Foto: Lizzy Gadd via unsplash

Ein Jahr nach #Aufschrei ist es still geworden, viele Feministinnen haben Burn-out-Gefühle. Darüber hab ich für den Freitag geschrieben. Jetzt gibt es den Text auch hier.


Es fühlt sich an wie ein Kater. Zu viel Wodka und zu wenig Wasser in der Nacht zuvor, die Muskeln sind verspannt. Ein steifer Nacken, ein schmerzender Rücken, die Sonne lässt sich hinter der vorgezogenen Gardine vermuten, aber ich drehe mich um und schaue an die weiße Wand. Als ich später mein Laptop öffne, klicke ich den Text, den ich schon angefangen habe und eigentlich fertigschreiben wollte, gleich wieder weg. Jedes geöffnete Tab scheint zu viel, die Hashtags auf Twitter flirren vor meinen Augen. Ich fliege über einen Dialog zweier anderer User, die einen Artikel über Sexismus diskutieren, atme aus – und klappe den Computer wieder zu.

Feministischer Burn-out: Seit dem Frühjahr geistert dieser Begriff verstärkt durch Blogs und Foren. Und man sollte ihn ernst nehmen. Ein feministischer Burn-out ist mehr als eine temporäre Lustlosigkeit, mehr als angestauter Frust oder das Gefühl, in diesem einen Moment keine Idee zu haben, wie es weitergehen soll. Es ist die Depression der Aktivistin – eine Enttäuschung und Erschöpfung, die so manchem Betroffenen den Aktivismus schon verleidet hat.

Das Ausgebranntsein kann viele Ursachen haben. Und es trifft häufig Menschen in politischen Bewegungen. Das Erschöpfungssyndrom reißt die Betroffenen oft physisch, also ganz praktisch aus ihrem Alltag – und damit auch aus ihrem virtuellen Leben. Activist Burn-out wird das Phänomen international genannt. Es ereilt besonders diejenigen schnell und heftig, die sich gerade erst einer Bewegung angeschlossen haben. Dabei beruht der Burn-out, den Online-Aktivist_innen erfahren, zum Großteil auf virtueller Gewalt. Deren Existenz anzuerkennen und nach Wegen zu suchen, mit dieser Gewalt umzugehen und sie zu mindern, ist ein Auftrag an alle, die ein friedliches Zusammenleben und den Schutz vor Übergriffen als Werte begreifen. Internetfreiheit bedeutet mehr als die Freiheit von Überwachung und Zensur.

Wenn eine Aktivist_in will, kann sie sich im Internet rund um die Uhr an Aktionen beteiligen. Das Netz, welches sie als Teenager noch als Freizeitraum kennengelernt hat, ist ein politischer Raum geworden, der intellektuell und seelisch fordernd sein kann. Oberflächlich betrachtet wirkt es gefahrlos: Man schreibt einen Blogpost, klickt auf die Teilnahmebestätigung einer Veranstaltung, schickt einen Tweet ab, postet ein lustiges Bewegtbild, ein Gif. Als „Klickaktivismus“ wird solches Engagement im Netz oft beschrieben oder auch: gescholten. Das mag für die Unterzeichnenden von Online-Petitionen gelten. Auch ein „Gefällt mir“-Häkchen ist schnell gesetzt.

Echte Online-Aktivist_innen ticken beziehungsweise klicken jedoch anders. Ihr Engagement ist langfristig angelegt, sie tun es mit Leidenschaft, oft unter persönlichen Opfern wie der vielen Zeit, die sie investieren. Langfristig kann ein solches Engagement nur funktionieren, wenn die Community, in der sich eine Aktivist_in bewegt, ihr den nötigen Schutz bietet, wenn diese Community wächst und auch Strategien hat, um ihre Ziele zu erreichen.

Wie schwierig es ist, solche Gemeinschaften aufzubauen, ist an der #Aufschrei-Bewegung deutlich geworden. 2013 war das Jahr, in dem feministisches Engagement es nach langer Zeit endlich wieder einmal geschafft hatte, ein Thema medienwirksam in der Öffentlichkeit zu positionieren und eine breitflächige Sexismus-Debatte loszutreten. Aber jetzt, 2014, ist es erst einmal still geworden um den sogenannten jüngeren Feminismus. Anne Wizorek, die von Medien als Initiatorin und Sprecherin der Bewegung auserwählt worden war, bringt zwar in diesem Jahr ihr erstes Buch heraus, doch dass unter dem Titel „Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ eine weitere breite gesellschaftliche Auseinandersetzung anbricht, scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Nicht nur fehlt das konkrete Thema, der aktuelle Aufhänger, der auch Medien erneut mitreißen könnte; auch die Community, die dem heutigen Feminismus noch einmal einen solch durchschlagenden Schub geben könnte, ist im Moment nur schwer auszumachen.

