10/13/2014

Selfie mit Akt von Olivier Christinat.

Der Text ist in einer gekürzten Fassung unter dem Titel „Das nackte Selbst“ in DIE ZEIT 2014/42 erschienen.

Die Art und Weise, wie Menschen ihr leben miteinander teilen – freiwillig, zufällig und erzwungen – hat sich mit der Kommunikation in der digitalen Welt grundlegend gewandelt: Der Begriff Information-Overload zeichnet eine Welt, in der Menschen durch zu viele, zu schnelle Informationen letztendlich handlungsunfähig werden, Bundesminister Alexander Dobrindt sprach bei der Vorstellung der Digitalen Agenda von einem Daten-Tsunami, der gebändigt werden müsse, und auf der anderen Seite der zu schützenden Privatsphäre steht schließlich das Oversharing: das Phänomen, dass Menschen immer mehr über sich selbst öffentlich oder zumindest für Teilöffentlichkeiten über sich preisgeben – nicht nur mit Daten, in Worten, sondern vor allem auch in Bildern.

Die private Kommunikation unterscheidet sich hierbei wenig von Medien: Bilder sind wirkmächtiger als Text, sie wecken stärkere Gefühle bei den Konsumenten – seien es die ersten Fotos eines Royal-Babys oder die Ermordung einer ISIS-Geisel. Dass insbesondere Jugendliche in bildbasierten sozialen Netzwerken zuhause sind – in ihren eigenen YouTube-Sendungen, bei Instagram, Snapchat oder Slingshot – kann somit kaum als Kulturverlust unter Teenagern gelten, vielmehr bildet diese Tatsache die bestehende Medienkultur ab. Die Antwort darauf, warum schon 12-Jährige mit dem Sexting beginnen und sich gegenseitig Nacktbilder mit dem Handy schicken, müssen Erwachsene auch in der Welt suchen, die sie medial gestalten.

Während Eltern und Lehrer versuchen Schüler darüber aufzuklären, wie sehr ein verliebt versandtes Nacktbild sie verletzen kann, tun sie das gleiche und stolpern ebenfalls darüber, wie zum Beispiel der US-Politiker Anthony Weiner. Zudem haben Erwachsene auch das angezogene Selfie so fest in die Arme geschlossen, das es sogar aus der Politik kaum noch wegzudenken ist. Das WM-Selfie von Lukas Podolski und Angela Merkel war ein Lottogewinn für die Regierungskommunikation. Und kurz nach dem weltweit verbreiteten Oscar-Selfie mit Ellen DeGeneres und anderen Hollywood-Prominenten sah man plötzlich auch fröhliche Sozialdemokraten und Gewerkschaftler gemeinsam in eine Handykamera strahlen. Die Botschaft dieser Selbstporträts scheint immer die eine zu sein: Das sind meine Freunde und uns geht es prächtig.

Auf dem Oscar-Selfie ist zufälligerweise auch eine Frau, die Ende August erneut wegen selbstfotografierter Bilder in den Schlagzeilen war: Jennifer Lawrence. Ein Hacker hatte private Bilder von mehreren Hollywood-Schauspielerinnen digital erbeutet und veröffentlicht. Der Vorgang lief in Medien als „Nacktfoto-Skandal“, juristisch betrachtet handelte es sich um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung. Nach deutschem Recht ist die Verletzung der Intimsphäre, zu der Nacktbilder zählen, immer unzulässig. Dennoch schloss sich an die Veröffentlichung dieser Fotos eine Debatte an, die vor allem bei den Opfern des Hackerangriffs nach einer Mitschuld suchte: Hatten sie ihre Fotos nicht ausreichend geschützt? Was ist eigentlich mit diesen Frauen los, dass sie immerzu Bilder von sich selbst machen müssen, dazu auch noch nackt?

Ich finde jedoch Fragen an die Täter wichtiger. Es geht bei der Verbreitung von Nacktbildern niemals um Sex und den Lustgewinn am schönen Körper. Kostenlos verfügbare Pornografie ist für jeden mit den schlichtesten Suchmaschinenkenntnissen binnen von Sekunden erhältlich. Die Frage muss eher sein, welche kulturelle Verrohung stattgefunden haben muss, damit Hacker, Ex-Partner und schon Jugendliche die starke Verletzung der Intimsphäre als etwas begreifen, das ihnen zusteht und das nur ein Spaß ist. Geleakte Selbstakte sind dabei vergleichsweise harmlos. Erst im Juli gingen Nacktbilder der bewusstlosen 16-jährigen Jada nach einer vermeintlichen Vergewaltigung im Freundeskreis viral über soziale Netzwerke. Jada hatte keinerlei Kontrolle darüber, ob diese Fotos von ihr überhaupt entstehen würden oder nicht. Zur Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt kam der kollektive Hohn. Dass Frauen und Mädchen nun keine Nacktbilder mehr von sich machen, ist also keine Lösung, denn Aufnahmen können auch gegen ihren Willen oder heimlich entstehen.

