Mein letzter Tag als 30-Jährige geht hinter der Kita in der Gartenstraße unter. Es war ein gutes Jahr, eins voller Überraschungen, Neuanfänge, Höhen und Tiefen. Eines, das inmitten vieler toller Frauen begann, und heute mit einer ganz kleinen Frau auf dem Schoß ausklingt. Vielleicht habe ich das Bedürfnis, das Jahr zu bilanzieren, weil ich ihm vorausgegriffen hatte. Im Februar habe ich für das ZeitMagazin einen Text über „Das Leben mit dreißig“ geschrieben, der im Juni dann erschien. Als ich ihn schreibe, blicke ich melancholisch und doch zufrieden auf die 29 Jahre zuvor zurück. Ich finde mich okay, ich finde den Ort, an dem ich mich mit Kopf und Herz befindet, okay.

Ich wäre gern bis 30 Mutter geworden, doch das schreibe ich nicht, das war mir zu persönlich und das ist der Punkt, an dem ich verletzlich bin. Stattdessen schreibe ich einen sachlichen Text über Diskriminierung und Kinderwünsche in die 30 kleinen Gedankenfetzen, die den großen Text ergaben. Als ich im März dann 30 werde, denke ich: „Jetzt kommt noch ganz viel, aber vermutlich niemals ein Kind.“ Vielleicht würde das okay sein, dachte ich. Als Feministin müsste ich doch anders glücklich werden können. Wozu eigentlich in all dieses Chaos noch ein Kind?

Der Text für da ZeitMagazin endet mit diesem Absatz:

30 – Risiko
 40 ist nicht "das neue 30". Wir können nicht erwachsen werden, wenn wir zugleich alles dafür tun, jung zu bleiben. Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.



Kurz vor meinem Geburtstag bin ich mit Eddie und Simonne zurück in eine eigene Wohnung gezogen. Zurück nach Mitte, unweit der Torstraße, der Kiez, in dem ich in elf Jahren Berlin immer Mal wieder zuhause war. Geplant habe ich eigentlich in Kreuzberg zu bleiben, die Immobilienlotterie beschert mir dann diese wunderschöne Wohnung in einem alten, unsanierten Haus. Von außen brüchig, aber idyllisch und in der Sonne leuchtend.




Fast wie ein kleiner Sonnenbalkon ist der Platz am Fenster der neuen Wohnung. Im April ist dann der Montag, an dem ich den ganzen Tag kein anderes Wort denken kann als „krass“. Es leuchtet in Neonfarben vor meinem inneren Auge. Ich bin schwanger. Kurz zuvor hatte ich meine Stelle in der SPD-Bundestagsfraktion gekündigt und in einem Startup unterschrieben. Dieses Kind hat Humor.


Den Kopf frei bekommen in Sardinien. Den Urlaub habe ich schon ein paar Wochen vorher gebucht, ohne dass ich wusste, dass ich nun diesen Zellhaufen durchschütteln werde. Eine Woche lang reite ich auf Shenook, der wie eine Bergziege die Hänge hinauf und herunter klettert, durch die Berge. Ich habe zehn Jahre lang nicht im Sattel gesessen, aber das Galoppieren macht immer noch am meisten Spaß.


Die Übelkeit beginnt erst in Deutschland. Und dann wird es auch hier endlich grün. Meine erste lange Radfahrt ist an einem Sonntagmorgen zum Besuch von Hillary Clinton. I want her voice. (Actually, I want to work for her.) Scrunchies trage ich auch immer zum Sport. 





Im Juni fange ich bei Edition F als Redaktionsleiterin an. Schon beim ersten Treffen mit Nora und Susann im Frühjahr war ich mir sicher, dabei sein zu wollen. Zurück im Journalismus, mit einem Team, das durch und durch für Online brennt.


Das Alt-Berlin muss schließen. You'll be missed.


Eine Freundin begleitet mich zum Ultraschall und wird selbstverständlich für meine Partnerin gehalten. Auch dafür mag ich die Hauptstadt. Im August beginnt der Nestbautrieb, von dem ich mir so sicher war, ich bekäme ihn nicht.




Im Oktober widmen sich die Medien dem Thema Social Freezing, alle finden es irgendwie schlimm, ich nicht. Auf meinen Kommentar für Edition F folgen zahlreiche Interviews und ein paar Talkshow-Einladungen, unter anderem geht es dafür nach Wien zur Sendung "Im Zentrum". Ich darf mit dem Babybauch so gerade noch fliegen. Auch wenn ich ihn auf dem Foto unten gut tarne.



Als Anne ihn dann wenig später fotografiert, lässt er sich allerdings nicht mehr verstecken.



Im November gehe ich in Mutterschutz. Mir ist langweilig. Es ist oft einsam. Simonne solidarisiert sich und ist mal wieder scheinschwanger.



Mitte Dezember beginnt das Leben im Bademantel. Wenn ich das Baby heute, drei Monate später, beim Schlafen anschaue, ist es noch immer irreal, nicht in Worte zu fassen, wie  das Herz platzt. Gleichzeitig fühlt sich der neue Alltag ganz normal an. „Was haben wir vorher eigentlich die ganze Zeit gemacht?“, fragt F. nachdem wir ein paar Tage wieder Zuhause sind.



Seit einem Jahr wohne ich wieder in der Nähe des Nordbahnhofes. Die Baustelle auf der Invalidenstraße, ihr unergründliches Chaos, der abermals aufgerissene Asphalt, ist ein treuer Begleiter. Ich habe sie lieb gewonnen, sie passt zum Jahr, zum Leben. Denn fertig ist es nie.



Und immer um den 13. März herum wird es Frühling. Besonders, wenn er auf einen Freitag fällt, ist er ein Glückstag.

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