endlich: ich schreibe wieder mehr. nach vier jahren als beraterin in der politik bin ich zu meinen wurzeln zurückgekehrt: onlinemedien. ich arbeite seit juni bei edition f, einer onlineplattform für frauen, die von nora-vanessa wohlert und susann hoffmann vor einigen monaten gegründet haben und mich nun als redaktionsleiterin ins team geholt haben. ich freue mich wahnsinnig. zum einen habe ich nach abschied vom freitag die journalistische arbeit immer vermisst: lebhafte redaktionskonferenzen, den austausch mit einer engagierten community, das konzeptionelle weiterdenken von onlineformaten und das experimentieren.

genau aus diesem grund musste es edition f sein. nach dem ersten treffen mit nora und susann war mir klar, dass es diese aufgabe sein musste. ich wollte etwas mit aufbauen, in das ich mich stark einbringen kann, in dem es ganz entscheidend auch mit an meiner arbeit liegen wird, wie erfolgreich das projekt wird, das aber vor allem offen ist für die ideen und kreativität aller teammitglieder und das mit uns gemeinsam wachsen wird.

ich habe in den tagen nach meiner kündigung in der spd-bundestagsfraktion viel über meinen bisherigen arbeitsort gelernt: "ist dir das risiko nicht zu groß", war eine der häufigsten fragen, die ich gestellt bekam. "was, wenn ihr damit auf die nase fallt?". und natürlich ist da ein korn wahrheit dran: ich habe einen relativ sicheren job mit regelmäßigen gehaltssteigerungen aufgegeben. ein job, der "nah an der macht" ist. was auch immer das heißen soll.

ich bin im märz 30 geworden – kein sehr einschneidendes ereignis, wie ich ein paar wochen später resümieren kann. dennoch hat mich dieser geburtstag dazu gebracht, mir einige fragen zu stellen und noch einmal genauer darüber nachzudenken, was mir wichtig ist. (30 kleine texte zum thema 30 werden erscheinen von mir in einem der nächsten zeitmagazine.)

sicherheit? sicherheit kann es nicht sein, denn als netzaktivistin setze ich freiheit vor sicherheit. und wenn mir meine arbeit zwar finanzielle stabilität bietet, aber nicht die möglichkeit zu lernen, wissen weiterzugeben und neue, bedeutsame beziehungen aufzubauen, führt das für mich nicht zu mehr selbstSICHERHEIT. ich bin mir hingegen ziemlich sicher, dass ich in meinem berufsleben noch oft den arbeitgeber wechseln werde oder formen der selbstständigkeit variieren werden. das ist jedes mal eine chance dazu zu lernen und neue perspektiven zu gewinnen.

prestige? große namen bringen anerkennung mit sich. das war in meiner arbeit für die spd so, und das signalisierten fragen, warum ich nicht für medienmarke xy arbeiten will. große namen sind wiederum sichere dächer, unter denen man es sich gemütlich machen kann und sicherlich auch ein hübsches zimmer ausstatten kann, doch wie sehr könnte ich  mich dort zum jetzigen zeitpunkt wirklich einbringen? ich wollte schon lange in ein startup und habe auf das richtige gewartet. ich würde es vergleichen damit, eine familie zu gründen, und auch dieser wunsch kommt irgendwann um die 30 herum. wie bei meiner hochzeit war es mir wichtig, meinen namen zu behalten, und nicht in eine familie mit namen einzuheiraten. und startups sind irgendwie auch wie kinder, die man gemeinsam erzieht.