#Aufschrei ist eine Legendenbildung gelungen: Noch immer hört man von Politikern und Journalisten, junge Feministinnen hätten mit der Sexismusdebatte die FDP aus dem Bundestag gekegelt. Dass Feministinnen als übermächtig wahrgenommen werden, ist ein verbreitetes Phänomen antiquierter Geister, die ihre eigene Macht kaum wahrnehmen. Genau dieses Phänomen schuf damals, in den Monaten vor den Bundestagswahlen, ein günstiges Klima, um eine Mediendebatte mit feministischen Stimmen in Gang zu bringen.

Nach den Bundestagswahlen ist die Situation aber ganz anders. Sozialdemokrat_innen würden Feminist_innen die Große Koalition gern als Fortschritt verkaufen. Gleicht man die geschlechterpolitischen Vorhaben der SPD aber mit den Forderungen ab, die jüngere Frauen auf Bühnen, in Blogs und Tweets formulieren, weiß man sehr genau, dass auch Manuela Schwesig von ihnen kaum ein gutes Zeugnis ausgestellt bekommen wird. Geschlechterpolitik war in den Koalitionsverhandlungen unwichtig. Von sozialdemokratischer Programmatik wird sich in den kommenden Regierungsjahren ohnehin kaum etwas in Gesetzen wiederfinden. Die Pille danach wird mit dem CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe in dieser Legislatur nicht auf der Liste rezeptfreier Medikamente landen. Das Ehegattensplitting bleibt, gleichgeschlechtliche Paare werden weiterhin nicht adoptieren dürfen, beim Transsexuellengesetz sind keine Verbesserungen zu erwarten, und Staatsbürgerschafts- und Asylrecht senden keine deutlichen Zeichen für eine bessere Inklusion und weniger Rassismus. Feminist_innen und Queer-Aktivist_innen müssen sich auf weitere vier frustrierende Jahre einrichten. Auch das ist ein Dämpfer fürs Engagement.

Die Freigabe der Pille danach zu bewirken: Das wäre zum Beispiel ein messbarer Erfolg. Und Erfolgsmomente sind wichtig, selbst für Aktivist_innen, die genau wissen, dass sie für einen sehr umfassenden gesellschaftlichen Wandel eintreten, der Zeit braucht, um zu greifen. Die amerikanische Feministin Jessica Valenti schrieb dazu in einem ihrer Texte über den feministischen Burn-out, dass sie von Jüngeren oft gefragt werde: „Wie bist du dazu in der Lage, dich weiterhin zu engagieren, wenn es doch so frustrierend ist?“ Genau diese Frage treibt auch in Deutschland Menschen um, die sich bei der #Aufschrei-Bewegung vielleicht zum ersten Mal für ein feministisches Anliegen eingesetzt haben.

Die Debatte hat 2013 etwas Wichtiges geschafft: Sie ermöglichte Menschen, die genug hatten von Sexismus, sexueller Belästigung und anderen Übergriffen, ihre Wut herauszulassen und zu erleben, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. Aber so schwierig es ist, entsprechende Anschlussprojekte schnell auf die Beine zu stellen, so schwierig ist es auch auszumachen, was die Initiative bewegt hat – ob sie überhaupt konkret etwas verändert hat. Die temporäre Gemeinschaft, die #Aufschrei war, gibt es so nicht mehr. Und viele damals neu dazugekommene Aktivist_innen haben seit ihrem Engagement längst schon wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Manche mögen jetzt auch einfach enttäuscht sein von dem Versprechen, das #Aufschrei für sie vielleicht bedeutet hat.

Als bleibende Anlaufstellen rund um #Aufschrei kann man am ehesten noch bestimmte Blogs ausmachen – doch auch hier sind die Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt und nicht besonders inklusiv, also: offen nach außen. Die gegenseitige Wertschätzung ist eine der wenigen Währungen, die der Aktivismus hat, um Menschen beieinander zu halten, damit eine Bewegung wachsen kann. Es geht also um die Nachwuchsarbeit – und diese erfordert es, aus der eigenen Filterblase hinauszutreten, neue Menschen einzuladen und gezielt nach denjenigen Ausschau zu halten, die auch gern mitmachen würden, aber vielleicht noch nicht genau wissen, wo und auf welche Weise und welches Vokabular sie benutzen sollen. „Wenn wir positive Veränderungen wollen in der gesamten Gesellschaft, können wir uns nicht auf aktivistischen Inseln abschotten. Wir müssen breite Bündnisse bilden mit Menschen, die noch keine Mitglieder unserer Gruppen sind“, so formuliert es die Trans-Aktivistin Julia Serano in ihrem Buch Excluded.