Die Idee, erst gar nicht verletzbar zu werden, indem man sich nicht mehr fotografiert, vernachlässigt zudem einen wichtigen Aspekt von Selbstporträts: Die Macht über das eigene Bild. Die Geschichte des Nackt-Selfies beginnt schon weit vor dem Internet. Nachdem jahrhundertelang die künstlerische Dokumentation von Frauenkörpern in Männerhand lag, wagte Paula Modersohn-Becker 1906 einen radikalen Schritt, in dem sie ein Selbstgemälde von sich anfertigte. Nackt. Im vergangenen Jahr hat das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen dem weiblichen Selbstakt eine Ausstellung gewidmet. „Sie. Selbst. Nackt.“, hieß die Werkschau, bei der die Selbstbildnisse von Malerinnen, Fotografinnen und Videokünstlerinnen ausgestellt wurden. Darunter ist unter anderem ein 1933 entstandenes Foto der berühmten deutschen Fotografin Marianne Breslauer und die Videoarbeit „Cut Piece“ von Yoko Ono, in der sie sich die Kleidung vom Körper schneiden lässt.



In der Kunst ist das Selfie also zum einen ein feministischer Beitrag gewesen, damit Frauen selbst darüber Kontrolle erhielten, wie ihre Körper dargestellt wurden, zum anderen hat es die Blickwinkel auf diese Körper diversifiziert. Zu den gleichen Zwecken kann auch das Selfie in der Mainstreamkultur eingesetzt werden: Als Beitrag von Menschen, die sich in den Bildern der Medien nicht wiederfinden und damit Einfluss zurückgewinnen auf Fragen wie: Wie, und vor allem wie vielfältig werden Menschen in Medien dargestellt? Das Selfie als Narzissmus zu interpretieren ist daher eine einseitige Sicht. Zwar fasste die Bloggerin Olivia Muenter ihr Instagram-Verhalten unter der Überschrift zusammen: „Mein ganzes Leben ist eine Lüge“, dass Jugendliche Bildnetzwerke ausschließlich dafür nutzen, um eine perfekte Fassade abzubilden, stimmt so nicht. Als die Sängerin Beyoncé ihr neues Album veröffentlichte löste die Zeile „I woke up like this ... flawless“ bei Fans aus, sich direkt nach dem Aufstehen selbst zu fotografieren und diese Bilder zu teilen: Zerknautscht, zerzaust, ungeschminkt und: makellos.

Die traurige Seite dieser Selfies ist, dass schon Kinder und Jugendliche sich über den gesellschaftlichen Schönheitsdruck so bewusst sind, dass sie beginnen, sich zu wehren. Das Internet ist das erste Massenmedium, das junge Menschen dazu nutzen können, ihre eigenen Bilderwelten und damit eine alternative Orientierung zu schaffen – vor allem für Gleichaltrige. In ihren eigenen Communitys bekommen sie Bestätigung für ihr Aussehen, während Heidi Klum in der Primetime einem Mädchen sagen darf, dass sie fett sei.

Wenn Teenager soziale Netzwerke nutzen, zeigen sie dort ihre Hoffnungen, ihre Probleme, ihre Ideen – sie nutzen es als Weg, Teil des öffentlichen Lebens zu sein und ihren Platz in der Gesellschaft zu suchen. Selfies schaffen Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit. Wer das kritisiert oder fordert „Hört auf, euch ständig zu fotografieren“, muss auch wissen, dass die extreme Selbstfotografie Einladung zu einem Tauschgeschäft ist: Welche Möglichkeiten, jenseits von Bildern gehört zu werden und mitzureden, bietet ihr an?

Wenn meine Tochter langsam erwachsen wird, würde ich ihr gern sagen können, dass das, was sie zu sagen hat, wichtiger ist und mehr Aufmerksamkeit bekommen wird, als ihr Aussehen. Würde ich diesen Satz heute an ein Mädchen formulieren, wäre es eine Lüge.

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1 Comments:
Anonymous Doreen said...
Vielen Dank für diesen großartigen Beitrag.
Ich war selbst in dieser tollen Ausstellung, die mich sehr beeindruckt und mir viel Selbstbewusstsein für mein künstlerisches Auftreten gegeben hat. Ich habe lange überlegt, ob ich meine Selbstporträts öffentlich mache, gerade jene aus der Schwangerschaft. Genau aus den aktuellen Gründen war ich sehr zögerlich. Doch die in der Ausstellung gezeigten Werke und Darstellungen haben mir Mut gemacht, meine Botschaften über die eigene Angst zu stellen und mich nicht einschüchtern zu lassen.
...Ich glaube ich greife dies mal auf und schreibe dazu in meinem Blog.
Vielen Dank für die Inspiration und Deine Sichtweise auf dieses Thema, die meinen Blick auf alle Fälle weitet...
Viele Grüße, Doreen

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