(frauen)netzwerke! onlinejournalismus, neue arbeitsformen und gleichberechtigung verlangt neue strukturen. diese voraussetzungen können nur in jungen unternehmen geschaffen werden. die veränderung von innen heraus, der marsch durch die institutionen ... ich persönlich glaube daran nicht mehr. diversität im nachhinein zu schaffen, ist schwierig – einer der gründe, warum ich das projekt "krautreporter" so langweilig finde und mir davon keinen innovativen journalismus verspreche. wer 2014 den journalismus "heile" machen möchte und mit 22 männern und 6 frauen antritt, hat für mich seltsamen begriff von sowohl gegenwart als auch zukunft.
frauennetzwerke sind kein allheilmittel und nicht die einzige antwort auf die old-boys-clubs, aber die zusammenarbeit hier und das miteinander lernen hier halte ich persönlich für sehr wertvoll. zumal das eine das andere nicht ausschließt: ich bin teil von mehreren frauennetzwerken, gemischten communitys und auch eine von wenigen frauen in eher männlich dominierten netzwerken, in denen ich gern mitarbeite und überall viel lerne. den ansatz frauennetzwerke komplett zu verteufeln, wie theresia bäuerlein und friederike knüpling es in tussikratie tun, finde ich ziemlich platt.
ich halte die gedanken von annarosa buttarelli, eine italienische philosophin und differenzfeministin, für einen klugen anstoß, um über die potentiale von frauengemeinschaften und von frauen gegründeten orten und unternehmen nachzudenken:

»in der tat ist weibliche souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen unabhängigkeit von der irrealität, die die im todeskampf liegenden institutionen geschaffen haben. aie gewährleistet die rückkehr zur realität und zur möglichkeit, die wahrheit zu sagen, ohne die macht mit selbstmörderischem heroismus herauszufordern. weibliche souveränität kann uns helfen, an einer beziehung der differenz mit den männern zu arbeiten. indem wir sie praktizieren, können wir zeugnis dafür ablegen, dass wir durchaus in der lage sind, das männliche bedürfnis danach zu respektieren, institutionen und konstruktionen aufzubauen, in deren rahmen es bis heute nötig gewesen ist, sich jede sache einzuverleiben, die frei zur welt kommt.«

edition f ist unabhängig. die plattform gehört zu keinem verlag, sondern liegt in noras und susanns händen und bei allen mitarbeiterinnen und mitarbeitern, autor_innen und community-mitgliedern. ich bin selbst sehr gespannt, wohin die plattform sich entwickelt, wenn dort vor allem frauen* über die dinge schreiben, die ihnen wichtig sind, und sich hier unterschiedliche weibliche perspektiven sammeln. ich glaube nicht, dass es den weiblichen und den männlichen blick auf die welt gibt. aus diesem grund bin ich besonders gespannt darauf, wie sich die summe aus vielen weiblichen stimmen gestalten wird. denn insbesondere zu den so genannten 'harten' themen wir politik und wirtschaft gibt es zu wenige orte, an denen das unter der schirmherrschaft von frauen debattiert wird. 

mein wunsch ist, dass ihr euch anschließt das projekt mit leben, feedback und kritik weiterzuentwickeln. wenn ihr als expert_in einen beitrag verfassen wollt oder auch regelmäßig als autor_in dabei sein wollt, könnt ihr mir gern an teresa punkt buecker ät editionf punkt com schreiben.

die plattform ist gerade noch in der geschlossenen betaphase. dass heißt, dass ihr das erste mal dazu aufgefordert werdet, euch zu registrieren. danach könnt ihr alles lesen, kommentieren, bugs aufindig machen und feedback geben. später im sommer folgt der offene launch. und das ist auch so ein grund, warum ich zu edition f gegangen bin: die vorbereitungen des launchs vom freitag 2008/2009 waren mit meine lehrreichsten, aufregendsten und tollsten beruflichen erfahren. websites zu launchen ist eine meiner kleinen lieben. zumal wenn sie so wunderschön sind wie edition f.


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2 Comments:
Blogger Ninia LaGrande said...
Ich lese schon begeistert mit und wünsche dir und dem ganzen Team ganz viel Erfolg!

Anonymous Julia Seeliger said...
"als netzaktivistin setze ich freiheit vor sicherheit"

Interessant. Haben die Netzaktivisten keinen Sicherheitsbegriff mit Herz? Keinen Begriff von sozialer Sicherung? Oder war das taktisch motiviert, Lob der Selbstständigkeit ... Naja, wird schon. Ein Jahr Arbeitslosengeld gibt einem schon viel Sicherheit.

An sich: viel Glück.

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