Es gibt keinen organisierten Kreis von (Online-)Feministinnen, keine zentrale, offizielle Anlaufstelle, die auf die Frage nach Folgeprojekten Antworten geben könnte – oder gar müsste. Das liegt auch daran, dass das Engagement für die Beteiligten nur eine Teilzeittätigkeit sein konnte. Jede kann unterschiedlich viel Zeit und Kraft aufbringen. Und es kommen ganz persönliche Voraussetzungen hinzu: Wer sich öffentlich für feministische Anliegen positioniert, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten offen anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Beleidigungen sind der zarte Anfang der Skala der Reaktionen, die nach oben offen ist und manchmal bis zu heftigem Stalking, bis zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen reichen kann. Hassattacken über das Internet gewinnen leicht ein Ausmaß, das mit Alltagserfahrungen nicht vergleichbar ist und die Betroffenen unvorbereitet überrollt. Solche Anfeindungen, solche psychische Gewalt wegstecken zu können, hängt meist von sehr individuellen Ressourcen ab. Die eine lässt es kalt, die andere verletzt es stark. Die Aussichten auf erfolgreiche Strafverfolgung sind gering – die entstandenen seelischen Verletzungen bleiben. Sie werden momentan aber gesellschaftlich nicht anerkannt.

#Aufschrei war von außen betrachtet eine sehr selbstbewusste Bewegung und hat dieses Gefühl besonders durch die Gemeinschaftserfahrung auch hervorgerufen. Man muss aber bedenken, dass #Aufschrei vorher erfolgte Verletzungen thematisierte, und dass jene Verletzungen im Zuge des Engagements vielen Beteiligten erneut wehgetan haben. Zusammengenommen mit dem Hass, der den Aktivist_innen entgegengetragen wurde, entstand so eine Wucht von Verletzungen, die viele Frauen wieder verstummen ließ.

Als Aktivistin ist es wichtig, sich die eigenen Ansprüche bewusst zu machen – um sich selbst mit mehr Nachsicht zu begegnen und eine realistische Idee davon zu entwickeln, was man selbst leisten kann und was nicht. Wer sich mit Wut, vielen Ideen und einem unbändigen Drang, die Welt zu verändern, in einen politischen Kampf aufmacht, vergisst leicht, dass die Sorge um sich selbst – international Self Care genannt – mindestens so wichtig ist wie die Sorge um die Sache. Wer sich selbst verausgabt, kann auch der Bewegung nicht mehr nützen. Die Aktivistin und Lyrikerin Audre Lorde schrieb dazu schon 1988: „Selbst-Fürsorge ist nicht Selbstzufriedenheit, sondern gezielter Selbsterhalt, und das ist (als Feministin) ein Akt der politischen Kriegsführung.”

Von dieser Warte aus betrachtet, ist es vielleicht auch ein gutes Zeichen, dass es um den feministischen Aktivismus in diesem Jahr erst einmal wieder etwas ruhiger geworden ist. Die Kraft kann und sollte sich jetzt erst einmal nach innen richten. Wer einen Aktivist_innen-Burn-out bei sich oder anderen feststellt, sollte so streng mit sich oder den Betroffenen sein wie Ärzt_innen mit jedem anderen Burn-out-Patienten: Einfach mal ein paar Monate etwas völlig anderes machen, auf den eigenen Bauch hören, Schlaf nachholen und wissen, dass nichts so wichtig ist, das es es wert ist, dafür kaputt zu gehen. „Kümmert euch um euch selbst, erkennt an, wie hart Aktivismus ist, und kommt dann zurück. Wir brauchen euch“, sagt die 35 Jahre alte US-Feministin Jessica Valenti.

Nachdem 2013 das Jahr des Agenda-Settings, der Medienpräsenz und der starken Außenwirkung war, kann 2014 also zum Jahr des Community-Buildings und der Self Care werden. Der Aktivismus verläuft erst mal nach innen, sorgt sich um sich selbst, regeneriert sich – bevor er wieder die Welt in Angriff nimmt.

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