ist zunächst erschienen in der Ausgabe des ZEITmagazins über das Jahr 1994. Die gekürzte Printfassung und weitere Texte über das Jahr finden sich hier.

Für mehr Informationen und Erinnerungen auch um Riot Grrrls in Deutschland (nach 1994) empfehle ich "Riot Grrrl Revisited" von Katja Peglow und Jonas Engelmann.

>> Kathleen Hannas neue Band "The Julie Ruin" spielt am 18. Mai in Berlin ein Konzert.

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1 Comments:
Anonymous Thomas said...
Toll zu lesen, gerade was die Punkte der Gemeinschaften und des Engagements betrifft. Auch aktuell: die Erinnerung an die Kommerzverdrängung mittels Girl Power, da »modern feminism« – so scheint es mir zumindest – ein mittlerweile gut funktionierendes Verkaufsargument für heutige Popstars geworden ist – unabhängig davon, wie konsequent sie diesen vertreten.

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